
„Guten Morgen“, grüßte er Ling Chen Ma, als er, wie jeden Tag, unten an der Kreuzung mit ihm zusammenstieß.
„Ah. Guten Morgen“, erwiderte der Asiate lächelnd, „Heute wieder früher?“
Niklas zuckte mit den Schultern. Er gab sich gelassen. Nicht so, als hätte er wieder darauf gewartet, dass der andere endlich sein Apartment verließ. Nur, um den Kontakt zu wahren. Nur, um an Informationen zu kommen. Nur, um dabei unauffällig in dem neuen Viertel einzublenden.
„Konnte nicht schlafen. Du?“
Der Mann lachte gutmütig. Dennoch schien er sich umzusehen. Wie jeden Donnerstag. Also musste er auch letzte Nacht etwas gehört haben, über das er nicht frei sprechen konnte …
„Das sieht man dir an“, Ling besah Niklas‘ wilden Haare, wegen denen er von so vielen als Struwwelpeter bezeichnet wurde. Die Leute seines Vaters hatten ihm den Spitznamen gegeben. Seine Halbschwester hatte ihn aufgegriffen. Und nun war er ein Teil seines Wesens. Ob er wollte oder nicht.
Niklas wartete, ob der andere diesmal mehr sagen würde. Ob er diesmal über seine Nachbarin reden würde. Dass er schwieg, reizte den Struwwelpeter. Am liebsten wollte er seine Antworten einfordern. Doch würde das die Aufmerksamkeit auf ihn lenken. Und derzeit konnte er das nicht gebrauchen. Er musste sich unauffällig geben, wenn er seinem Vater das Handwerk legen wollte. Er musste zusehen, dass niemand ihn verdächtigte. Er musste sein eigenes Netzwerk aufbauen. Seine eigene Zukunft!
„Ich komm halt nie zum Friseur. Zu viel los“, behauptete er, als sie die Straßenkinder passierten. Ein kleines Mädchen blickte neugierig auf. Sie hielt einen Keks in ihren zierlichen Händen. Ein Keks der dort nicht hinpasste und der bewies, dass sie bereits hier gewesen war.
„Hm. Passt aber auch irgendwie zu dir. Ich könnte mir nicht vorstellen, wie du mit ordentlichen Haaren aussiehst“, erklärte Ling, „Kommst du nachher wieder vorbei?“
„Hm“, bestätigte er, „Ich soll eure Sprechanlage reparieren.“
„Meinst du, du bekommst das Rauschen raus?“
„Ich schau, was ich tun kann.“
Damit verabschiedeten sie sich. Niklas wartete, bis der Asiate im Bus war, ehe er sich abwandte. Ehe er sich dem Café zuwandte.
Ling Chen Ma kannte ihn nur als fähigen Techniker. Ein Zugezogener, der keine Ahnung von Merichavens finsteren Seiten hatte. Dabei war Niklas in genau jenen finsteren Seiten der Stadt aufgewachsen. Deswegen war er ins Hafenviertel gezogen. Um die Kyongs auszuspionieren. Erst hatte er den alten Kyong beschattet. Dann dessen Sohn. Nun war Lings Nachbarin an der Reihe. Sie war der Grund, warum Niklas ursprünglich Lings Telefon präpariert hatte, damit dieser ihn um Hilfe bat. Damit Niklas ihr näher käme …
Eigentlich hatte der Struwwelpeter erwartet, dass Ling seine Dienste ausnutzen würde. Dass er ihn zu billig bezahlen würde. Dass er ihn mit Lügen füttern würde. Sie lebten immerhin in Merichaven! Doch stattdessen war der Asiate aufgetaut. Er hatte Niklas offen empfangen. Er hatte ihn zum Essen eingeladen, als sie sich das erste mal an der Kreuzung trafen. Er war ein freundlicher Mensch. Ein Mensch, der stets an das Gute in seinen Mitmenschen sehen wollte. Der sich jedoch nicht auf das Gute verließ.
