Märchenstunde: Das Spiel der Flöte II

Bacchus lauschte die ganze Nacht lang der Musik. Sie befreite ihn von seinen Sorgen. Er ließ sich von ihr wiegen und umweben und als die Sonne aufging, lächelte er das ungewöhnliche Wesen dankbar an.

Es war haarig. Seine Beine ähnelten denen eines Lastentiers und die abgerundeten Hörner auf seinem Kopf hatten etwas Bedrohliches. Es trug keine Kleidung – die brauchte es auch bei dem ganzen Pelz nicht. Jedoch hingen zwei lose Gürtel über seiner Brust gekreuzt, an denen kleine Beutel und Flaschen baumelten.

„Fürchtest du dich nicht?“, unterbrach das Geschöpf sein Lied, als es den Blick bemerkte.

Obwohl Bacchus sich unwohl fühlte, schüttelte er den Kopf. Eigentlich war ihm alles Fremde verboten worden. Den ländlichen Bauern gefielen neue Ideen nicht. Deswegen hielten sie sich von den Wäldern fern. Es gab immer nur dieselben Flüsse, von denen man Wasser holte. Es gab immer nur dieselben Felder, die bearbeitet wurden. Und es gab immer nur dieselben Routen, denen die umherwandernden Bauern folgten.

Sich zu weit von der Gruppe zu entfernen, den Wald zu betreten oder gar mit einem fremden Wesen zu sprechen … Wie viele Regeln er in der letzten Nacht wohl gebrochen hatte?

„Wenn ich mich fürchte, dann nicht vor dir“, antwortete er geschmeidig.

Das entlockte dem Wesen ein Lachen: „Und hier glaubte ich, dass sich keiner zu mir traut, weil ihr mich für einen Dämon hieltet!“

„Welcher Dämon sollte die Melodie des Herzens spielen können? Die Melodie der Heilung und der Segnung?“, Bacchus schüttelte den Kopf, „Nein. Ihr seid alles andere als ein Dämon.“

„Die Melodie der Heilung …“, wiederholte das Geschöpf leise, „Möchtest du sie hören?“

Bacchus umklammerte seine Sense. Er hatte die Worte eigentlich nur dahin gesagt. Hatte sie nicht von Herzen gemeint. Aber … Wenn dieses Wesen wirklich heilen konnte … Konnte es dann auch Selene sehen lassen? Seine Freundin würde sich nicht mehr wie eine Last vorkommen, wenn sie ihr Augenlicht hätte! Sie könnte etwas Anderes lernen. Sie … Sie würde nicht aufgeben!

„An mir wäre diese wunderbare Melodie gewiss verschwendet. Aber ich kenne eine Frau, der sie das Leben retten könnte. Wenn Ihr das Lied mit ihr teilen würdet?“, fragte der Sensenträger vorsichtig.

„Pan“, entgegnete das Geschöpf jedoch nur.

„Pan?“, Bacchus verstand nicht.

„Wenn du etwas von mir möchtest, frag mich darum.“

Langsam nickte der umherwandernde Bauer. Obwohl er den Worten keinen Sinn abgewinnen konnte, so wollte er das Wesen nicht kränken. Dieses …

„Pan ist Euer Name?“, fragte er vorsichtig.

Der gehörnte Musiker nickte. Dann wank er mit der Hand, als würde er auf etwas warten.

„Ich? Oh! Verzeihung! Aber ich kann doch kaum wichtig genug sein, als dass Ihr Euch meinen Namen-“

„Ich möchte wissen, wer mir so schmeichelt“, unterbrach Pan grinsend.

„Nun denn“, er strich unschlüssig über den Stab seiner Sense, „Mein Name ist Bacchus. Es ist mir eine Ehre.“

Und das war es wirklich. Das letzte Mal, dass man sich nach seinem Namen erkundigt hatte, hatte er die Sense geschenkt bekommen. Das Mal davor hatte er Selene getroffen. Und davor … hatten seine Eltern ihn weggegeben.

Sein Name hatte ihm jedes Mal eine Tür geöffnet. Wenn auch nicht immer die, die er sich gewünscht hatte.

Und nun gab er seinen Namen preis, um Selene zu helfen.

„Pan? Könntet Ihr bitte die Melodie der Heilung meiner Freundin vorspielen?“, fragte er erneut.

Diesmal stand das Geschöpf sofort auf. Es lief etwas gebückt. Nein. Es sprang eher etwas gebückt. Leise klackten die Hufe über den Boden, während es sich aus dem Wäldchen führen ließ. Bacchus bemühte sich die Stille zu überbrücken. Er musste es einfach tun. Erst recht, als er die ängstlichen Blicke der anderen Bauern bemerkte. Hastig suchten sie das Weite und baten bei den ländlichen Bauern um Schutz.

Bacchus ignorierte sie.

„Selene?“, fragte er, als er sich der am Boden liegenden Frau näherte, „Hey? Hörst du mich?“

Pan kniete sich zu ihr. Dann holte er seufzend seine zusammengebundenen Stöcker hervor und bliess hinein. Es war eine traurige Melodie. Sie klang nicht nach Heilung. Zumindest nicht nach einer Heilung des Körpers. Stattdessen umwob sie seine Seele. Als würde sie seinen Verlust ergreifen können. Seinen Schmerz …

Schmerz?

Vorsichtig legte Bacchus seine Sense nieder und strich über Selenes störrisches Haar. Sie war blass. Starr. Still.

Sie war tot.

„Nein, nein, nein, nein!“, zitternd schüttelte Bacchus ihren kalten Körper, „Du darfst nicht- Nicht so! Ich- Warum- Selene!“

Erst als die Melodie versiegte, schaute er wieder auf.

Auf zu dem Geschöpf, dass er für Selenes Rettung gehalten hatte.

„Du … du warst zu spät … Du-“

„Niemand kann die Toten zurückholen“, Pan seufzte erschöpft, „Lass sie ziehen. Sie hat ihren Frieden verdient.“

„Wenn du mich nicht so lange betört hättest, wären wir früher hier gewesen. Wir hätten sie retten können. Wir-“, Bacchus umklammerte seine Sense und schwang sie in Richtung des Musikers.

Doch dieser sprang nur zurück. Gelassen spielte er eine ausgelassene Melodie. Eine fröhliche. Sie umwob den Verstand des Bauern. Was wollte er nochmal tun? Warum war er am Rande des Feldes? Tanzend folgte er Pan zu dem Haus, wo sich die anderen Bauern zu verstecken versuchten. Alle traten ins Freie. Sie hatten einen Sprung in ihrem Schritt. Einen Hüpfer.

Als die Melodie endlich abbrach, fiel Bacchus vor Erschöpfung um. Pans Lieder raubten ihm die Sinne. Er erinnerte sich kaum noch daran, wer er war. Auch die neuen wandernden Bauern irritierten ihn. Sie waren so ungeschickt und froren direkt.

Aber es hatte bestimmt schon alles seine Richtigkeit.

Nur Pan durfte in dem Haus wohnen.

Nur Pan durfte ein Feuer entzünden.

Nur Pan gehörte das Land.

Hinterlasse einen Kommentar

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..