Es dauerte mehrere Stunden, ehe Maria sich von Julie verabschiedete. Viel zu lange wollte sie bei ihrer Freundin ausharren und sich um diese kümmern. Dennoch stand Julie sofort aus ihrem Bett auf, sobald ihre Freundin sie endlich verließ.
Erschrocken wirbelte ich um Julie herum. Auch ich war der Meinung, dass sie sich ausruhen sollte! Ich wusste nicht, ob ich sie verletzt hatte. Immerhin war es das erste Mal gewesen, dass ich in einem anderen Menschen gesteckt hatte.
Marie war sieben Jahre alt, als sie zum ersten Mal Geld aus der Börse ihrer Mutter stahl. Es kam einfach so über sie. Sie hatte Eis mit Diana essen gehen wollen und nicht mehr genug Taschengeld gehabt. Also hatte sie sich einfach ein paar Scheine von ihrer Mutter genommen. Das restliche Geld hatte sie für neuen Nagellack ausgegeben. Weil er ihrer Freundin so gefiel. Sie hatten die Flaschen untereinander aufgeteilt. Und am nächsten Tag wollten sie ihre Kunstwerke miteinander vergleichen.
Es war ein wunderbarer Ausflug gewesen! Marie hatte nicht einmal ein schlechtes Gewissen gehabt. Sie hatte wirklich nicht bemerkt, dass sie etwas falsch gemacht hatte. Erst als Sophie von ihrer Mom des Diebstahls bezichtigt wurde, fiel ihr auf, dass sie ihre Mutter ja gar nicht gefragt hatte. Dass sie sich einfach bedient hatte. Dass nun ihre Schwester den Ärger abbekam …
Das Abendessen verlief ohne Probleme. Auch ließ sich Julie auf einen kurzen Spaziergang ein – wenngleich sich ihre Augenbrauen hoben, als Timmy den halben Haushalt mitnehmen wollte.
„Also wirklich! Du wirkst, als ob wir gleich ausziehen“, lachte sie.
Als er das Lachen nicht erwiderte, wusste ich, dass sie etwas ahnte. Dennoch sprach sie ihn nicht darauf an. Sie schien sich eher etwas schneller zu bewegen. Schneller und ängstlicher.
„Ich muss etwas erledigen“, offenbarte Timmy ihr endlich, als er sie zum Felsvorsprung gebracht hatte. Knapp erklärte er, dass er einem Mädchen helfen müsse. Dass es gefährlich werden könne. Dass es aber wichtig wäre und er bald wieder zurück wäre, um sie abzuholen. Dass sie sich keine Sorgen machen solle. Er würde immer zu ihr zurückkehren.
Verärgert schwebte ich durch das Piratenhaus. Mir war zum Schreien zu Mute! Da bat ich gestern Timmy noch darum, nichts zu überstürzen. Aber er? Er entschied lieber, dass er bereits in der kommenden Nacht das Mädchen retten wolle!
Ich glitt durch die nächste Wand und kundschaftete den schmalen Weg dahinter aus. Dieses Haus hatte so viele versteckte Gänge und verborgene Türen, dass es einem Irrgarten glich! Jeder Raum war mit mindestens drei anderen verbunden – ohne, dass man es ihm direkt ansah. So gab es allein in der Küche drei verschiedene Kellereingänge, eine verborgene Treppe nach oben, eine offensichtliche Tür in den Flur sowie eine weitere hinter einer Arbeitsplatte. Darüber hinaus verbarg sich eine Luke, die mit einem Seil in den Raum darüber führte, schräg neben dem Kamin. Ich hatte sie nur zufällig entdeckt. Als ich durch die Decke geschwebt war. Doch hatte ich keine Ahnung, wie man sie öffnete.
„Ein Baby, vier Kinder, drei Frauen und fünf Männer“, zählte ich die Bewohnenden des Piratenhauses gedanklich durch, während ich es mit den Schlafplätzen im ersten Stock abglich, „Kommt hin.“
Wir brachen im Schutz der Dunkelheit auf. So gedachten wir, keine unnötige Aufmerksamkeit zu erregen. Timmy trug die wenigen Vorräte und ein Messer bei sich, Julie zwei Decken sowie ihr Familienfoto. Mehr konnten die beiden Kinder nicht tragen. Nicht, solange sie zügig voran kommen wollten. Und nicht, solange ich keinen Körper besaß.
Still schwebte ich um die Geschwister herum, um Ausschau zu halten. Ich musste zusehen, dass ich sie ungesehen aus dem Dorf bekam. Sobald ich jemanden bemerkte, gab ich Timmy Bescheid, der seine Schwester dann eilig versteckte. So schlichen wir uns stumm zur nächsten Handelsstraße.
Nun mussten wir besonders vorsichtig sein.
„Bist du dir sicher, dass wir hier lang müssen?“, flüsterte Julie, als der morgendliche Nebel die Welt verschluckte.
Timmy sah sich nach mir um. Ich konnte die Sorge in seinem Blick erkennen. Immer wieder schwebte ich voraus, um alles auszukundschaften. Ich wusste, wie die Straße aussah, wo sich die Schlaglöcher befanden und wo die vergessenen Pferdeäpfel lagen.
Doch Janes Enkelkinder waren in diesem Nebel fast blind.