Es dauerte zwei Tage, bis der Prinz und die alte Frau wieder auf dem Pfad auftauchten. Nia saß wieder oben in den Bäumen. Sie beobachtete, wie die Nacktaffen am Waldrand herumlungerten. Fast so, als würden sie auf etwas warten. Oder auf jemanden? Vielleicht auf den Soldaten vom letzten Mal? Oder einen anderen? Er war ja diesmal nicht bei ihnen. Dabei war sich Nia sicher, dass sie ihn nicht zu stark verwundet hatte!
Kurz nach Sonnenhoch machten die Nacktaffen kehrt und liefen zum nächsten Dorf zurück.
„Was sie wohl wollten?“, fragte Aurora, die sich zu ihr gesellt hatte.
„Hallo, mein Name ist Aura. Das ist die Kurzform von Aurora, weißt du?“, stellte sich der Vogel vor.
Das ängstliche Mädchen schüttelte den Kopf und schob sich gegen Miras Beine.
„Alles gut. Ich bin nicht hier, um dir zu schaden. Darf ich mir deine Stirn einmal ansehen? Nur kurz?“
Unschlüssig schaute das Kind zwischen Mira und dem großen Vogel hin und her. Sie wirkte angespannt. So, als wollte sie ablehnen. Als fürchtete sie sich jedoch, dann verstoßen zu werden. Deswegen schien sie auf Hilfe zu hoffen. Auf eine Eingebung.
Aber diese konnte Mira ihr nicht geben. Das Kind musste selbst entscheiden.
Maggie lauschte den Worten des Lehrers uninteressiert. Es ging um irgendeine Epoche aus dem Mittelalter, die von Düsternis geprägt war. Krankheiten zogen damals durchs Land. Man hielt die meisten Frauen für Hexen. Zauberei war ein Teufelswerk.
Nachdenklich blätterte sie durch das Lehrbuch.
Mach es zu! Ich mag die Horrorbilder nicht!, meldete sich Alice und eilig schloss Maggie das Buch wieder.
Entschuldige, entgegnete sie ihrer anderen Seele, Ich habe nicht nachgedacht.
„Wenn du ein neues Leben beginnen möchtest, so folge mir. Weder ich noch meine Familie werden sich von dir abwenden“, erklärte Mira dem winzigen Kind vor sich.
Es war ein Mädchen. Höchstens sechs Jahre alt. Ihre Lumpen erinnerten sie an ihre eigenen. An damals. Als sie in den Wald gejagt wurde. Fort, von den scheußlichen Menschen. Zu der einzigen Mutter, die sie bedingungslos annahm.
„Du bist eine … Hexe?“, flüsterte die Kleine.
„Miracula“, korrigierte sie sanft, „Möchtest du auch eine werden?“
Das Kind stolperte einen Schritt zurück. Sie schaute über ihre Schulter. Schien inne zu halten.
Bacchus lauschte die ganze Nacht lang der Musik. Sie befreite ihn von seinen Sorgen. Er ließ sich von ihr wiegen und umweben und als die Sonne aufging, lächelte er das ungewöhnliche Wesen dankbar an.
Es war haarig. Seine Beine ähnelten denen eines Lastentiers und die abgerundeten Hörner auf seinem Kopf hatten etwas Bedrohliches. Es trug keine Kleidung – die brauchte es auch bei dem ganzen Pelz nicht. Jedoch hingen zwei lose Gürtel über seiner Brust gekreuzt, an denen kleine Beutel und Flaschen baumelten.
„Fürchtest du dich nicht?“, unterbrach das Geschöpf sein Lied, als es den Blick bemerkte.
Obwohl Bacchus sich unwohl fühlte, schüttelte er den Kopf. Eigentlich war ihm alles Fremde verboten worden. Den ländlichen Bauern gefielen neue Ideen nicht. Deswegen hielten sie sich von den Wäldern fern. Es gab immer nur dieselben Flüsse, von denen man Wasser holte. Es gab immer nur dieselben Felder, die bearbeitet wurden. Und es gab immer nur dieselben Routen, denen die umherwandernden Bauern folgten.
Sich zu weit von der Gruppe zu entfernen, den Wald zu betreten oder gar mit einem fremden Wesen zu sprechen … Wie viele Regeln er in der letzten Nacht wohl gebrochen hatte?
„Wenn ich mich fürchte, dann nicht vor dir“, antwortete er geschmeidig.