Pan betrachtete, wie sich seine Sklaven durch die Mittagssonne quälten. Er hatte sie sich eigentlich nicht zu eigen machen wollen. Es war einfach in der Hitze des Gefechts passiert. Doch nun? Nachdem er diese Kreaturen befragt und die Welt der Menschen zu verstehen glaubte?
Er hasste ihre Gattung!
Angewidert wandte er sich von den schuftenden Bauern ab. Er trat wieder ins Haus. Ein Haus, das er kaum benötigte. Das er so jedoch den anderen Bauern verwehrte. Das er ihnen immerzu verwehren würde!
„Mom, wirklich?“, grüßte ihr Junge sie, als er aus der Schule trat.
„Es ist dein allerletzter Tag“, entgegnete Jackie, „Und ich hatte dir zur Einschulung gesagt: Ich komme nur am ersten und letzten Tag her.“
Lachend schüttelte er den blonden Kopf. Die Haarfarbe hatte er von ihr und seinem Vater gleichermaßen. Genauso wie seine Größe. Seit zwei Jahren waren sie nahezu gleich groß. Ganz anders als damals, als sie ihn zum ersten Mal hierher gebracht hatte. Damals. Als der Rucksack fast genauso schwer wie ihr Junge gewesen war … Aber das war nun auch schon über zehn Jahre her.
„Pa kommt direkt nach Hause?“, flüsterte ihr viel zu großer Junge.
Bacchus lauschte die ganze Nacht lang der Musik. Sie befreite ihn von seinen Sorgen. Er ließ sich von ihr wiegen und umweben und als die Sonne aufging, lächelte er das ungewöhnliche Wesen dankbar an.
Es war haarig. Seine Beine ähnelten denen eines Lastentiers und die abgerundeten Hörner auf seinem Kopf hatten etwas Bedrohliches. Es trug keine Kleidung – die brauchte es auch bei dem ganzen Pelz nicht. Jedoch hingen zwei lose Gürtel über seiner Brust gekreuzt, an denen kleine Beutel und Flaschen baumelten.
„Fürchtest du dich nicht?“, unterbrach das Geschöpf sein Lied, als es den Blick bemerkte.
Obwohl Bacchus sich unwohl fühlte, schüttelte er den Kopf. Eigentlich war ihm alles Fremde verboten worden. Den ländlichen Bauern gefielen neue Ideen nicht. Deswegen hielten sie sich von den Wäldern fern. Es gab immer nur dieselben Flüsse, von denen man Wasser holte. Es gab immer nur dieselben Felder, die bearbeitet wurden. Und es gab immer nur dieselben Routen, denen die umherwandernden Bauern folgten.
Sich zu weit von der Gruppe zu entfernen, den Wald zu betreten oder gar mit einem fremden Wesen zu sprechen … Wie viele Regeln er in der letzten Nacht wohl gebrochen hatte?
„Wenn ich mich fürchte, dann nicht vor dir“, antwortete er geschmeidig.
Bacchus holte erneut mit seiner Sense aus. Pausenlos hieb er damit auf die Ähren ein. Es war die ermüdende Schufterei, mit der er sich das tägliche Brot sicherte. Immerhin war er einer der unzähligen umherreisenden Bauern. Gemeinsam zogen sie von Feld zu Feld, um ihr Dasein zu fristen. Keiner von ihnen besaß eine sorgenfreie Zukunft, ein eigenes Haus oder gar ein paar Schuhe.
Ihre Zukunft gehörte den ländlichen Bauern.
Hinter ihm sackte eine Frau zusammen. Niemand ging zu ihr. Niemand unterbrach sein Handwerk, um gar nach ihr zu sehen. Sie hantierten lieber weiter. Selbst er.
Wer nicht arbeitete, würde keinen Lohn bekommen.
Erst als die Sonne unterging und Bacchus sein Brot erhalten hatte, schaute er nach der Zusammengebrochenen. Sie hatte sich an den Rand des Feldes gekämpft. Zitternd saß sie dort – die geschlossenen Augen dem Himmel zugewandt.
Du schriebst, Mit Tränen in den Augen ist man blind. Du schriebst, Man sieht die Dinge nicht, wie sie sind.
Du schriebst es so flüssig, so eigen, Die Worte klangen, wie die deinen, Wie ein weit entferntes Licht Und waren es doch nicht …
Du hattest ihnen im Radio gelauscht, Sie hatten Dich dort so berauscht, Du hast sie daher aufgebauscht –
Eilig notiert.
Du hattest sie uns hinterlassen, Hast sie versteckt gelassen, Bis wir sie nun umfassen –
Ein stiller Abschied.
Hier und da sind Lücken, Das sind die Gedächtnis-tücken, Deine alten Krücken –
Ein Stück von Dir.
Denn ja, die Sterne strahlen noch bei Nacht, Und alles, was mich heute traurig macht, Wird hoffentlich vergehen …
Aber wird es wie ein Traum sein?
Wie soll ein bittersüßer Traum vergehen? Ich möchte Dich doch in meinem Herzen sehen! Ich möchte Dich immer bei mir tragen. Ich möchte Dich niemals vergraben!
Diese Tränen schmerzen nicht. Diese Tränen erinnern sich. Diese Tränen lieben Dich …
Gern schaue ich nach vorn, Aber bitte, lieber Leuchtturm, Erwarte kein Adieu.
Mit Andeutungen auf das Lied „Mit Tränen in den Augen ist man blind“ von Julio Iglesias.