Timothy – Aufpasser in der Not

Stumm folgte ich Julie durch das kaputte Haus. Ich beobachtete, wie sie die Treppe ausbesserte, wie sie Kleidung flickte, wie sie mit ihren spärlichen Zutaten Abendessen zubereitete …

Sie war eine Kämpferin. Stur schleppte sie sich durch das Haus, um die täglichen Arbeiten zu verrichten. Arbeiten, die viel zu viel für ein so kleines Kind waren.

Ein Kind, das sich allein in diesem Haus glaubte.

Sobald Julie offenbart hatte, dass sie mich nicht mehr sehen konnte, hatte Timmy behauptet, dass ich fort wäre. Das wäre besser, hatte er im Nachhinein zu mir gemeint. Dann würde sie nicht denken, mit ihr wäre etwas falsch. Lieber mit dem Geist, der eh nicht mehr in diese Welt gehöre.

Mit mir.

Stumm schwebte ich um sie herum, als sie sich plötzlich wieder umdrehte. Sie summte eine Melodie. Sie klang hüpfend. Fröhlich. Leicht.

Leichter als ich mich in diesem gefangenen Dasein je fühlen würde …

Timmy kam am frühen Abend zurück. Still erzählte er seiner Schwester, was auf dem Markt vorgefallen war. Er präsentierte seine Ausbeute. Fragte nach ihrem Wohlbefinden. Wiederholte die Geschichten, die draußen die Runde machten. Brachte ihr immer wieder Geschenke mit.

Dabei fiel sein Blick kein einziges Mal auf mich.

Hasste er mich?

Am liebsten wollte ich ihn fragen. Ich verstand es einfach nicht! Wieso konnte er mich noch sehen? Wieso nicht Julie?

Wieso nicht Jane?

Jane …

Erst als das kleine Mädchen eingeschlafen war, wandte sich Timmy an mich.

„Geht es ihr wirklich wieder besser? Sie … Sie spielt es gern herunter, wenn sie krank ist und ich möchte nicht …“

„Kein Husten, kein Fieber“, flüsterte ich dann in die Nacht, „Nicht mal ein Nasenzucken. Sie ist über den Berg.“

„Hm.“

Damit endete unser Gespräch.

Es war dasselbe wie jeden Abend. Seit Wochen tauschten wir nur noch dieselben Worte aus. Worte, die sich in einer Dauerschleife befanden. Die sich endlos abspielten …

Ich musste hier raus!

Die nächsten Tage begann ich, Julie wieder etwas mehr allein zu lassen. Erst für ein paar Minuten. Dann für ein paar Stunden. Meist schlich ich mich in Georges Haus. Ich wollte wissen, ob sie schon die Medizin vermissten. Oder ob sie unseren Einbruch erkannt hatten. Manchmal schwebte ich jedoch auch zum Markt, um nach Timmy zu sehen.

Timmy, der mich zu hassen schien.

Timmy, der Janes Enkel war.

Timmy, der mich als Einziger noch sehen konnte.

Erst fand ich ihn nicht. Er war ein geschickter Dieb geworden. Auf den ersten Blick ging er als ein gewöhnlicher Junge durch. Er bewegte sich so natürlich! Erst wenn man sich seine Kleidung zu lange ansah, erkannte man, wie abgetragen der Stoff wirklich war. Wie zerrissen.

Ob er deswegen nie stehen blieb?

Je öfter ich ihn beim Stehlen beobachtete, desto flüssiger erschien er mir. Er war ein wahres Naturtalent! Doch je öfter er vom selben Markt stahl, desto mehr fiel er auch den Händlern auf. Selbst jene, die mit den Pferden anreisten, hatten ihn nun zu oft gesehen. Wenn er sich nicht bald andere Ziele suchte, könnte es zu gefährlich werden …

Es dauerte noch drei Wochen, ehe ihn ein Verkäufer erwischte. Eisern krallte sich seine Hand um Timmys Arm, als dieser sich gerade eine Birne genommen hatte.

„Hab. Ich. Dich.“, grinste er.

Wie gelähmt beobachtete ich die beiden. Ich sollte eigentlich bei Julie sein. Aber wenn ich nun nicht eingriff, würde man Timmy die Hände abhacken lassen. Dann würden Janes Enkelkinder verhungern.

Ich musste etwas tun!

Hastig schwebte ich durch den Verkäufer. Doch obwohl er erschauderte, ließ er nicht los. Ich sah, wie Timmy erschrocken auf mich blickte. Wie er die Zähne zusammenbiss. Wie er umherwirbelte!

Mittlerweile beobachteten uns die umstehenden Leute.

„Komm schon“, murmelte ich und fuhr noch ein paar Mal durch den Arm des Mannes.

Dieser schnitt nur eine Grimasse.

„Was soll das? Vergreifst du dich so gern an Kindern?! Lass mich los! Hilfe!“, schrie Timmy.

Nun blickten die Leute zum Händler. Einige schüttelten die Köpfe. Einige runzelten die Stirn. Ob sie Timmy glaubten? Oder ob sie ihr Vertrauen eher in den Verkäufer setzten? Dabei schien letzterer nicht einmal von hier zu sein! Seine Pferde schlugen unruhig mit den Hufen gegen den Boden und-

Seine Pferde!

Wenn ich ihn nicht aus der Fassung bringen konnte, konnte ich es immer noch mit seinen Tieren versuchen, oder? Ich musste sie nur ordentlich erschrecken.

Es brauchte nur eine kurze Berührung und schon rissen die gewaltigen Wesen an ihrem Zaumzeug. Sie stellten sich auf die Hinterläufe. Brüllten. Der Braune riss sich beinahe los, so groß war seine Furcht vor mir.

Sofort ließ der Mann von Timmy ab und eilte zu seinen Pferden.

„Was machst du hier?!“, zischte der Dieb, als wir den Markt hinter uns ließen.

„Nach dir schauen. Wie früher“, wich ich aus.

„Du-“

Hinter uns schrie der Händler wieder auf und zeigte zu Timmy herüber.

„Mach‘ das du wegkommst. Jetzt“, entschied ich, als die ersten in unsere Richtung liefen.

Dann sauste ich durch jeden hindurch, der Janes Enkel verfolgen wollte.

Es war egal, ob er mich hasste. Er war der einzige, der für Julie da sein konnte. Der einzige, der frisches Essen ins Haus brachte.

Der sie beschützen konnte.

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