Und dafür bewunderte Niklas ihn.
Still betrat er das Café hinter der Bushaltestelle und setzte sich in die entlegenste Ecke. Von dort konnte er den ganzen Laden überblicken. Er schaute zuerst nach ihrer Kollegin, die die anderen Tische bediente. Dann zur Küche. Und zuletzt zu ihr.
Ihre Augen wirkten größer. Nicht gerötet. Nein. Das wurde vom Makeup kaschiert. Aber die Farbe konnte nicht die hängenden Lider verbergen. Anzeichen dafür, dass sie nicht viel geschlafen hatte. Dass sie sich wieder mit ihrem Bruder gestritten hatte. Dass sie letzte Nacht geweint hatte.
„Das Übliche?“, fragte die Tochter des Kyongs, als sie Niklas bemerkte.
„Ja, bitte.“
Schon war sie wieder weg.
Niklas ballte seine rechte Hand zur Faust. Er versteckte sie unter dem Tisch. Außer Sicht. Er konnte sich denken, worum es in dem Streit gegangen war. Warum Ling auf die Nachfrage nicht geantwortet hatte. Wieso sie so erschöpft, so elendig aussah.
Die Wände in diesem Viertel waren viel zu hellhörig!
Er schloss die Augen und konzentrierte sich auf seine Faust. Entspannte sich langsam. Öffnete sie. Ermahnte sich zur Ruhe. Nur so konnte er sich besinnen. Nur so konnte er verhindern, sich versehentlich zu verraten.
Langsam wanderte die Hand zu seiner Brust. Zu seiner Narbe. Zu dieser dämlichen Zeitbombe neben seinem Herzen.
Menschen. Waren. Abschaum.
Sie und Ling waren keine Ausnahme!
„Pancakes mit extra Sirup, Kakao mit extra Zucker und Marshmallows. Diabetes und Karies stehen zwar nicht auf der Speisekarte, kommen aber bald hi sagen, wenn du deine Diät nicht änderst“, riss sie ihn aus seinen Gedanken.
Niklas nickte. Schaute auf. In ihr Gesicht. Ihre Stimme … Sie klang angespannt. Als wollte sie eigentlich weinen. Als musste sie eigentlich weinen!
Er wollte ihr am liebsten gut zureden.
„Danke“, entgegnete er leise. Leise, aber ehrlich. Ehrlicher als zu Ling oder seiner Halbschwester. Diese Bedienung vor ihm, diese Augen, die ihn so traurig anlächelten …
Er konnte sich nicht abwenden.
„Schon gut. Guten Hunger“, damit eilte sie zum nächsten Tisch.
Nein. Nicht sie oder eine einfache Bedienung. Ihr Name war Danbi. Und jeden Donnerstag, wenn er sich in Danbis Nähe befand, wenn er ihre Erschöpfung, ihren Schmerz mit eigenen Augen sah, fühlte er sich anders. Als zerbreche etwas in ihm. Als wollte er sie zum Lachen bringen. Als machte sein Herz einen Hüpfer, wenn sie sich endlich wieder fing.
Als wollte er dann ungewollt lächeln …
Angestrengt wandte er sich ab und machte sich über sein Frühstück her. Es war das zuckerlastigste auf der Speisekarte. Das Einzige, das ihm genug Energie bis zum Mittag geben konnte. Er verschlang zuerst die Pancakes. Wenn dabei etwas Sirup übrigblieb, goss er ihn in den Kakao. Danach vertilgte er auch diesen mit wenigen Schlucken.
Als er die Tasse abstellte, sah er Danbi. Sie stand an der Tür. Bei dem Mädchen, das er zuvor mit dem Keks gesehen hatte. Sie sprachen miteinander. Leise. Leise aber eindringlich. Dann nickte das Kind und umarmte Danbi, ehe es davonlief.
