Der sterbende Baum

Einst gepflanzt in satter Erde,
Auf dass es ein starker Baum werde,
Auf dass es wächst – hoch hinaus –
Breitet es die Äste aus.

Doch jedes Jahr kommt ein neuer Sturm.
Jedes Jahr kommt neues Verderben.
Jedes Jahr muss ein Spross sterben …

Der Sturm, er rüttelt am Turm,
An diesem Stamm, er knarrt,
An diesem Stamm, er schabt.

Er hat schon viele seiner Kinder gehen sehen.
Er konnte ihren Abschied nicht verstehen.
Er konnte ihnen nur nachsehen
Und blieb angewurzelt stehen …

Während die Samen Jahr um Jahr verwehen,
Blieb angewurzelt stehen.

Während die Äste Jahr um Jahr vergehen,
Blieb angewurzelt stehen.

Während sein Vermächtnis Jahr um Jahr verstarb,
Und der Baum der Realität erlag,
Welche Tag um Tag heran naht
Steht er doch in seinem eigenen Sarg.

In dem Sarg der Einsamkeit.

Märchenstunde: Das Königreich der Hexen III

Mira und Nyx waren beide gekommen, um den Prinzen anzuhören. Sie trafen sich mit ihm am Waldrand, während Nia und ihre anderen Geschwister zwischen den Bäumen ausharren sollten. Falls das Treffen sich in einen Hinterhalt verwandeln würde, könnten sie so alle zügig reagieren. Sie könnten einander beschützen. Sie könnten den Prinzen und das nächste Dorf dem Erdboden gleich machen, ehe diese gar wussten, wie ihnen geschah!

Aber zuvor wollten sie den Nacktaffen sprechen lassen.

Es dauerte mehrere Stunden, ehe Nyx Aurora zu sich rief und mit einer Aufgabe aussandte. Am liebsten wollte Nia näher herankommen, um die Worte auszumachen. Nur war ihre Aufgabe eindeutig gewesen.

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M: Abschied nehmen II

Verärgert riss Angeline das fünfte Blatt aus ihrem Schreibblock und starrte verbissen auf die neue leere Seite.

Den ersten Brief hatte sie bereits im ersten Satz abgebrochen. Beim zweiten war sie fast bis zum Ende gekommen, ehe ihre Gefühle ausbrachen. Im dritten hatte sie innegehalten, weil sich die Worte in ihrem Kopf zu kühl angefühlt hatten. Und der letzte?

Sie konnte Michael nicht schreiben, dass sie ginge und wiederkäme! Er würde sonst nach einem Grund suchen. Er wüsste, dass sie nicht in ihr Elternhaus und zu Tyler zurückkehren würde, nur um ihn nach einem Jahr wieder sich selbst zu überlassen. Es wäre zu herzlos ihrem Bruder gegenüber! Nein. Sie durfte kein Wiedersehen in Aussicht stellen. Sie musste …

Schluss machen? Ja- Nein! Doch. Sie wollte nicht! Nein! Nein! NEIN!

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M: Abschied nehmen I

Der Weg nach oben fühlte sich unendlich länger an. Kräftezerrender. Immer wieder spannte sich Angeline an. Sie erwartete beinahe, dass sie aufgeflogen wäre. Wenn Niklas ahnte, was sie vorhatte, warum sie wirklich die Worte ihrer Mutter anders interpretiert hatte … Würde er seine Abmachungen mit ihr vergessen? Oder anders auslegen? Es wäre möglich, oder? Niklas hatte ja auch den ursprünglichen Deal immer seinen Wünschen entsprechend angepasst …

Und sie war nicht ihre Mom.

Sie war keine Radius. Sie war Angeline. Das einzige, was er von ihr im Endeffekt bekam, war der Mädchenname ihrer Mutter. Reichte ihm das wirklich?

Die Zweifel schlichen sich in einem stetigen Rhythmus an. Am liebsten wollte sie direkt zu Michael. Einfach, um mit ihm reden. Sollte sie ihm doch lieber von ihrer Abmachung mit Niklas erzählen? Von ihrem Plan?

Von ihren Umständen?

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Der unwiderrufliche Schnitt

Es pocht in meinen Ohren wider,
Ein rasendes Fieber.
Die Hände zittern,
Während Wellen gewittern.

Erstarren? Kämpfen? Rennen?
Wie soll ich meinen Ausweg kennen?
Wie kann ich gar noch stehen?
Aufrecht meiner Wege gehen?

Lähmend. Würgend. Zerrend.
Meinen Willen einsperrend!
Wie hebe ich den Blick?
Wie entgehe ich dem Strick?

Der Strick, der mich fesselt,
Dessen Knoten mich einkesselt …
Bin ich ans Meer gebunden?
Sind wir noch immer verbunden?

Sobald ich an die Fluten denke,
Ich mich selbst versenke.

Die Starre, die Wut, die Furcht –
Sie alle fließen durch mich hindurch.
Doch höre ich ein fernes Lied
Ein Lied, das mich zu sich zieht.
Ein Lied, das den Ausweg riet.
Ein Lied, das diese Angst besiegt.

Drum wage ich nun diesen Schritt.
Wage diesen unwiderruflichen Schnitt.
Doch werde ich die Narben mitnehmen.
Ich muss sie eines Tages erklären.

Denn den Sirenen
Werde ich die Laster verwehren.
Mit den Sirenen
Werde ich den Leuchtturm ehren.
Und den Sirenen
Werde ich ein Lächeln geben.
Für die Sirenen
Sollen frei vom Meer leben.