Timothy – Zum Meer

Wir brachen im Schutz der Dunkelheit auf. So gedachten wir, keine unnötige Aufmerksamkeit zu erregen. Timmy trug die wenigen Vorräte und ein Messer bei sich, Julie zwei Decken sowie ihr Familienfoto. Mehr konnten die beiden Kinder nicht tragen. Nicht, solange sie zügig voran kommen wollten. Und nicht, solange ich keinen Körper besaß.

Still schwebte ich um die Geschwister herum, um Ausschau zu halten. Ich musste zusehen, dass ich sie ungesehen aus dem Dorf bekam. Sobald ich jemanden bemerkte, gab ich Timmy Bescheid, der seine Schwester dann eilig versteckte. So schlichen wir uns stumm zur nächsten Handelsstraße.

Nun mussten wir besonders vorsichtig sein.

„Bist du dir sicher, dass wir hier lang müssen?“, flüsterte Julie, als der morgendliche Nebel die Welt verschluckte.

Timmy sah sich nach mir um. Ich konnte die Sorge in seinem Blick erkennen. Immer wieder schwebte ich voraus, um alles auszukundschaften. Ich wusste, wie die Straße aussah, wo sich die Schlaglöcher befanden und wo die vergessenen Pferdeäpfel lagen.

Doch Janes Enkelkinder waren in diesem Nebel fast blind.

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Timothy – Aufpasser in der Not

Stumm folgte ich Julie durch das kaputte Haus. Ich beobachtete, wie sie die Treppe ausbesserte, wie sie Kleidung flickte, wie sie mit ihren spärlichen Zutaten Abendessen zubereitete …

Sie war eine Kämpferin. Stur schleppte sie sich durch das Haus, um die täglichen Arbeiten zu verrichten. Arbeiten, die viel zu viel für ein so kleines Kind waren.

Ein Kind, das sich allein in diesem Haus glaubte.

Sobald Julie offenbart hatte, dass sie mich nicht mehr sehen konnte, hatte Timmy behauptet, dass ich fort wäre. Das wäre besser, hatte er im Nachhinein zu mir gemeint. Dann würde sie nicht denken, mit ihr wäre etwas falsch. Lieber mit dem Geist, der eh nicht mehr in diese Welt gehöre.

Mit mir.

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Timothy – Die Zeit läuft davon …

Ich fand Jane bei den Pferden. Sanft sprach sie auf die Tiere ein, während sie ihnen ihr Frühstück gab. Dabei streichelte sie die dürren Hälse und bedankte sich bei den Wesen.

Nie zuvor hatte ich jemanden gesehen, der so zärtlich mit Tieren umging!

„Wie kannst du so gelassen bleiben, wenn sie deinen Tod zum Morgengebet verlangen wollen?“, platzte es aus mir heraus.

Die Zeit lief ihr davon!

„Was passieren soll, wird eh geschehen. Meine Sorgen werden nichts daran ändern“, erklärte sie so leise, so schwach.

Aber dennoch zitterte ihre Stimme.

Gut. Das bedeutete, dass sie weiterleben wollte, oder? Es musste. Sie musste!

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Timothy – Ich suchte dich, weil …

Ich habe keine Ahnung, wie ich Jane und ihren Vater trotz des Schneesturms verfolgen konnte. Ich wusste ja nicht einmal, wo das nächste Dorf lag! Mein Instinkt leitete mich. Er musste mich leiten. Denn der Tornado der riesigen Flocken raubte mir jede Sicht. Es fühlte sich wie eine krisselige Masse an. Ohne Gerüche. Ohne Wärme oder gar Kälte.

Es war einfach nur … leer?

Ein sanftes Flimmern tauchte unter mir auf und so schwebte ich hinab. Der Kirchturm zeichnete sich endlich in dem Weiß ab. Wie ein Leuchtturm konnte er mir den Weg hinab zur eingeschneiten Straße weisen. Um mich herum erkannte ich allmählich noch mehr Wohnhäuser. Hohe Gebäude, die mir so unbekannt erschienen. Die jedoch neben der vertrauten Kirche standen. Die bereits so alt und erschöpft wirkten …

Wann war ich zuletzt hier gewesen? Evangeline wollte sonst immer hierher! Sie wollte hierher, um … um …

Warum noch mal?

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Timothy – Siehst du mich?

Zuerst wusste ich nichts mit mir anzufangen. Alles fühlte sich falsch an. Alles fühlte sich so sinnlos an! Sollte ich hier bleiben? Hier, in den Ruinen meines Bettes? Oder sollte ich irgendwo hin? Aber wohin? Wo sollte ich lang? Was sollte ich tun? Nein. Was machte man generell, wenn man tot war? Musste man etwas Bestimmtes tun? Oder war alles egal, weil man eh tot war?

Und wo war eigentlich Evangeline?

Schwerelos hing ich in der Luft. Direkt über meinem Bett. Dort, wo ich verbrannt war. Mein Körper lag bestimmt noch immer unter dem Schutt begraben. Unter diesen verkohlten Holzbalken.

Ich wollte ihn nicht sehen. Er war nicht weiter wichtig. Er war nur eine Hülle. Eine leere Hülle, die sich einst von jeder Krankheit kontrollieren ließ.

Ja.

Etwas fiel von mir ab.

Mein Körper war nicht weiter wichtig. Nichts konnte mich mehr zurückhalten. Niemand kam, um mich zu sich zu rufen. Ich … Ich war frei.

Frei…

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