Märchenstunde: Das Erbe des Berges II

Zum ersten Mal blieb Domini als Nachfolgekind in einem Dorf. Er gab seinen Status vor den wenigen Leuten des Dorfes bekannt und forderte die beste Unterkunft. Nur so konnte er sicherstellen, dass sich Deitas Vater benahm und dass alle die Launen des Berges ihm zuschoben.

Nicht Nova.

„Wie lange gedenkt Ihr noch zu bleiben?“, fragte Deitas Mutter am nächsten Morgen höflich.

Im Dorf sprach sie höflicher mit ihm, als draußen in den Wäldern oder an den Klippen. Wahrscheinlich versuchte sie, einen gesunden Abstand zu wahren. Und ihre Abmachung zu verbergen, wegen derer sie einst Nova aufnahm.

„Bis mein Halbbruder hier ist.“

„Ihr wollt uns in Gefahr bringen?“, sie hob eine Augenbraue.

„Ja und nein. Es wäre gefährlicher, zu gehen. Er würde euch alle foltern, um zu erfahren, wo ich hingezogen sein könnte. Solange ich aber zugegen bin, kann ich den Berg davon abhalten, euch zu verletzen. Ich bin euer bestes Schild.“

„Warum sollte er nicht das ganze Dorf dem Erdboden gleich machen, sobald er weiß, dass Ihr hier seid?“

„Dafür muss er aber Bescheid wissen. Also muss er herkommen“, Domini zuckte mit den Schultern, „Keine Sorge. Euch passiert nichts“, er lehnte sich in ihre Richtung, „Du solltest nur zusehen, dass dein Mann seine Loyalität gegenüber dir und deinen Kindern wahrt.“

Ihrem Blick war anzusehen, dass sie verstand. Wenn ihre Verbundenheit mit ihrem Mann zerbrach, wäre es ihm egal. Aber wenn dieser dadurch seine Nova verletzte …

„Das wird nicht passieren“, verkündete sie still.

„Das hoffe ich doch“, lächelnd klopfte er auf ihre Schulter. Anschließend spazierte er zu den Männern des Dorfes, die am Dorfplatz diskutierten.

Als er in ihre Mitte trat, verstummten die Leute. Alle behandelten ihn mit einer Mischung aus Vorsicht, Missmut und Respekt. Sie wussten, dass die Nachfolgesuche beinahe beendet war. Sie wussten, dass er ihr neuer Herr werden könnte. Ihn zu verärgern konnte einen frühen Tod bedeuten.

„Eure Frauen scheinen sich beim Sammeln der Beeren sehr zu verausgaben. Helft ihnen“, forderte Domini direkt zu Beginn.

„Ihr meint … Frauenarbeit?“, einer der Männer zog eine Grimasse.

„Ja. Es sollte bald Besuch kommen. Grüßt ihn und ladet ihn ins Dorf ein. Lange wird er euch nicht nerven.“

„Warum sollten wir ihm nicht verraten, dass sich ein Mörder hier aufhält?“, Deitas Vater rümpfte die Nase.

„Weil er dann einfach das ganze Dorf zerstören würde. Einschließlich euch“, er zuckte mit den Schultern.

Flüsternde Worte erreichten ihn und sogleich reagierte Domini.

„Natürlich könnt ihr auch abhauen“, er lächelte, „Jedoch kann ich es nicht gestatten, dass Kinder das Dorf verlassen. Die Männer und Frauen dürfen. Aber alle, die noch das Alter der Vernunft erreicht haben, müssen zu ihrer eigenen Sicherheit hierbleiben.“

„Du-!“, ehe sich einer der Männer auf ihn stürzen konnte, hielt ihn ein anderer zurück. Sie tauschten ein paar nachdenkliche Blicke aus, ehe sie zustimmten.

„Wenn meinem Sohn etwas wegen dir passiert-“

„Du meinst irgendeinem unserer Kinder“, berichtigte ein anderer Mann.

„Ja! Meinetwegen! Aber-“

„Die Kinder sind sicher, solange ihr mir loyal bleibt“, entschied Domini.

Anders durfte er mit diesen Menschen nicht verfahren. Er musste Nova beschützen. Er musste zusehen, dass Deita und ihre Mutter nichts verrieten. Er musste der Herrscher werden, der er nie sein wollte.

Zwei Tage später stolperte der erste Besucher ins Dorf. Er gab an, sich verirrt zu haben. Deita grüßte ihn, während Domini sich in einer der Hütten verbarg. Er blieb versteckt, während der Kundschafter sie ausfragte.

Freundlich verneinte Deita alle Geschehnisse. Darum hatte Domini sie gebeten. Nur so würde der letzte Nachfolgekandidat herkommen, um die Folterungen zu überwachen, die Domini nie zulassen durfte.

Sobald der Kundschafter fort war, ließ Domini die Kinder zusammentrommeln.

„Klettert in den Dachstuhl der entferntesten Hütte. Dort müsst ihr ausharren.“

„Fort von der Erde?“, fragte Deita wissend.

Er nickte: „Halte die Kinder still. Keiner wird erfahren, dass ihr dort seid. Das schwöre ich euch.“

Er setzte sich mitten ins Dorf. An dasselbe Lagerfeuer, an dem Maria Deitas Vater verführen wollte. Er verstand, warum sie den Platz gewählt hatte. Er lag mittig. Wenn man sich konzentrierte, konnte man das ganze Dorf durch den Berg spüren. Schade, dass sie sich darauf anscheinend nicht eingelassen hatte, dachte er sich im Stillen.

