Märchenstunde: Das Spiel der Flöte II

Bacchus lauschte die ganze Nacht lang der Musik. Sie befreite ihn von seinen Sorgen. Er ließ sich von ihr wiegen und umweben und als die Sonne aufging, lächelte er das ungewöhnliche Wesen dankbar an.

Es war haarig. Seine Beine ähnelten denen eines Lastentiers und die abgerundeten Hörner auf seinem Kopf hatten etwas Bedrohliches. Es trug keine Kleidung – die brauchte es auch bei dem ganzen Pelz nicht. Jedoch hingen zwei lose Gürtel über seiner Brust gekreuzt, an denen kleine Beutel und Flaschen baumelten.

„Fürchtest du dich nicht?“, unterbrach das Geschöpf sein Lied, als es den Blick bemerkte.

Obwohl Bacchus sich unwohl fühlte, schüttelte er den Kopf. Eigentlich war ihm alles Fremde verboten worden. Den ländlichen Bauern gefielen neue Ideen nicht. Deswegen hielten sie sich von den Wäldern fern. Es gab immer nur dieselben Flüsse, von denen man Wasser holte. Es gab immer nur dieselben Felder, die bearbeitet wurden. Und es gab immer nur dieselben Routen, denen die umherwandernden Bauern folgten.

Sich zu weit von der Gruppe zu entfernen, den Wald zu betreten oder gar mit einem fremden Wesen zu sprechen … Wie viele Regeln er in der letzten Nacht wohl gebrochen hatte?

„Wenn ich mich fürchte, dann nicht vor dir“, antwortete er geschmeidig.

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Märchenstunde: Das Spiel der Flöte I

Bacchus holte erneut mit seiner Sense aus. Pausenlos hieb er damit auf die Ähren ein. Es war die ermüdende Schufterei, mit der er sich das tägliche Brot sicherte. Immerhin war er einer der unzähligen umherreisenden Bauern. Gemeinsam zogen sie von Feld zu Feld, um ihr Dasein zu fristen. Keiner von ihnen besaß eine sorgenfreie Zukunft, ein eigenes Haus oder gar ein paar Schuhe.

Ihre Zukunft gehörte den ländlichen Bauern.

Hinter ihm sackte eine Frau zusammen. Niemand ging zu ihr. Niemand unterbrach sein Handwerk, um gar nach ihr zu sehen. Sie hantierten lieber weiter. Selbst er.

Wer nicht arbeitete, würde keinen Lohn bekommen.

Erst als die Sonne unterging und Bacchus sein Brot erhalten hatte, schaute er nach der Zusammengebrochenen. Sie hatte sich an den Rand des Feldes gekämpft. Zitternd saß sie dort – die geschlossenen Augen dem Himmel zugewandt.

Das tat Selene immer, wenn es ihr nicht gut ging.

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Timothy – Siehst du mich?

Zuerst wusste ich nichts mit mir anzufangen. Alles fühlte sich falsch an. Alles fühlte sich so sinnlos an! Sollte ich hier bleiben? Hier, in den Ruinen meines Bettes? Oder sollte ich irgendwo hin? Aber wohin? Wo sollte ich lang? Was sollte ich tun? Nein. Was machte man generell, wenn man tot war? Musste man etwas Bestimmtes tun? Oder war alles egal, weil man eh tot war?

Und wo war eigentlich Evangeline?

Schwerelos hing ich in der Luft. Direkt über meinem Bett. Dort, wo ich verbrannt war. Mein Körper lag bestimmt noch immer unter dem Schutt begraben. Unter diesen verkohlten Holzbalken.

Ich wollte ihn nicht sehen. Er war nicht weiter wichtig. Er war nur eine Hülle. Eine leere Hülle, die sich einst von jeder Krankheit kontrollieren ließ.

Ja.

Etwas fiel von mir ab.

Mein Körper war nicht weiter wichtig. Nichts konnte mich mehr zurückhalten. Niemand kam, um mich zu sich zu rufen. Ich … Ich war frei.

Frei…

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