
Ich umkreiste Timmy und diese Madam besorgt. Es beunruhigte mich, wie gelassen Janes Enkel bei der Flucht blieb. Auch die unschlüssigen Blicke des Mädchens waren alles andere als hilfreich. Ob sie Angst vor Timmy hatte? Immerhin konnte sie mich ja nicht sehen. Sie wusste nicht, wie ich Ausschau hielt, Timmy die Positionen der anderen Leute zuflüsterte und so seine Schritte lenkte.
„Stopp“, warnte ich, während ich um die nächste Ecke sah, „Die Alte ist nebenan. Einen Moment.“
Damit glitt ich zu ihr herüber und konzentrierte mich auf den mickrigen Docht in ihrer Lampe. Ich musste mich nur kurz konzentrieren. Mich an meine Wut erinnern – und schon loderte die Flamme daran grell auf.
Schreiend ließ die Frau das Licht fallen und eilte in Richtung Küche. Sie schimpfte von Hexerei. Vom Teufel.
Nicht von einem Geist.
„Ihr könnt. Links aus dem Gang und dann durch die Luke raus. Aber vielleicht sollte sich diese Madam etwas überziehen. Ihr Kleid ist zu auffällig.“
Timmy nickte meinen Worten stumm zu. Er wandte sich an das Mädchen. Behauptete, dass sie gleich in Sicherheit wären. Schnappte sich eine Decke aus dem nächsten Raum. Bat sie darum, sich den Stoff über die Schultern zu legen. Um das Kleid zu verbergen.
Sie willigte stumm ein.
Kurz darauf krochen sie durch einen versteckten Gang nach draußen.
Eine gewaltige Last fiel mir von den Schultern, als ich den Himmel erblickte. Ich hatte es irgendwie geschafft. Irgendwie hatte ich beide rausbekommen. Timmy genauso wie diese Madam!
Nun mussten wir nur ungesehen zu den verlassenen Booten kommen. Wir mussten Julie einsammeln. Abhauen! Ehe uns noch jemand bemerkte …
„Warum hilfst du mir?“, fragte das Mädchen, als wir uns dem Hafen näherten.
„Was meinst du?“, entgegnete Timmy flüchtig.
„Jeder will immer irgendetwas von meinem Vater bekommen. Sicherlich hast du es auch auf etwas abgesehen. Gold? Ansehen? Einen Ritterschlag?“
„Könnte er das denn?“, fragte Timmy verdutzt.
Sie blieb stehen.
„Nein, nein, nein! Wir sind fast da. Muss das jetzt sein?!“, mischte ich mich ein, doch reagierte Janes Enkel nicht.
„Du weißt nicht, wer ich bin, oder?“
„Eine Madam“, Timmy zuckte mit den Schultern, „Jemand Wichtiges, der meiner Schwester helfen kann, nicht in ein Waisenhaus oder bei den Nonnen zu enden. Ich kann mich notfalls schon irgendwie durchschlagen. Sie?“
Unschlüssig hielt ich inne. Sonst hatte Timmy immer nur in der Wir-form gesprochen. Von sich und seiner kleinen Schwester. Seiner Julie. Er hatte sich nie von ihr trennen wollen. Er … Spielte er dieser Madam nur vor, wie man sich am besten aufopferte? War das eine Maske? Oder sah er sich einzig als Beschützer seiner kleinen Schwester?
Ich lauschte ihren Worten beiläufig. Ich war mir zu unsicher, wie viel Wahrheit sich in Timmys Aussagen versteckte.
Ich grübelte so sehr über Timmy, dass ich kaum bemerkte, wie die beiden weitergingen. Eilig folgte ich ihnen. Ich lauschte, wie Timmy Julies Namen erwähnte. Wie er ihre Größe zeigte und meinte, dass sie nur in diesen Ort gezogen waren, um einen Neuanfang zu wagen. Dass er ihn aber nicht in einem Piratennest beginnen wolle.
„Still!“, unterbrach ich ihn, als mir ein Geräusch auffiel.
Sofort hielt Timmy inne. Er legte für die Madam einen Finger an die Lippen. Lauschte mit mir. Hielt den Atem an-
Schreie.
Hastig tauschte ich einen Blick mit Janes Enkel aus, ehe er das Mädchen eilig vom Hafen weglenkte. Beide wirkten ängstlich. Zu ängstlich.
Ich musste sie beschützen!
Damit schwebte ich den Tumulten entgegen. Ich konnte die Piraten der Hafenstadt schnell ausmachen. Sie kämpften gegen Ritter. Männer in Kettenhemden und mit riesigen Schwertern. Sie schrien alle durcheinander. Blut floss durch die Straßen. Es bedeckte den Boden, als wäre die Flüssigkeit gerade aus dem Himmel gefallen. Als hätte sie die gesamte Erde getränkt!
