Fujis Wunsch

„Vielleicht weißt du ja, wie man diese Welt noch retten kann und findest eine Lösung für das Desaster“

Die Worte klangen noch für mehrere Tage in Fujis Ohren wider und unsicher wälzte er sie in seinem Kopf hin und her. Eine Lösung finden… Für etwas, was selbst die Sterne nicht zu beheben wussten.

War das denn möglich? Wenn selbst die unendlich vielen Himmelslichter sich uneinig waren? Was war er schon im Vergleich zu den Riesen des Himmelszelts? Sie waren immerhin die Älteren! Er war doch nur eine kleine Wolke. Eine Wolke, die für die längste Zeit nichts mit ihrem eigenen Leben anzufangen wusste…

Fuji beobachtete den Erdboden unter ihm. All die Wesen, die dort umhereilten. Es waren so viele. Viel mehr als in seinem letzten Leben. Sie alle schienen ein klares Ziel vor Augen zu haben. Eine Aufgabe, die erfüllt werden musste. Die keinen Aufschub duldete!

Keiner von ihnen sah noch zu ihm hinauf.

War das ihr Problem? Hatten all diese Wesen vergessen, wie man lebte? Hatten sie Wälder gerodet, Berge durchlöchert und Flüsse geleert, weil sie keine Befriedigung fanden? Hatte der Ehrgeiz nach mehr begonnen, ihr Leben zu bestimmen? Denn diese Kreaturen schienen immer mehr an sich reißen zu wollen. Mehr hiervon und mehr davon. Mehr von diesem und mehr von jenem. Mehr von all den Dingen, die Fuji auf die Entfernung nicht einmal zu erkennen vermochte!

Ganz anders als früher.

Fuji sah sich nach der Sonne um. Ihre lachende Stimme füllte noch das Himmelszelt aus. Sie spielte mit ihren Strahlen, wie ein kleines Kind und summte immer wieder seltsame Melodien vor sich her.

Es erstaunte ihn jedes Mal von Neuem, wie sehr ihr Alter über den Tag hinweg schwankte.

„Erinnerst du dich eigentlich an gestern?“, brach es aus ihm heraus und überrascht von seiner eigenen Frage, zuckte Fuji zusammen.

„Gestern?“

Kurz überlegte die Wolke, ob sie weiter nachfragen sollte. Sie hatte schon seit Ewigkeiten nicht mehr mit ihr gesprochen.

Seitdem sie ihn das erste Mal alleingelassen hatte.

„Ja, gestern“, er schob seine Zweifel beiseite, „Oder an vorgestern. Oder vorvorgestern. Aber erinnerst du dich an einen Tag vor heute?“

Nachdenklich drehte die Sonne eine Pirouette: „Vor heute… Aber vor heute war doch nichts? Oder doch? Was sollte schon vor heute sein?“

Fuji glaubte noch andere Gesichter auf der Lichtspenderin zu entdecken. Augen und Münder, die in der Helligkeit verblassten. Falten, die auf ihren Moment warteten. Sie waren wie ein Indiz an die Vergangenheit und Zukunft. Mitten in der Gegenwart.

„Vor heute war gestern“, erwiderte die kleine Wolke, „Und vor gestern war auch ein Tag. Gestern ist da unten eine Menge passiert. Die Welt ist ja immerhin nicht einfach aus dem Nichts entstanden!“

„Und wenn doch?“

Verdutzt starrte Fuji in die gleichgültigen Augen.

„Vielleicht bist du ja erst durch meine Fantasie entstanden. Vielleicht ist die gesamte Welt nur aus meiner Vorstellungskraft herausgepurzelt. Dann seid ihr alle nichts weiter als eine Art Halluzination“

Ungläubig verlor die kleine Wolke ein paar Regentropfen. Er schüttelte die Arroganz der Sonne ab und schätzte stattdessen ihre Position im Himmel ab. Er dachte an die letzten Tage zurück. Erinnerte sich an ihren Zenit.

„Das würde dann aber bedeuten, dass ich nicht wissen könnte, was heute noch geschieht, oder?“

Argwöhnisch bedachte der Himmelskörper ihn. Fuji spürte Irritation und Zweifel in diesem Blick.

Er wirkte so seltsam im Gesicht der jungen Sonne.

„Korrekt.“

„Dann wüsste ich also nicht, dass du bald wieder altern und sin-“

„Jeder altert. Das ist normal“, unterbrach sie ihn sofort.

„Doch du wirst sehr schnell altern. Innerhalb von Stunden wirst du altern, sinken und untergehen. Und wenn du morgen wiederkommst, bist du nicht mehr dieselbe.“

„Das-“

Die Sonne stoppte und blinzelte irritiert. Sie hatte ihren Zenit erreicht.

Von nun an ging es bergab.

„Die Leute da unten nennen deinen jetzigen Zustand Mittag. Zu der Zeit am Tage machen sie recht wenig. Und du wirst dann immer grantiger und schroffer. Willst du dich wirklich an keinen der letzten Tage erinnern?“

Schweigen grüßte ihn. Es war eine Stille die einzig von einigen Vögeln in der Ferne unterbrochen wurde.

Dachte sie wahrhaftig über seine Worte nach?

„Falls du Recht haben solltest… dann-“

„Dann lebst du immer und immer wieder. Du müsstest dich also auch irgendwie an gestern und vorgestern erinnern können. Du müsstest wissen, was die Welt verdammt hat. Was die Sterne entzweite. Und vielleicht sogar wie die Welt entstand“, beendete Fuji ihren Gedanken.

„Und du sehnst dich nach diesem Wissen?“, Falten bildeten sich im Gesicht der Sonne. Falten, die gerade noch nicht dagewesen waren.

Es hatte begonnen.

„Ja. Ich wünsche mir, diese Welt zu verstehen.“

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