
Lucas ging zügig durch die weiten Flure. Bloß nicht rennen. Sein Vater hatte darauf bestanden, dass er ruhiger lief. Wenn er es nicht tat, wie sollte sich sonst sein jüngerer Bruder etwas Ruhe angewöhnen? Matt platzte ja förmlich vor Energie!
Erst vor der Küchentür hielt Lucas inne. Er lauschte, ob das gewohnte Klackern erklang, ehe er einen Blick hinein riskierte. Nur war der Raum leer.
Nachdenklich schaute er sich um. Eigentlich hätte seine Mutter hier sein müssen. Sie zog sich immer hierhin zurück, wenn sie etwas für die Zeitung schreiben sollte. So konnte sie sich leichter mit einem Keks motivieren.
Heute jedoch nicht.
Argwöhnisch schlüpfte Lucas hinein. Alles war so sauber. Sauber und aufgeräumt. Nur eine alte Schreibmaschine stand vergessen an dem kleinen Esstisch. Dort hätte auch seine Mutter sitzen müssen. Sie hatte ja sogar noch ein halb beschriebenes Blatt in der Maschine zu stecken!
Verunsichert runzelte er die Stirn, als Matt angerannt kam.
„Und? Dürfen wir?“, fragte sein Bruder ungeduldig.
„Sie ist nicht da“, entgegnete er leise.
„Aber Mama ist immer da! Papa hat gesagt, wir sollen sie fragen.“
„Nun, gerade ist sie eben mal nicht da“, erwiderte Lucas erneut.
„Lass mich mal …“
Ungläubig drängelte sich der Jüngere vorbei. Er sah sich so hastig um, dass es beinahe ängstlich wirkte. Matt war wirklich ein Mamasöhnchen …
„Vielleicht ist sie kurz zur Toilette. Na komm schon, du sollst nicht alleine hier umherirren. Sonst schimpft Vater wieder. Ich suche sie und komm‘ dann direkt zu dir, ja?“
Matt nickte leichtgläubig. Lucas beobachtete, wie der Jüngere wieder verschwand. Dass sie an den nächsten Toiletten vorbeigekommen waren, schien dem Anderen nicht in den Sinn zu kommen. Auch nicht, dass ihr Vater sich gerade um die Bösen kümmerte. Lucas wusste, dass im Keller gerade die Befragungen stattfanden. Bestimmt waren bereits die glühenden Metallstäbe im Einsatz. Der Schornstein qualmte schon seit ein paar Stunden …
Leise schlich sich der Junge durch die Flure ihres Sommerhauses. Etwas stimmte nicht. Sonst blieb seine Mutter immer in Alarmbereitschaft, wenn ihr Vater im Keller arbeitete. Dass sie nun nicht an ihrem Arbeitsplatz war oder gar gehört hatte, dass Matt durch die Flure gepurzelt war, wirkte so falsch. So-
Abrupt blieb Lucas stehen. Er presste sich an die Wand und schaute vorsichtig aus dem Fenster. Auf das fremde Auto, das vorhin noch nicht dort gestanden hatte. Etwas weiter, am Gartentisch, saßen zwei Personen zu Kaffee und Kuchen. Eine war seine Mutter. Aber die andere?
Er kannte sie irgendwoher …
Für einen Moment musterte er ihre Gestiken. Die Frauen sahen so entspannt aus! Als würden sie einander schon ewig kennen. Ob er zu ihnen dürfte? Er sollte ja immerhin fragen, ob sie nochmal auf den komischen Bauernhof konnten. Es war Matts Wunsch. Nicht seiner.
Definitiv nicht seiner!
Wenn er ohne eine Antwort zu seinem Bruder zurückkäme, würde dieser bestimmt weiter nach seiner liebsten Mama suchen wollen. Und am Ende würden sie vielleicht noch in ein wichtiges Gespräch platzen …
Nein. Matt war zu unbesonnen. Lucas musste seine Mutter fragen!
Entschlossen stieg er die Treppen zur Seitentür hinab. Er lief ruhig. Ruhig und zielstrebig. Immer auf seine Umgebung bedacht. Das hatte er bei seinem Vater gelernt. Als Myles musste er immer aufmerksam sein. Immer alles im Blick behalten.
Er konnte das!
