Tarek John verschränkte die Arme vor der Brust. Er spürte, wie seine zweite Seele vor Wut zitterte. Dennoch weigerte er sich, John die Kontrolle zu überlassen. Er durfte diesen nicht hinaus lassen. Nicht im Tempel. Nicht vor dem obersten Priester …
Nicht vor jener Person, die er am liebsten in der Luft zerreißen wollte.
Lass mich!, dröhnte es da auch schon durch seinen Kopf, Er hat kein Recht-
Einsam sitzt du dort, allein, nur du! Bibbernd trägst du keinen einzigen Schuh. Tränenstraßen kleben auf deiner Wange. Tränenstraßen, wegen derer ich um dich bange. Die Kleidung schief und viel zu groß, Dennoch zogst du das bessere Los?
Das Los zu leben. Das Los zu trauern. Das Los zu pflegen, Was noch nicht tat versauern.
Du wartest auf den Bus, Ob er für dich hält?
Du wartest auf den Bus, Ob er kommt, wie bestellt?
Du wartest auf den Bus, Hast aber kein Geld …
Alles Geld ist vergessen. Es dreht sich nur noch ums Essen. Es dreht sich nur noch ums Überleben. Es dreht sich alles ums falsche Geben.
Wer auf Versprechen zählt ist verloren. Diese Menschen sind bald erfroren. Sie werden vom Winter gefordert, Werden zu den Toten beordert …
Angespannt schüttle ich mich, Dorthin sollst du nicht! Ich will deine Fähre zahlen. Ich will dir nehmen die Qualen!
Der Bus hält und ich steige ein. Ich schaue zurück, sehe dich allein. Winke dich zu mir, rufe dich! Nur erwiderst du es nicht …
Denn ich sehe, wie du dich nicht regst. Ich sehe, wie du dich nicht bewegst. Sehe, deinen glasigen Blick. Weiß, für dich gibt es keinen Weg zurück …
Ich zahle meine Fähre: Mit drei Äpfeln auf die Leere. Einer landet prompt beim Fahrer im Mund. Er nickt, fährt fort über wankenden Grund. Er schaut nicht zu dir, scheint dich nicht zu seh’n, Während ich dir flüster‘: „Auf Wiederseh’n“.
Johnny wartete einige Minuten im Verborgenen. Erst danach ging er in die Richtung des Hauses zurück. Er hielt sich dabei an die Straße. Blieb immer direkt neben dem Sandweg: Weit genug weg, um seine Umgebung zu überblicken, allerdings auch nah genug am Wald, um notfalls darin abzutauchen. Als er das Gebäude wieder mustern konnte, hielt er inne. Er beäugte die Fenster nachdenklich. Dann den kleinen Garten und die Treppe, die zum Haus führte.
Zu diesem Waisenhaus
Als er sich sicher war, dass niemand ihn beobachtete, lief er zügig auf das Haus zu. Trotz aller Vorsicht fühlte er sich dabei beobachtet. Also achtete er darauf, sich normal zu geben. Als würde er hier wohnen. Als wäre er jeden Tag hier.
Dennoch ließ dieses unbehagliche Gefühl nicht von ihm ab.
Sven Ryan folgte seiner Mutter durch die kühlen Gänge. Er mochte diesen Ort nicht. Hier war es immer zu kalt. Zu steril. Aber genau deswegen musste er sie begleiten.
Er durfte sie nicht alleine in die Hölle lassen.
Obwohl er erst acht Jahre zählte, wollte er seine Mutter beschützen. Sie war seine Ma. Sein Fels in der Brandung. Er wusste, dass sie einzigartig war. Dass die anderen Mütter von Kumohoshi nicht so liebevoll mit ihren Kindern umgingen. Egal, ob diese so alt wie er oder sehr viel jünger waren. Doch war das nur ein weiterer Grund, warum er sich um seine Ma zu kümmern hatte.
Ludwig Renaldo wank die Wachposten ungeduldig zur Seite, während er durch die Hallen eilte. Eigentlich hätte er sich auch zu seinem Bruder blinzeln können. Doch kam ihm der Fußweg eher gelegen. So konnte er seinen Frust fortschieben. Er konnte seine Gedanken neu ordnen. Das Dilemma abwägen …
»So gut gelaunt?«, grüßte ihn seine Kindheitsfreundin unerwartet. Er stockte. Er hatte sie nicht kommen gehört. Auch sein Vertrauter Arashi wirkte überrascht. Fiona Katja war die einzige Hushen, die ihn so überrumpeln konnte.
»Hast du nichts zu tun?«, murrte LR.
Obwohl er sich abweisend gab, schrak sie nicht zurück. Das tat sie nie. Stattdessen zuckte sie mit den Schultern und passte sich seinem Laufschritt an.