Tarek John verschränkte die Arme vor der Brust. Er spürte, wie seine zweite Seele vor Wut zitterte. Dennoch weigerte er sich, John die Kontrolle zu überlassen. Er durfte diesen nicht hinaus lassen. Nicht im Tempel. Nicht vor dem obersten Priester …
Nicht vor jener Person, die er am liebsten in der Luft zerreißen wollte.
Lass mich!, dröhnte es da auch schon durch seinen Kopf, Er hat kein Recht-
Einsam und verloren, Im Inneren erfroren, Nach Außen ein Lächeln, Ich darf ja nicht schwächeln.
Erschöpft, ohne Kraft, Während ein jeder lacht, Während jeder sich freut, Fühl‘ ich mich wie betäubt.
Die Steine liegen- Nein! Sie fliegen, Mir mitten ins Gesicht, Doch Schmerz spür‘ ich nicht …
Wer spürt schon die Tropfen im Meer, Wenn das Wasser drückt so schwer? Beim Ertrinken wird es nicht vermessen, Man wird stattdessen am Boden vergessen …
Am Boden unter so viel Nass, Wird meine Haut ganz blass, Während ich mich verlass …
Ein Lächeln nach oben Vom untersten Boden An jene mit ihren Sorgen, An jene mit einem Morgen …
An jene, die mich hochziehen?
Die Hände sie reichen, Sie sind mir ein Zeichen, Sie wollen nicht weichen, Lassen mich nicht erbleichen!
Sie zerren mich an die Luft, Zerren mich aus der nassen Gruft, Sie zerren mich zurück ins Leben, Das ich beinah hätt‘ vergeben
Die Worte klangen so melodisch in Libers Ohren wider, dass er die Sprecherin sofort erkannte. Stumm setzte er sich auf und erwartete dabei fast, sie im Wasser neben seinem Boot vorfinden zu müssen.
Stattdessen lehnte sie bereits halb darin.
Sie trug ihre menschliche Gestalt. Jene mit den zwei Beinen, den langen dunklen Haaren und ihren normalen Zähnen. Auch konnte er weder Schuppen noch Schwimmhäute entdecken. Genau, wie bei ihrer ersten Begegnung. Und ganz anders, als sein Vater sie ihm zuletzt beschrieben hatte.
Dieser hatte sie meist mit einem blutrünstigen Ungeheuer verglichen.
Liber erschauderte, als er das Meer erblickte. Er war endlich am Hafen. Bei den schwankenden Booten und singenden Möwen. Er spürte, wie die Leute ihn beobachteten. Nicht nur der Diener, der ihm hierher gefolgt war. Auch die Fischer und Dorfleute. Immerhin war er derjenige, der er als Nachfahre Gioves gepriesen wurde. Er war derjenige, den sie als ihren König besingen wollten. Er war einer der drei Überlebenden seiner Linie …
Vor drei Jahren hatte er seine Reise zum Manne an diesem Hafen angetreten. Er hatte sich in ein kleines Segelboot gesetzt und die Insel umrundet. Er hatte Bellona getroffen. Und er hatte als erster seit Salacia ihren Test bestanden. Für seither hatte sie ihn nicht nur durch ihre Meere ziehen lassen – sie hatte sogar seine Boote in den Stürmen beschützt. Doch hatte diese friedliche Geste seine Cousins übereifrig werden lassen. Sechs von ihnen hatten darauf bestanden, dass der „dumme Liber“ nicht besser sein könne, als sie selbst. Sie hatten sich am Hafen verabredet. Hatten sich Boote von den Fischern gestohlen. Hatten die Insel eigenständig umfahren wollen. Hatten daraus sogar ein unbedachtes Wettrennen veranstaltet!
„Komme endlich raus!“, Werde ich angebrüllt, „Tret‘ in den Sonnenschmaus. Sei nicht so vermüllt!“
Prompt ist die Tür wieder zu Und ich habe kurz meine Ruh. Kommen werde ich jedoch nicht, Denn ich hasse jeden Sonnenstich.
Zikaden und Meer. Der warme Flair. Die sengende Hitze – Wie ich schon schwitze! Dazu noch das Zeckengetier – Kleinster Vampir! – Mit Mücken zuhauf. Da pfeif‘ ich drauf!
Ich seh‘ mich um. Gut. Ein Teller steht rum. Ein Glas daneben. Mehr „Müll“ mag es nicht geben. Alles andere ist sauber und rein. Halt nur ohne Sonnenschein. Ohne dieses grelle Licht. Der Vorhang tut halt seine Pflicht.
Ich wäge meine Optionen ab. Die Diskussionen habe ich schon lange satt. Jede schaufelt ein zu frühes Grab …
Also setz‘ ich die Kopfhörer auf. Ich hoffe, ich fliege damit nicht auf Und niemand fordert mich erneut auf.
Denn die Hitze des Sonnenscheins Ist definitiv nicht meins.