Gedankenverloren beobachtete sie ihren Lehrer. Es ging um Mathematik. Funktionen und Schnittpunkte. Themen, die nur bedingt ihre Aufmerksamkeit halten konnten. Dennoch schrieb sie artig das Tafelbild ab und tat so, als würde sie sich auf ihre Aufgaben konzentrieren.
„-ne? Liane?“
„Ja?“, sie unterdrückte den Drang ihn zu korrigieren und sich Lilith zu nennen.
„Kannst du deine Lösung für 3b mit uns teilen?“, fragte der Lehrer genervt.
„Bist du dir wirklich sicher?“, fragte Oliver leise.
Liane nickte. Sie hatte sich noch nie so sicher bei etwas gefühlt. Und vor allem aufgeregt! Vielleicht war es doch ganz gut gewesen, dass Olivers Vater sie gefahren hatte. Ihre Gedanken waren immer noch so wirr, dass sie kaum klar denken konnte. Wie hätte sie ihre Umstiege mit dem Bus einhalten sollen? Wie sich nicht verlaufen? Denn immerzu hatten sich die Artikel über die Bachfamilie in ihre Gedanken geschlichen. Sie hatten vergessene Bilder in ihrem Kopf zum Leben erweckt. Bilder, die sich realer anfühlten als ihr Freund Oliver, der die ganze Zeit an ihrer Seite blieb und ihre Hand hielt.
Maggie lauschte den Worten des Lehrers uninteressiert. Es ging um irgendeine Epoche aus dem Mittelalter, die von Düsternis geprägt war. Krankheiten zogen damals durchs Land. Man hielt die meisten Frauen für Hexen. Zauberei war ein Teufelswerk.
Nachdenklich blätterte sie durch das Lehrbuch.
Mach es zu! Ich mag die Horrorbilder nicht!, meldete sich Alice und eilig schloss Maggie das Buch wieder.
Entschuldige, entgegnete sie ihrer anderen Seele, Ich habe nicht nachgedacht.
Das Tuscheln ihrer Mitschüler verfolgte Liane den ganzen Tag über. Selbst als sie bereits auf dem Heimweg waren, hörte sie ihren oder Bettys Namen noch aus den Gesprächen am Schultor heraus.
„Das die auch keine Ruhe geben“, schimpfte Shiloh vor sich hin.
Liane nickte nur. Sie wollte nichts sagen. An ihrer alten Schule waren die Gerüchte stets gegen sie gekippt. Man hatte über sie gelästert. Sie ausgegrenzt. Sie-
„Hey. Das wird schon, ja?“, Oliver drückte ihre Hand.
Für einen Augenblick fühlte sie sich besser und sie erwiderte die Geste.
Dann kehrte der Missmut zurück.
Wie viel waren ihre Freundschaften schon wert? Bestimmt waren Shiloh und Oliver innerlich schon ganz genervt von ihr. Was, wenn sie ihren Freunden zu sehr zur Last fiele? Wenn sie ihnen irgendwann egal wäre? Bestimmt wollten sie auch mal eine Pause von ihr!
Sie wollte gerade sagen, dass sie auch allein nach Hause gehen könnte, als Shiloh abrupt stehen blieb.
„Vielleicht solltest du lieber noch nicht heim. Ich meine, wir wissen beide wie dein Vater drauf war, als du nur etwas durch den Wind warst. Wenn der Helikopter dich so sieht, rattern die Rotorblätter gleich die ganze Stadt nieder“, ihre Freundin schnitt eine Grimasse.
Es dauerte knapp zwei Stunden, bis die ganze Schule über Betty informiert war. Zuvor hatte es nur ein paar Gerüchte gegeben. Kurze Geschichten, die auf den Fluren die Runde machten und mit jeder Wiederholung etwas aufgeplustert wurden. Aber als Bettys Vater sie aus dem Sekretariat abholte, konnte sich niemand mehr zu den Unwissenden zählen.
„DAS SIND REINE UNTERSTELLUNGEN!“, schrie dieser aus.
Unruhig schaute Liane zur Tür. Ihr jetziger Unterrichtsraum lag zwei Etagen und eine Flurlänge vom Sekretariat entfernt und dennoch konnte sie den Mann schon seit einer Viertelstunde glasklar hören.