M: Die Dinos

Philip wusste nicht mehr, wann die Tradition in ihrer Familie Fuß gefasst hatte. Sie war irgendwie schon immer Teil seines Lebens gewesen. Seit er gar denken konnte! Nur dafür verabschiedete er sich jeden Abend von seinen Plastikdinos und wünschte ihnen eine erfolgreiche Nacht. Anschließend holte er sich seine Gute-Nacht-Küsse ab und eilte ins Bett, damit die Dinos ihre eigenen Abenteuer erleben konnten.

Mittlerweile wusste Philip, dass die Spielzeuge nachts nicht lebendig wurden. Er wusste, dass sein Dad die Spielzeuge jeden Abend neu platzierte. Er wusste, dass sein Papa manchmal ganze Kulissen aufbaute. Er wusste, dass all die Reisen seiner kleinen Dinos nur Märchen waren. Fantasievolle Geschichten, die nichts mit der Realität gemein hatten. Er wusste es, seitdem er in die Schule ging. Seitdem er dort von den Wichtelmännern und Osterhasen gehört hatte. Das hatte ihm die Augen geöffnet.

Dennoch hatte er sich weiterhin jeden Morgen auf ihre Tradition gefreut.

Doch letzte Nacht hatte er sich von seinen Dinos nicht verabschieden können. Und an diesem Morgen wollte er kaum die Augen öffnen! Zusammengekauert lag er in dem fremden Hotelbett und presste die Lider fest zusammen.

Gestern war kein Traum gewesen. Er erinnerte sich zu glasklar an seine beiden Bodyguards. An den sonst so lachenden Joshua. Und Will! Beide hatten so herzlich mit ihm herumgescherzt. Ihn durch die Stadt begleitet. Und nun?

Seine Entführer hatten die beiden ermordet. Sie hatten ihn mitgenommen. Sie hatten sich über sein Geschrei beschwert. Hatten ihn dennoch wieder gehen gelassen. Ihn. Aber nicht das andere Mädchen …

Fühlte er sich deswegen so schlecht? Sorgte er sich? Dabei sollte er sich doch freuen, wieder auf frei zu sein! Er hatte ja sogar gewagt, ihren Brief mit sich geschmuggelt. Nun war er wieder bei seinen Vätern. Er war wieder-

Unbewusst öffnete er die Augen und sah zum Nachttisch des Hotelzimmers.

Nein. Das hier war nicht sein Zuhause! Sein Dad hatte ihn hierhin gebracht, damit sie erstmal Ruhe hätten. Er sollte hier erstmal durchatmen. Danach würden sie sich um einen Umzug kümmern. Bald.

Damit die Wohnung Philip nicht mehr an den Überfall erinnern würde.

Schaudernd verkrümelte sich der Junge unter der Decke. Es war viel zu warm. Aber sicher. Es musste sicher sein. Es-

Schritte.

Philip erstarrte. Er lauschte. Blieb ganz still. Hatte er sich die Schritte nur eingebildet? Nein. Er konnte jemanden atmen hören! Sollte er schreien? Wegrennen? Hier unten liegen bleiben? Wieso konnte er sich nicht bewegen!

Ehe die Panik sich vollends in seinem Körper verankern konnte, entfernten sich die Schritte. Bedrückende Stille schlich sich in sein Herz. Es wurde stickig unter der Decke. Stickig und-

Vorsichtig robbte er zur Seite, um durch eine Lücke zu spähen. Die Zimmertür war offen. Aber niemand stand da. Er war wieder allein. Wenn überhaupt jemand hier gewesen war. Immerhin hatten sich seine Väter den ganzen Abend nur nebenan unterhalten. Ob sie überhaupt nach ihm geguckt hatten?

Gerade als Philip sich wieder unter der Decke verkriechen wollte, fiel ihm etwas Buntes ins Auge. Sein Flugsaurier! Er lag auf dem Nachttisch. An einem Bein hing ein kleiner Zettel. Fast schon fordernd blickte er den Jungen an.

Der Junge, der sich kaum unter seiner Decke hervor traute.

Unschlüssig schaute sich Philip im Zimmer um. Die Fenster waren zugezogen. Die Schränke zu. Ein Stuhl stand auf der anderen Seite des Bettes. Darauf lag die Jacke seines Dads …

Ob er nach Philip gesehen hatte? Gestern war das Kleidungsstück zumindest noch nicht da gewesen … oder?

Erneut blickte er zum Nachttisch und zur Zimmertür. Erst dann fischte er sich den Flugsaurier unter die Decke und löste die Nachricht vom Spielzeug. Sofort erkannte er die Handschrift seines Papas darauf.

