K: Soyokazes Überlieferung

Zangasha erschuf das erste Leben. Es war nur ein Experiment. Eine Seifenblase. Mehr nicht. Nur wollten sich die anderen Dimen davon nicht übertreffen lassen. Sie experimentierten mit dieser kleinen Seifenblase. Erschufen Fische. Amphibien. Reptilien. Vögel. Säuger …

Und vor allem letzteres faszinierte sie.

So kam es, dass Mingasha die ersten Menschen kreierte. Anfangs waren es noch recht einfache Wesen. Geschöpfe, die voneinander abhängig waren. Die Steine als Werkzeuge benutzten. Die nur langsam lernten. Und denen als allererstes eine facettenreiche Seele geschenkt wurde.

Mingasha nannte sie Hutan.

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K: Ein Stück vom Geburtstagskuchen

Maggie zwang sich ein Lächeln ins Gesicht, als Paul bei seiner Pointe ankam. Sie nickte ihm zu. Erkundigte sich, wie es mit den Eskapaden seines Kunden weiterging. Wie ihr Stiefbruder immer so ruhig bleiben konnte.

Beschämt schüttelte dieser den Kopf: „Musste ich zum Glück nicht. Mein Chef hat den Saufbold auseinandergenommen, weil er ein paar Gläser Gewürzgurken runtergeworfen hatte. Der Alte hat wie ein Matrose geschimpft, sag ich dir!“

Maggie nickte sachte. Sein Tonfall hatte sich verändert. Generell kam es ihr so vor, als ob sich ihr Stiefbruder jedes Jahr ein bisschen mehr veränderte – als ob er sich von ihr entfernte!

Sie hasste es.

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Timothy – Das Vorhaben

Timmy kam erst in den frühen Abendstunden zurück. Begeistert erzählte er Julie von seinem Tag. Und von dem Fischer, dem er helfen durfte. Er wäre ziemlich streng gewesen. Aber er hatte ihm einen guten Lohn gezahlt, dafür, dass er eine bloße Schriftrolle überbrachte. Genug, damit er ein ganzes Laib Brot kaufen konnte!

Stolz brodelte geradezu aus ihm heraus, während er jedes Detail wiedergab. Es war nur eine kleine Aufgabe gewesen – aber er hatte sie allein erfüllt. Und er hatte sich dadurch etwas Essbares verdienen können!

Unschlüssig schob ich meine Erkenntnisse über unsere Nachbarn beiseite, während er mit Julie aß. Ich wollte sie nicht ablenken. Dennoch bemerkte ich, wie Timmy immer wieder fragend zu mir herüber sah. Als würde er ahnen, dass ich mich unwohl fühlte.

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Timothy – Zum Meer

Wir brachen im Schutz der Dunkelheit auf. So gedachten wir, keine unnötige Aufmerksamkeit zu erregen. Timmy trug die wenigen Vorräte und ein Messer bei sich, Julie zwei Decken sowie ihr Familienfoto. Mehr konnten die beiden Kinder nicht tragen. Nicht, solange sie zügig voran kommen wollten. Und nicht, solange ich keinen Körper besaß.

Still schwebte ich um die Geschwister herum, um Ausschau zu halten. Ich musste zusehen, dass ich sie ungesehen aus dem Dorf bekam. Sobald ich jemanden bemerkte, gab ich Timmy Bescheid, der seine Schwester dann eilig versteckte. So schlichen wir uns stumm zur nächsten Handelsstraße.

Nun mussten wir besonders vorsichtig sein.

„Bist du dir sicher, dass wir hier lang müssen?“, flüsterte Julie, als der morgendliche Nebel die Welt verschluckte.

Timmy sah sich nach mir um. Ich konnte die Sorge in seinem Blick erkennen. Immer wieder schwebte ich voraus, um alles auszukundschaften. Ich wusste, wie die Straße aussah, wo sich die Schlaglöcher befanden und wo die vergessenen Pferdeäpfel lagen.

Doch Janes Enkelkinder waren in diesem Nebel fast blind.

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M: Die Kluft der Chengs

Kim wartete, bis der Arzt ihr das Okay gab. Es war der übliche Humbug. Erst wenn sie sich angemeldet und Niklas ihren Besuch bestätigt hatte, ließen die Leute sie auch durch.

„Sie haben maximal zwei Stunden“, erklärte der Arzt nach seinem kurzen Telefonat, „Und bitte beschädigen Sie nicht wieder das Mobiliar.“

Stumm wandte sich die rothaarige Asiatin ab. Die meisten anderen durften nicht so mit ihr sprechen. Aber die meisten anderen kümmerten sich auch nicht um ihre verstümmelte Mutter.

Zielsicher lief sie die Krankenhausgänge entlang. Sie musste ans andere Ende des Gebäudes. Dort waren die stationären Fälle. Jene, die Niklas nicht gehen lassen würde. Nicht, solange er Kim oder ihren Bruder noch brauchen würde.

Es war ein besseres Gefängnis.

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