Timothy – Julies Flucht

Angespannt umkreiste ich Julie. Ich konnte nicht anders. Ich musste bei ihr bleiben. Ich musste sie beschützen. Für sie da sein!

Dabei konnte sie mich nicht einmal sehen …

„Es tut mir leid. Es tut mir leid. Es tut mir leid“, flüsterte ich in die Nacht hinein.

Denn ich hielt mich für schuldig. Schuldig, nicht bei Timmy geblieben zu sein. Schuldig, ihn nicht beschützt zu haben. Schuldig, ihn sterben gelassen zu haben.

Er war jetzt tot.

Und Julie allein.

„Ich hätte bei ihm bleiben müssen. Ich- Bitte verzeih mir. Bitte!“, flehte ich das Mädchen an.

Nur hätte ich auch mit den Bäumen sprechen können.

Bibbernd lungerte sie im Unterholz. Ich wusste nicht, ob sie die Kämpfe bemerkt hatte und sich daher verängstigt versteckte oder ob die Kälte sie angehalten hatte, sich so zusammen zu kauern.

Ich wusste nur, dass sie allein war.

Und es war meine Schuld!

Angestrengt hielt ich meinen Zorn im Zaum. Ich wollte kein Feuer auslösen und so die Aufmerksamkeit auf sie lenken. Wenn diese Ritter sie bemerkten – sie würden sie auch hinrichten, oder? Sie würden …

Stimmen.

Erschrocken wirbelte ich herum. Da hinten waren Fackeln. Drei, vier, nein. Mindestens sieben! Vielleicht noch mehr. Sie durchkämmten den Wald. Sie-

Ob sie nach Überlebenden suchten?

„Du musst hier weg, Julie. Bitte. Dein Bruder wird nicht kommen. Aber du- Du musst leben! Bitte!“, flehte ich das Mädchen an.

Doch schaute sie nicht einmal auf.

So würde das nichts werden. Sie würde die Leute zu spät bemerken. Sie würde-

Sie durfte nicht sterben!

„Julie. Bitte. So hör‘ mich doch!“, rief ich verzweifelt aus.

Wie vorhin im Piratenhaus bauschte der Wind auf. Er peitschte ihre Haare zurück. Ließ sie aufsehen. Ließ sie in meine Richtung blicken. Für einen winzigen Augenblick glaubte ich, dass sie mich wieder sehen könne. Dass sie mich gehört hätte!

Dann glitt ihr Blick unfokussiert über mich hinweg. Sie schluckte, als sie die Feuer in der Ferne erkannte.

„Was hast du getan, Timmy?“, hauchte sie, als sie sich mit dem kleinen Bündel Habseligkeiten unterm Arm hochkämpfte.

„Er hat nichts getan“, erklärte ich traurig, „Nichts Schlimmes. Er hatte helfen wollen. Und das war ihm auch gelungen. Er- Er hat das nicht verdient.“

Damit folgte ich ihr. Ich beobachtete, wie sie sich durch das Geäst schob. Sie zitterte nun noch mehr. Zögerlich schwebte ich um sie herum. Begutachtete ihre Kleidung.

Sie hatte zu nah am Meer ausgeharrt. Hier waren winzige Tropfen der tobenden Wellen hinaufgeweht und hatten ihre Kleidung über die letzten Stunden durchnässt.

Deswegen fror sie!

„Das schaffst du, ja? Keine Sorge. Ich bin bei dir. Ich verlasse dich nicht. Niemals“, versprach ich ihr.

Ich überlegte, ob ich einen Waldbrand mit den Fackeln unserer Verfolgenden auslösen sollte. Gewiss könnten wir sie so loswerden! Aber die Wahrscheinlichkeit, dass auch Julie dadurch verletzt werden könnte …

Ich könnte mir nie verzeihen, sie so zu verlieren!

Damit folgte ich ihr wie ein Schatten. Ich nährte meine Verzweiflung. Ein Gefühl, das jedes Mal den Wind aufheulen ließ. Nicht in Julies Richtung. Zumindest nicht, nachdem ich besser darin wurde, ihn zu lenken. Ich trieb ihn an ihr vorbei. Damit sie nicht noch mehr Meerwasser abbekäme!

Als der Morgen andämmerte, brach sie vor mir zusammen. Keuchend umklammerte sie ihr linkes Bein. Es schien zu schmerzen. Dennoch brannte ein Feuer in ihren grauen Augen. Ein Feuer, das unaufhörlich loderte. Das sie vorantrieb. Und eines, das so viel heller erstrahlte, als die längst verschollenen Fackeln, die durch den Wald geirrt waren.

Ob die Verfolgenden kehrt gemacht hatten?

Nachdenklich umkreiste ich Julie. Ich besah ihr Bein. Der Kratzer darauf war nicht groß. Dennoch war er Feuerrot. Ob sie sich in der Dunkelheit an einer giftigen Pflanze verletzt hatte? Oder war es eine einfache Verletzung? Wieso wirkte sie so entzündet?

Sie bereitete mir Sorgen …

Während meine Gedanken wieder abschweifen wollten, raschelte das Gebüsch. Erschrocken drehte ich mich um. Ich blickte auf den schwarzen Hund, der sich Schwanz wedelnd durch schob. Der sich vor Julie setzte. Der an ihr schnupperte. Der bellte …

Wieso war er so zutraulich?

Ehe ich mir einen Reim daraus bilden konnte, stand dieser Sir Stark vor uns.

„Hier bist du, Kind. Komm mit!“, befahl er Julie.

„Nein! Er hat Timmy ermordet! Vorsicht!“, schrie ich aus und glitt durch ihn hindurch.

Nur schien ihn das nicht zu kümmern. Auch er war vollkommen durchnässt. Und so ignorierte er das Frösteln nur.

„Ich … Wer sind Sie?“

„Ich bin Sir Stark und die Tochter meines Herren wünscht dich zu sehen. Komm!“, forderte er Julie erneut auf.

Ich stockte.

Diese Madam forderte Julie zu sehen? Nun, sie hatte zuletzt von Timmys Schwester gesprochen, oder? Oder war das eine Falle? Nein. Es konnte keine Falle sein. Wenn dieser Ritter Julie töten wollte –

Gewiss könnte er sie genau hier enthaupten.

„Ich weiß nicht. Du solltest vorsichtig sein. Bitte“, flehte ich ungehört.

Julie musterte ihn eindringlich. Sie schaute zu dem Hund, der sich brav vor Sir Stark gesetzt hatte. Der so fröhlich wirkte …

Zu fröhlich nach dem Horror der letzten Nacht.

„Ich kann nicht mehr. Mein Bein …“, Julie wies auf die Wunde.

Der Ritter verzog keine Miene. Stattdessen trat er an sie heran. Kniete sich hin. Begutachtete die Wunde.

„Was sein muss, muss sein“, murmelte er, als er das Mädchen abrupt auflas.

Erschrocken quietschte Julie auf. Sie klammerte sich im Reflex an der Rüstung fest. Hielt inne. Betrachtete ihn erneut.

„Sie sind nicht böse, oder?“, fragte sie sachte.

Perplex hielt ich inne. Ich bemerkte, dass er nichts sagte. Dass er sie einfach trug, als würde er einen Schatz in seinen Händen verwahren. Etwas viel zu Kostbares, um es je wieder abzusetzen.

Und so konnte ich ihnen nur stumm folgen.

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