Wie konnten Menschen nur so grausam sein?! Es erinnerte mich an ein Feuer. An ein einstürzendes Gebäude. Jemand hatte meinen Namen gerufen. Dann-
Wer hatte meinen Namen gerufen?
Der Zorn erfasste mich so abrupt, dass mehrere Häuser in Flammen aufgingen. Die Feuerstellen und Kamine reagierten auf mich. Sie bebten. Griffen um sich. Zerfetzten alles in ihrer Umgebung!
Ein schreiendes Baby lenkte mich ab. Es war mit seiner Mutter auf die Straße geflüchtet. Selbst die Angreifer hielten inne. Sie musterten die Frau.
Dann richtete einer der Männer beide hin.
„Ausschwärmen!“, befahl jemand, während er einen angelaufenen Piraten mit seinem Ende bekanntmachte.
Es war ein so grausiger Anblick. Ich konnte den Blick kaum abwenden. Ich musste zurück. Ja. Es gab jemanden, nach dem ich sehen sollte, oder? Einen Jungen? Er war der Enkel einer guten Freundin, oder? Ein Mädchen, das …
Wie hieß sie?
Und wer war ich?
Verloren schwebte ich über der Hafenstadt. Ich blickte unschlüssig hinab. Sah, wie die Leute umherrannten. Wie sie sich abschlachteten. Wie sie flohen. Wie es ein Anblick der Hölle war!
Erst als ich das Kleid der Madam erblickte, kam ich wieder zu mir. Sie … Sie war mit Timmy unterwegs gewesen!
Auf einmal kam alles zurück. Jane. Julie. Timmy. Wie wir hierhergereist waren. Wie er das Mädchen befreien wollte. Wie Julie noch auf ihn wartete!
Ich krachte wie ein Stein zu Boden.
„-hat mich rausgeholt!“
„Sir Stark wird ihn gerne befragen. Aber Euer Vater hat befohlen, dass alle Verräter dieses Ortes vor das höchste Gericht geschickt werden“, erklärte der Ritter, der sie eskortierte.
„Aber Timmy hat mir geholfen. Er hat mich befreit und-“
„Vielleicht war das auch eine Falle. Damit wir ihn verschonen. Bitte. Die Anweisung Eures hohen Vaters war eindeutig: Jeder aus diesem Ort muss hingerichtet werden. Keine Ausnahmen.“
Die Worte liefen mir kalt den Rücken runter.
„Nein! Ihr dürft nicht- Moment. Dann wird Sir Stark ihn töten, egal, was er sagt, oder?“, drangen die Worte der Madam kalt durch mich hindurch.
„Er führt nur den Befehl Eures Vaters aus. Verzeiht.“
„Aber-“, sie schüttelte sich, „Bitte! Er ist nicht einmal von hier! Sie sind hierher gewandert. Er und seine Schwester. Und sie- Sie ist noch ein Kind. Genauso alt wie Maria. Bitte. Dafür muss es doch Gnade geben! Er wollte mich zu dem Vorsprung bringen und sie einsammeln, um diesem Ort zu entkommen. Alleine übersteht sie das nicht. Sie darf nicht sterben!“
„Wir können nicht-“
„Sie ist außerhalb des Dorfes! Sie ist in Vaters Befehl nicht inbegriffen. Sie … Wir müssen sie mitnehmen. Bitte! Wir … Bitte …“, das Mädchen schluchzte.
Ich starrte in ihre dunklen Augen. Schüttelte mich. Konnte den Worten nicht mehr folgen. Ich war doch gerade noch bei Timmy gewesen! Ich …
Ein anderer Ritter trat an sie heran. Ich lauschte, wie sie ihn grüßte. Wie sie es als falsch bezeichnete. Wie sie jedoch wusste, dass dieser Sir Stark nur Befehle ausführte.
Zittrig schwebte ich in die Häuserenge, aus der der Ritter getreten war. Ich konnte Blut erblicken. Starre graue Augen. Tote Augen …
Ich musste zu Julie!
Rasant erhob ich mich durch die Luft. Ich spürte, wie die Winde aufbauschten. Als ob sie meine Verzweiflung teilten. Die Feuer waren alle erloschen. Dafür waren die Winde nun umso heftiger.
Und sie trugen mich zu der wartenden Julie.
Ein Mädchen, das in der Dunkelheit auf dem Vorsprung ausharrte.
Ein Mädchen, das dort nach ihrem Bruder Ausschau hielt.
Ein Mädchen, das wohl bald ihrem eigenen Tod begegnen würde.
Ich musste sie beschützen!
