Sie starrte auf das Licht, das durch den Türspalt in ihr Zimmer fiel. Ein dünner Streifen, der nur gelegentlich von dem Schatten ihres Vaters unterbrochen wurde, wenn dieser sich streckte.
Sie hatte gehört, wie er sich einen Stuhl herangezogen hatte. Sie wusste, dass er wieder vor ihrer Tür saß. Dass er diesen Baseballschläger umklammert hielt. Dass er bis zum Morgen ausharren würde.
Das Warum war ihr ein Rätsel. Sie spürte seine Sorgen, seinen Kummer, seine Angst. Aber sie verstand nicht, woher diese Gefühle kamen und warum er plötzlich so überfürsorglich geworden war. Ihre Mama war nicht so aufdringlich. Ganz im Gegenteil! Sie schien sogar immer weniger Zeit für Liane zu haben. Hatte sie etwa Angst … vor ihr?
Nachdenklich malte ihr Zeigefinger
auf dem Bettlaken herum. Sie spürte, wie er schon wieder diesen vertrauten
Bewegungen folgte. Wie sie einen Stern nachzeichnete. Gedanklich zählte sie die
Striche mit, die sie für jeden Himmelskörper brauchte.
Jessica Naar war genervt. Sie war genervt und wütend. Sauer auf den Tag. Sauer auf ihre Mitschüler. Sauer auf sich!
Ihre Schultasche flog in eine Ecke ihres winzigen, schäbigen Zimmers. Sie warf ihre Schlüssel hinterher, kickte ihre Schuhe neben ihr Bett und ließ sich seufzend darauf fallen. Dann ballte sie ihre Hände zu Fäusten. Entspannte sie wieder. Zählte im Kopf von dreißig runter.
Die Naar kannte das Prozedere. Sie
wusste, was heute noch folgen würde. Was immerzu folgen würde. Immerhin war ihr
bewusst, dass sie selbst für eine Stadt wie Merichaven den Bogen überspannt
hatte. Dass es nur noch eine Frage der Zeit war, bis ihre Mom-
„Alles in Ordnung, Jessi?“
Da stand die Frau auch schon in ihrer Zimmertür. Wenn man das schiefe Holz überhaupt als solches bezeichnen konnte. Immerhin ließ es sich nicht einmal schließen! Besorgt sah sie zu Jessica hinüber und wirkte derzeit weder frustriert noch wütend.
Ich weiß nicht, wo es herkam. Dieses kleine Boot, unbiegsam! Im wilden Gewässer, Am schneidenden Messer.
Würde es nicht übersteh‘n, Würde es gewiss untergeh’n, Dieses kleine Boot – Verloren in Seenot …
Doch waren meine Sorgen unbegründet, Denn als wäre das Holz angekündet, Wurde es umwoben, Emporgehoben.
Ich beobachtete es vom Leuchtturm aus, Bedachte es aus diesem sicheren Haus, Konnte die sanften Wellen nicht verstehen, Die ihm liebevoll beistehen …
Was, oh, was nur war besonderes daran? An diesem einfachen, winzigen Kahn? Warum vermochte er zu schwimmen? Während andere verglimmen … Während andere ertrinken, In tiefen Wellen versinken, Vermag es zu treiben, Die Eifersucht einzuverleiben!
Meine Glühwürmchen, sie singen, Sie tanzen und springen, Sie freuen sich gar sehr, Für dieses kleine Boot im Meer.
Nur weiß ich nichts zu zusagen. Ich will es nicht mal wagen. In meinem Inneren schreie ich auf:
Verschwinde! Du weißt nichts über frühere Winde! Wünschte ich Dir: „Ersauf“?
Man vermag sie kaum zu bändigen. Man vermag sie kaum zu halten. Sie fliegen umher.
Den Worten Anderer ausgesetzt. Durch die Worte Anderer verletzt. Nackt.
So lernte ich diese zu akzeptieren. Das Innere zu maskieren. Das Innere zu massakrieren. Mich selbst zu verlieren.
Die Bande, sie brachen. Und nun im Vorbeigehen Mit versteckten Tränen – Mit gekünsteltem Lachen Fragst Du mich, Warum sagte ich nichts?
Und so erwidere ich, Bedeutete ich Dir nichts?!
Das Herz wart verschlossen. Abgehackt die Sprossen, Die einem Kind sonst halfen, Die Welt zu gestalten. Vergossener Schweiß – Blut und Tränen waren Preis. Doch waren sie viel zu leis‘ Im Vergleich zum frostigen Eis.
Das Eis, das die Seele umwob. Mich in die Tiefen des Hurrikans schob, Ins Auge des Sturms Auf dem Balkon des Leuchtturms.
Apathie umkreiste die Gedanken, Verschlang Freude und Glück. Während sie im Meer versanken, Führte kein Weg mehr zurück.
Ein Lächeln wurde aufgesetzt.
Dein Wille durchgesetzt.
Die Gedanken ersetzt.
Die Seele zerfetzt.
Unwissend, nichtsahnend – Ich war ein Kind. Was hätte ich sagen können? Mein Innerstes zerrann zu geschwind …
Ich ließ mich fallen, Ließ mich tragen, Ließ mich ertränken, Ließ mich verjagen, Nickte artig ja, Sagte kaum nein, Akzeptierte stumme Ohren, Wenn ich nur wollte schrei‘n!
Hörst Du mich nicht?! Siehst Du mich nicht?! Oder hast Du es bereits vergessen? Mein Gesicht?
Die Dunkelheit brach ein, Ließ kein Licht herein. Sie schottete mich ab, Schaufelte mein viel zu frühes Grab.
Ich war bereit zu gehen, Konnte all das nicht mehr verstehen, Konnte das Scheinheilige nicht sehen, Wollte nur noch durchdrehen …
Da erblickte ich den ersten Funken. Ich fühlte mich ertrunken, Doch griff meine tote Hand danach, Und weckte mich aus dem ewigen Schlaf.
Glühwürmchen – So klein, so zierlich, Verbreiteten ihr helles Licht, Wärmten mein eisiges Gesicht, Erleuchteten meine Sicht.
Eines nach dem anderen Flogen sie in mein Leben, Erweckten in meinem Inneren Einen Traum nach ewigem Streben.
Ach! Wie sehr die Tränen doch flossen! Wie warm meine Gefühle uns umschlossen, Als die Glühwürmchen mich lenkten Und mir endlich Liebe schenkten.