Mit neuem Mut betrat Lucas den Garten und lief zu den Frauen hinüber. Die Unbekannte beobachtete jeden seiner Schritte. Sie wirkte irgendwie komisch. Beinahe so, als ob sie stolz wäre? Warum?
Erst als er an dem Tisch ankam, nickte er eine Begrüßung herüber.
Mehr würde nicht von ihm verlangt werden. Mehr wäre zu auffällig!
„Hast du einen Moment?“, fragte er seine Mutter, während er die andere Frau noch einmal aus der Nähe beäugte.
„So schüchtern?“, seine Mom klang beinahe belustigt, „Du kannst ruhig frei heraus sprechen. Erinnerst du dich noch an Radius? Sie war letztes Jahr auch zu Besuch.“
Unschlüssig blickte Lucas zwischen beiden hin und her. Sollte das ein Code sein? Er konnte sich nicht an die Fremde erinnern. Aber sie hatte auch kein besonders einprägsames Gesicht. Sobald er den Blick abwandte, verschwamm es vor seinem inneren Auge. Als hätte er es nicht recht erblicken können …
„Ist wahrscheinlich mein Fehler. Ich sollte-“
„Papperlapapp!“, unterbrach seine Mutter direkt, „Steck die Selbstvorwürfe endlich in die Tonne! Du hast dir dein eigenes Leben aufgebaut. Vermisse ich dich? Ja. Hast du dir deinen Frieden verdient? Fünffach ja!“
„Cherry …“
Es überraschte Lucas, wie liebevoll die Fremde klang. Er musterte sie erneut.
Blazer mit Hose. Flache Schuhe. Handtasche neben dem Stuhl. Dabei war die Jacke an einer Stelle etwas schief ausgebeult. Bestimmt war sie bewaffnet!
„Nein. Damit brauchst du mir gar nicht erst zu kommen“, seine Mutter seufzte, ehe sie sich ihm zuwandte, „Also, was möchtest du, Lucas?“
„Der Bauernhof. Also-“, er brach ab.
Sollte er seinen Bruder vor der Anderen erwähnen? Oder sollte er es lieber als seine Idee verkaufen, um seinen Bruder aus dem Gespräch rauszuhalten? Sein Vater hatte immerhin darauf bestanden, dass er mit auf die Familie aufpasste. Er war der Ältere!
„Wenn du zu lange zögerst, weiß jeder, dass es nicht deine Idee ist“, mischte sich die Fremde plötzlich ein und lehnte sich zurück, „Matts?“
Lucas zuckte zusammen. Er hatte nicht erwartet, dass die Frau den Namen seines Bruders so einfach herausposaunen würde. Das war nicht richtig! Das-
„Was ist mit dem Bauernhof?“, erkundigte sich seine Mutter, als hätte ihre Besucherin nicht eben ins Schwarze geraten.
Kurz huschte sein Blick zu der anderen Frau zurück. Dann wieder zu seiner Mom. Er schluckte.
„Matt möchte nochmal hin. Sich die Tiere oder so ansehen. Weiß nicht“, wich er aus.
„Für Morgen hat euer Vater Gäste eingeladen. Aber ich glaube, da müsst ihr nicht dabei sein“, überlegte sie laut, ehe sie sich an die Andere wandte, „Was ist? Magst du deine Paten-“
„Ich muss los. War schön.“
Ehe Lucas einen Abschied hervorbekam, war die Fremde mit ihrem Auto verschwunden. Sie war so zügig aufgesprungen … Als ob sie geflohen wäre!
„Wäre ja auch zu schön gewesen“, beinahe enttäuscht stand seine Mutter auf und räumte den Tisch ab.
„Wer war das?“, fragte Lucas vorsichtig – den Blick weiterhin auf die Einfahrt gerichtet.
„Die Frau? Radius. Eure-“, seine Mutter seufzte wieder, „Sie ist einmalig, Lucas. Die Beste der Besten. Aber je höher man auf dem Podest steht, desto tiefer kann man auch herabfallen. Deswegen hat sie ihren Platz vorzeitig geräumt, verstehst du? Für sich selbst und uns gleichermaßen.“
„Hm“, er nahm seiner Mutter die leeren Kuchenteller ab, „Wer steht nun auf ihrem Podest? Vater?“
Lachend schüttelte sie den Kopf: „Nie. Allein würde er das nicht überstehen. Keiner außer Radius würde den Horror allein überstehen.“
Damit hüllte sie sich in Schweigen.
