
„Kommen Sie ruhig“, der Asiate wank sie durch die große Wohnungstür, die Natasha beinahe als Pforte eines Bunkers bezeichnen wollte.
Nickend folgte sie ihm. Jedoch nicht, ohne nochmal nach den Kameras auf dem Flur zu schauen, die jeden Winkel aufzuzeichnen schienen.
„Der Ort hier ist … sehr überwacht?“, fragte sie Mr. Ling, während sie ihre Taschen hinter der Tür abstellte. Einen Trolley mit ein paar Kleidungsstücken und Unterlagen sowie eine Handtasche, in die kaum das Nötigste passte.
Mehr besaß sie zurzeit nicht.
„Meinen Sie die Kameras?“, er lächelte entschuldigend, „Keine Sorge. Ihr neuer Arbeitgeber ist auch der Vermieter und wollte Ihnen nur das sicherste Apartment anbieten. Sollte trotzdem irgendetwas sein, so reicht allein ein Handzeichen auf dem Hausflur aus. Eine reine Vorsichtsmaßnahme, versteht sich.“
„Natürlich“, behauptete Natasha eilig.
Was blieb ihr anderes übrig? Wenn sie diesen Job vermasselte, konnte sie sich gleich als Bettlerin an die nächste Straßenecke stellen! Ihr Abschluss und all ihre Auszeichnungen waren ja seit dem Vorfall vor ein paar Wochen bereits besseres Klopapier.
Alles nur dank ihres Nachnamens …
„Hier vorne ist das Bad, dort die Küchenzeile mit Wohnstube. Da drüben“, Mr. Ling wies auf die geschlossene Tür rechts, „befindet sich Ihr Reich – Schrank, Bett und Tisch gehören zur Standardausstattung. In dem anderen Zimmer wurde bereits alles für Yela eingerichtet: Babybett, Babyspielsachen, Wickelkommode, Babyphone mit Kameras … Die Bildschirme dafür befinden sich derzeit auf dem Küchentresen“, er zeigte ihr ein kleines Tablet, das an einer Obstschale lehnte, „Es ist ziemlich selbsterklärend. Sollte dennoch etwas sein, einfach hier unten auf die Sprechblase drücken.“
Als er es vorführte, öffnete sich ein kleines Menü. Dieses war unterteilt in Planungsanfragen, allgemeine Nachfragen, technische Hilfe, medizinischer Notfall und Sicherheitsleck.
Ehe sich Natasha einen Reim aus dem letzten Punkt machen konnte, tippte Mr. Ling einen Pfeil an, der die vier Kamerabilder erneut aufrief.
Wenn sie glaubte, dass sie keine Privatsphäre auf dem Hausflur hatte, wie würde es dann dem Baby ergehen?
„Und wie läuft das mit dem Essen ab?“, fragte sie, als ihr die Früchte hinter dem Tablet auffielen.
Der Job erschien ihr immer noch nicht real.
„Das wird in erster Linie über das Tablet laufen. Über Listen können Sie Zutaten oder fertige Speisen jedoch auch direkt bei den Leuten bestellen, die Ihnen das Essen vorbeibringen. Ansonsten würde aber auch so eine gesunde Grundausstattung regelmäßig an Ihre Tür geliefert werden. Mit altersgerechten Mahlzeiten für Yela, versteht sich.“
Yela. Ja. So hieß das Kind, auf das sie von nun an aufpassen sollte. Dieses sechs Wochen alte Baby … Natasha wusste nicht, was mit ihren Eltern passiert war. Nur dass die Mutter verstorben und der Vater unpässlich wäre. Die Wortwahl verwirrte sie mehr, als sie zugeben wollte. Aber das hier war Merichaven. Und solange sie helfen konnte, dass ein Kind in Sicherheit und Geborgenheit aufwuchs …
„Ja“, stimmte sie müde zu und trat um den Küchentresen herum, um sich einen besseren Überblick über den restlichen Raum zu verschaffen, „Irre ich mich oder sind Kindersicherungen an den Steckdosen?“
„Nein“, Mr. Ling lachte gutherzig, „Die Wohnung ist vorletzte Woche komplett an Yelas Bedürfnisse angepasst worden. Seitdem klar war, dass das Kind einen sicheren Rückzugsort benötigt.“
„Verstehe“, murmelte Natasha.
Dabei verstand sie es ganz und gar nicht! Wenn dieser Großonkel sich so sehr um das Kind sorgte, warum nahm er es nicht zu sich? Warum sorgte er sich nicht selbst darum? Warum überließ er dieses viel zu kleine Baby lieber zwei Frauen, die er – in Natashas Fall – nicht einmal persönlich kannte?!
„Ich weiß, Sie sind sicherlich müde von der langen Reise, doch da mein Terminkalender recht voll ist, würde ich Ihnen gerne gleich noch das Kind vorstellen, ehe ich wieder los muss“, bemerkte Mr. Ling.
Eilig gab Natasha ihr Einverständnis. Sie musste sich konzentrieren! Sie hatte endlich einen Job. Nun durfte sie ihn auf keinen Fall vergeigen!
Nicht, solange die Alternative das Betteln war.
Damit hastete sie zu ihrem kleinen Trolley und trug ihn in ihr neues Zimmer. Die Rollen waren zu dreckig zum Ziehen. Aber wenn er drüben wäre, sähe sie angekommener aus. Und das klobige Teil könnte ihr nicht den Weg versperren oder sie zum Stolpern bringen. Sie kannte ihr Glück zur Genüge!
Gerade als sie ihr neues Zimmer verlassen wollte, stockte sie. Auf dem Bett lag ein großes Shirt in einer durchsichtigen Tüte. Darauf ein Zettel.