Niklas lauschte, wie sie zu ihrer Kollegin ging. Sie fragte, ob das übrig gebliebene Essen beiseite gestellt werden könne. Die Eltern des Kindes hätten nicht genug zusammenbekommen. Und die Suppenküchen mussten diesen Monat bereits wieder eingestellt werden, da nicht genug Spenden zusammengekommen wären. Die Familie brauchte Hilfe!
Seufzend willigte die andere ein.
Kurz darauf stand Danbi neben ihm: „Alles in Ordnung gewesen?“
„Ja. Danke“, er legte das Geld für sein Frühstück auf den Tisch, „Was ist mit der Kleinen?“
Danbi antwortete nicht sofort. Sie räumte erst alles zusammen und steckte die Scheine ein, ehe sie nochmal zur Tür sah. Ganz so, als erwarte sie das Kind dort zu stehen.
„Ihre Mutter ist angeschlagen. Ihr Vater mit allem überfordert. Ihr Bruder versucht, die Familie über Wasser zu halten. Doch … Kim braucht Hilfe. Sie bürdet sich zu viel auf und …“, Danbi seufzte, „Sie denkt, die Situation ihrer Familie ist ihre Schuld.“
„Huh“, er nickte, „Aber das ist es nicht.“
Danbi stockte. Betrachtete ihn genauer. Schüttelte den Kopf.
„Das ist nicht, was du eigentlich fragen willst, oder?“
Er mochte es, wenn sie direkt war. Sie schien immer zu bemerken, wenn er allgemeine Themen aufgriff, um sie in tiefere Gespräche zu verwickeln. Um sie besser kennenzulernen. Um sie besser einzuschätzen. Um sie besser zu verstehen …
Wie sonst sollte er wahrhaben, dass jemand mit ihrem reinen Herzen wirklich existierte?!
Denn Danbi war die reinste Seele auf Erden. Sie arbeitete halbtags im Café um ihre Miete zu bezahlen. Ansonsten war sie aber auch ehrenamtlich in den Suppenküchen aktiv. Sie ging häufiger durch die Straßen, um sich um die Obdachlosen und Verwahrlosten zu kümmern. Sie telefonierte fast jeden Abend für die Kummerhotline. Jemand wie sie …
Sie war ein Wunder.
Ein Wunder, an das er schon lange nicht mehr glauben konnte.
„Wieso nicht?“, er gab sich gelassen, „Sie wirkte ziemlich ausgelaugt.“
„Aber du hast ihr noch nie etwas gegeben. Kein Geld. Kein Essen. Dabei kommst du jeden Morgen an ihr vorbei. Wenn du dich mit deinem Freund Ling unterhältst. Nein“, Danbi runzelte die Stirn, „Du kommst jeden Morgen her. Und jeden Morgen …“
„Es gibt hier halt sehr leckere Pancakes“, entgegnete er, „Und jeder liebt ein gutes Frühstück.“
„Du weißt schon: Wenn du mich weiter so beobachtest, wird mein Bruder dich noch häuten«, erklärte sie mit hochgezogener Augenbraue.
Niklas wusste, dass sie nicht übertrieb. Für einen Moment fühlte er sich ertappt. Als hätte sie ihn dabei erwischt, wie er Genmas gesamtes Imperium ausspionierte. Denn ja. Er beobachtete sie. Aber … Er tat es nicht nur, weil er etwas gegen den alten Kyong in der Hand haben wollte. Nicht gegen ihn. Nicht gegen ihren Bruder. Irgendwie …
Er konnte sich in ihren Augen verlieren.
»Ich glaube nicht, dass du dir darüber Sorgen machen müsstest«, entgegnete er und erlaubte sich ein kleines Lächeln.
Denn wie hätte er ihr Lächeln nicht erwidern können? Wenn er sie ansah … Es fühlte sich so an, als ob er all seine Schmerzen endlich vergessen konnte.