Ob Ei auch süß schmeckt?

Süßes … Ei? Was sollte das sein? Ei war doch … Ei. Man aß es mit Salz. Nicht Zucker!

Am liebsten wollte Philip nach weiteren Hinweisen Ausschau halten, als er wieder Schritte vernahm. Diesmal waren sie dumpfer. Daran erkannte er seinen Dad direkt. Neugierig beobachtete er, wie der Mann ins Zimmer kam und einen weiteren Dino auf den Nachttisch setzte.

Auch mit einer Botschaft.

Diesmal fiel ihm das Warten leichter. Erst als sein Dad draußen war, holte er sich das Spielzeug unter die Decke. Er wollte sich vorher nicht zeigen. Er konnte nicht. Seitdem er wieder bei seiner Familie war …

Wenn man ihn sah, würde man Worte von ihm erwarten. Bestimmt sollte er sagen, was passiert war. Aber das Sprechen tat weh. Zu sprechen würde bedeuten, berichten zu müssen. Von Joshua und Will. Von dieser Sophie, die noch immer als Geisel unterwegs war. Von diesen Kriminellen, die ihn in seine Alpträume jagten …

Meine Versuche sind leider gescheitert. Ob Rexy es besser hinbekommt?

Die Handschrift seines Dads war etwas hüpfend geschrieben. Das war sie immer, wenn er für die Spielzeuge Nachrichten hinterließ. Normalerweise musste Philip darüber lachen.

Aber nicht heute.

Stumm legte er beide Zettel nebeneinander und wartete auf den nächsten Dino. Es dauerte nicht lange, da brachte sein Papa besagten Rexy herüber. Dieser Dino war Philips Lieblingsspielzeug gewesen. Er hatte bereits als Baby mit ihm gekuschelt. Sein Dad hatte ihm mal gesagt, dass er von seiner Mutter wäre. Doch wie er es wissen wollte, hatte er nie offenbart …

Sehe ich wie ein Koch aus?

Die neue Nachricht an Rexys Arm ließ Philips Mundwinkel kurz hüpfen.

Nur erschrak er sich davor so sehr, dass er sich erneut zusammenkauerte.

Durfte er … lächeln? War das nicht … gemein? War er gemein?

Die nächsten drei Dinonachrichten las er nur so halb. Die Spielzeuge stritten sich über die Eierzubereitung. Sie wollten es mit Zucker. Ohne Zucker. Mit Schokolade. Nein. Lieber mit Honig.

Zuletzt tauchte ein Teller auf seinem Nachtisch auf. Mit einem Eierkuchen, auf dem zwei Schokoladenriegel lagen.

Philip blickte das Essen stumm an. Auch diesmal waren Dinofiguren dabei. Sie saßen mit auf dem Teller. Einer hielt etwas von dem Essen in seinen Klauen. Und dennoch nahm der Junge sie weder herunter noch konnte er das Geschirr auflesen.

Er konnte es nur anstarren.

Eine Weile später senkte sich das Bett.

„Hey, Großer“, grüßte sein Papa leise.

Wie angewurzelt verharrte Philip halb-sitzend, halb-liegend. Er wusste nicht mehr, wie man atmete, ob er atmen sollte, ob er es dürfte!

Genauso war es gestern Abend gewesen. Nein. Auch am Nachmittag. Nachdem sein Dad ihn abgeholt hatte und-

„Wir sind beide nebenan, ja? Wenn du etwas brauchst, musst du nur den Mund aufmachen. Wir sorgen uns um dich, weißt du? Vielleicht kannst du ja wenigstens einmal abbeißen? Für Rexy?“, fragte er leise.

Für Rexy, wiederholten Philips Gedanken. Sonst sagte das nur sein Dad. Dass sein Papa die Worte nun verwendete … Es klang so eigenwillig, so-

Seufzend stand der Mann auf.

„Nimm dir alle Zeit der Welt. Aber sei bitte vor dem nächsten Meteoriten fertig, ja? Sonst wissen selbst die Dinos nicht mehr weiter“, scherzte sein Papa sachte.

Philip presste Rexy an sich. Er schloss die Augen. Atmete den vertrauten Geruch ein. Ignorierte die anderen Dinos, die ihn missmutig ansahen. Nur das vertraute Plastik in seinen Händen zählte!

Es dauerte noch eine Woche, ehe er seinen Vätern von dem erlebten Horror berichten konnte. Zwei weitere, ehe er sich wieder auf die Straße oder in die neue Wohnung traute. Dafür musste jedoch ständig Rexy mit. Rexy war seine Stütze.

Bis Philip seinen ersten Hund bekam.

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