Bekannte Gerüche sollen bekanntlich helfen.
Natasha stockte. Dann beäugte sie das Kleidungsstück durch die Tüte.
Dunkler Stoff. An einigen Stellen etwas dünner. Kein Aufdruck. Auch erschien ihr das Oberteil größer geschnitten zu sein. Als wäre es zum Schlafen getragen worden. Oder war es einfach von einer sehr großen und breiten Person?
Ihre müden Gedanken kehrten an die Uni zurück. Zu einer Lektion über schreiende Babys. Als es darum ging, dass Babys ihre Mütter anfangs eher durch den Geruch identifizierten – ihre Väter jedoch durch die Stimme.
Für einen Augenblick überlegte Natasha, ob sie das Shirt anziehen sollte. Ob es ihr so helfen sollte, mit dem Baby klarzukommen. Jedoch hatte Mr. Ling immerzu betont, dass sie als Pädagogin und Erzieherin hier war.
Nicht als Ziehmutter.
Entschlossen trug sie die Tüte ins Kinderzimmer und packte sie dort aus. Sie hängte das Kleidungsstück über das Mobile, das am Bett festgeklemmt war. So könnte das Baby es riechen, ohne sich damit versehentlich zu ersticken. Es ging ja um das Kind! Und das Kind musste sich in seinem eigenen Bett wohlfühlen können.
Nicht in Natashas Armen.
Etwas entspannter schaute sie sich im Kinderzimmer um. Sie hatte den Raum zuvor nur aus Sicht der Kameras gesehen. Es fühlte sich surreal an, nun drinnen zu stehen, ohne diese Kameras zu erblicken. Als könnte sie überall beobachtet werden. Als würde jede Bewegung überwacht werden, um-
Das Klopfen riss sie aus ihren Gedanken.
Eilig lief Natasha zur Tür zurück. Sie stopfte dabei die Tüte in die Hosentasche. Las ihre Tasche im Flur auf, um sie an die Garderobe zu hängen. Belehrte sich, bloß nichts rumliegen zu lassen!
Nur um anschließend zwei Anläufe zu benötigen, um die Tür zu öffnen. Beim ersten Mal übersah sie die Kindersicherung, die sich knapp über ihrem Kopf befand. Als hätte ein Riese das Ding angebracht!
Auf die Geräuschkulisse dahinter hätte niemand sie vorbereiten können.
„Was? Die da?“, schimpfte eine rothaarige Asiatin. Ihre Augen wurden von dunklen Ringen umrandet. In ihren Armen schrie ein Baby. Jemand am Ende des Flurs brüllte. Eine andere Stimme antwortete.
Dennoch ließ sich niemand sonst blicken.
Mr. Ling ließ sich das Chaos nicht anmerken: „Ms. Gromov? Wenn ich Ihnen Ihre Nachbarin Kim vorstellen dürfte?“
„Sicher, dass die die Nerven für-“
„Ms. Gromov ist genauso qualifiziert“, unterbrach Mr. Ling die Rothaarige, „Wie Sie für Ihre Bereiche – oder brauchen sie eine Re-evaluation?“
„Pf!“, damit schob diese Kim ihr das Baby in die Arme, sodass Natasha zu tun hatte, das Kleine zu stützen, „Macht doch, was ihr wollt! Die plärrt eh nur rum – aber Milch hatte sie und Hintern ist auch sauber. Keinen Schimmer, was nun schon wieder ist!“
„Aber-“, weiter kam sie nicht. Denn die andere Frau stampfte bereits den Flur runter und verschwand hinter der nächsten Tür.
Unschlüssig wandte sie sich erst Mr. Ling und dann dem Baby zu.
Yela.
Sie war winzig. Mit pinkem Wangen. Und einem lauten Stimmorgan. Jedoch klangen die Schreie nicht schmerzhaft. Eher fordernd. Eher …
Natasha wusste es nicht eindeutig einzuordnen.
„Kim meinte, dass Yela in den letzten zwei Tagen sehr viel geschrien hätte. Jedoch hat die vorherige Betreuung dieses Verhalten nicht bestätigen können“, erklärte er, während er seine Brille putzte.
„Kinder haben bis zum ersten Lebensjahr sehr viele Wachstumsschübe. Vielleicht liegt es daran?“, überlegte Natasha laut, während sie Yela ins Kinderzimmer ging.
„Möglich“, Mr. Ling folgte ihr, „Sollte Ihnen dennoch irgendetwas auffallen, sollte es direkt gemeldet werden, ja?“
„Natürlich“, vorsichtig legte sie das Baby unter das Mobile und strich sanft über ihren Bauch, um einen leichten Druck auszuüben.
Es dauerte nur einige Augenblicke, ehe das Schreien verstummte. Ein Bäuerchen brach aus dem kleinen Mund hervor. Dann beruhigte sie sich direkt.
Erleichtert atmete Natasha durch. Sie schaute auf das aufgehängte Oberteil. Dann auf das Kind.
Ob der Geruch sie beruhigt hatte? Oder die verdrängte Luft?
„Ich bin froh, dass Sie das Shirt nicht angezogen haben“, murmelte Mr. Ling so leise, dass Natasha ihn kaum vernahm.
„Wie bitte?“, verwirrt drehte sie sich um.
„Nichts“, er seufzte, „Sie scheinen mir ein vernünftiger Mensch zu sein. Lehren Sie diese Vernunft bitte auch Yela.“
Damit verabschiedete er sich von Natasha und überließ ihr die Pflege des Babys.
Eines Babys, das sie nicht als ihr eigenes sehen sollte. Das sie deswegen kaum richtig musterte. Das sich aber dennoch einen Weg in Natashas Herz bahnte.