Noch ehe die Sonne unterging, tauchte Maximus mit zehn bewaffneten Leuten auf. Sie hatten einige der Dorfleute aufgegriffen und in Ketten gelegt. Domini erkannte auch Deitas Eltern unter den Angeketteten.

„Dass du uns schon erwartest, Brüderchen!“, lachte Maximus – dennoch grasten seine Augen das verlassene Dorf ab.

Domini spürte, wie er den Boden abtastete. Wie er eine Falle vermutete. Wie er wahrscheinlich erwartete, dass Domini eigene Handlanger auf ihn hetzte.

Aber dieser hatte seine Kämpfe stets selbst bezwingen wollen.

„Für wie unhöflich hältst du mich? Magst du dich nicht setzen?“, fragte Domini.

„Setzen?“, Maximus rümpfte die Nase, „Zu Abschaum wie dir?“

„Du musst ja nicht“, er stand auf, „Du kannst dich auch gleich zur Ruhe legen.“

Der Berg gehorchte aufs Wort. Die Erde erhob sich und riss Maximus mit seinen Handlangern in die Tiefe. Während Maximus sich in die Tiefe ziehen ließ, um die Bewegung der Erde anschließend umzulenken, so hatten seine Gefolgsleute weniger Glück. Zwei sprangen noch rechtzeitig auf einen Baum, der Rest fand sich bei den Toten wieder.

Sofort ließen die Kletterer Pfeile auf Domini regnen. Pfeile, die von einem herbeigerufenen Erdwall abgeblockt wurden. Doch das würde auf lange Zeit nichts bringen … Also ließ sich auch Domini in die Erde fallen. Er wurde eins mit dem Berg. Wärme erfüllte ihn. Es war eine Wärme, der er mittlerweile vertraute. Entschlossen ließ er seinen Dolch in der Erde zurück und tauchte hinter einer Hütte wieder auf.

„-ini! Komm raus!“, Maximus‘ Stimme klang wutverzerrt.

Zu wutverzerrt. Wenn er ihn zu lange warten ließ, würde er bemerken, dass Domini die Dorfleute verschont hatte. Dann würde er sie sicherlich gegen ihn verwenden. Und während ihm die Leute nichts bedeuteten, so war Nova doch mit ihnen aufgewachsen. Auch Deita. Sie waren ein Teil ihrer Familie.

Die beiden würden sie nicht verlieren wollen, oder?

„Ach, nun hab dich nicht so“, winkend trat Domini wieder auf den Platz. Er gab sich nonchalant. Gleichgültig. Desinteressiert.

Und er hoffte, dass Maximus es ihm abkaufte.

„Du-“, sein Halbbruder stockte mit erhobener Faust und runzelte die Stirn.

Dann lächelte er.

„Was hast du wirklich mit diesem Dorf zu schaffen?“

„Ich? Mit einem Dorf?“

„Du kannst nicht lügen, Domininchen“, grinste Maximus.

„Ich habe nichts mit diesem Dorf zu tun“, wiederholte Domini in der Hoffnung, dass sein Halbbruder die Worte glauben würde.

Stattdessen lief er hinter den angeketteten Dorfleuten entlang. Schweigsam. Er musterte die Leute dabei. Die ganze Zeit hoffte Domini, dass er Deitas Mutter ignorieren würde. Dass er von ihr wegginge!

Nur schien das genau jene Person zu sein, die ihn magisch anzog.

„Sprich, was hast du mit meinem Halbbruder zu schaffen?“, fragte er sie.

„Was soll mich eine einfache Frau interessieren?“

Als Antwort ließ Maximus sie bis zu den Knien im Boden versinken.

„Weißt du denn nicht, dass man die Wahrheit durch den Berg spüren kann, Domininchen?“, er grinste.

Eine entfernte Erinnerung meldete sich in Domini. Ja. Er hatte davon gehört. Aber dafür musste man dem Berg lauschen. Man musste sich auf einen bestimmten Punkt konzentrieren. Durfte sich nicht ablenken lassen!

„Ich weiß nichts-“, behauptete Deitas Mutter.

Sofort ließ Maximus ihre Oberschenkel im Boden versinken.

„Du weißt etwas! Du-“

Domini wusste, dass er nur eine Chance hatte. Dass sein Bruder die Worte nicht als Lüge erkennen durfte. Dass er ihn nur so loswerden konnte!

„Ja. Sie weiß etwas“, er machte eine Pause, um die Wahrheiten gedanklich voneinander zu trennen, „Ich habe nämlich ein Geschenk für dich.“

Die letzten Worte lenkte er an den Berg. Er bezog sie auf den Dolch, den die Erde zornig ausspuckte. Die Klinge flog direkt in Maximus linkes Auge.

Und damit brach die Hölle aus.

Mit dem Schmerzensschrei erbebte die Erde. Die Dorfleute suchten humpelnd einen Ausweg. Alle bis auf Deitas Mutter, die noch immer im Boden feststeckte. Sie versuchte sich, an ihrem Mann festzuhalten, doch trat der ihr nur ins Gesicht. Er fluchte, als die Pfeile ziellos an ihnen vorbeisausten, während die Bäume der Schützen umfielen.

Domini dachte nicht nach. Hastig befahl er die Erde um Deitas Mutter. Er schob Maximus und ihren Mann von ihr fort. Ließ einen Erdwall aufsteigen und die beiden mit den Schützen begraben.

Stille legte sich über den Dorfplatz. Die Leute starrten ihn ehrfürchtig an. Sie neigten die Köpfe. Gratulierten ihm.

Doch Domini konnte die Augen nicht von Deitas toter Mutter abwenden.

Wann hatte der Pfeil sie durchbohrt?

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