Stolz zu leben

Er war einst aus brüchigem Holz.

Ein zerbrechlicher Ast als Mast.
Die Ruder – zwei schiefe Schemen.
Das Segel – ein elender Gast,
Papier wäre stärker gewesen.

Damals wurde er vom Meer empfangen.
Er wurde liebkost und verwöhnt
Und zuletzt hintergangen.
Wobei das Meer tönt:

„Kommt zu mir zurück,
Sodass ich euch zerdrück!
Denn ihr seid mein – für alle Zeit.
Egal, von wie viel Leid ihr schreit!“

Aber der Kahn ist nicht mehr klein.
Er glänzt im edlen Schein.
Er versteckt die alte Pein.
Er stützt uns beide ungemein.
Denn wir fanden unser eigenes Heim.

Mit metallenen Körper
Und dampfenden Antrieb
Schwört er,
Dass er nie vergibt.

Denn er fand seines Lebens Stolz.

B: Anschleichendes Nachspiel

Es dauerte knapp zwei Stunden, bis die ganze Schule über Betty informiert war. Zuvor hatte es nur ein paar Gerüchte gegeben. Kurze Geschichten, die auf den Fluren die Runde machten und mit jeder Wiederholung etwas aufgeplustert wurden. Aber als Bettys Vater sie aus dem Sekretariat abholte, konnte sich niemand mehr zu den Unwissenden zählen.

„DAS SIND REINE UNTERSTELLUNGEN!“, schrie dieser aus.

Unruhig schaute Liane zur Tür. Ihr jetziger Unterrichtsraum lag zwei Etagen und eine Flurlänge vom Sekretariat entfernt und dennoch konnte sie den Mann schon seit einer Viertelstunde glasklar hören.

Als würde er neben ihr stehen.

Weiterlesen

Timothy – Aufpasser in der Not

Stumm folgte ich Julie durch das kaputte Haus. Ich beobachtete, wie sie die Treppe ausbesserte, wie sie Kleidung flickte, wie sie mit ihren spärlichen Zutaten Abendessen zubereitete …

Sie war eine Kämpferin. Stur schleppte sie sich durch das Haus, um die täglichen Arbeiten zu verrichten. Arbeiten, die viel zu viel für ein so kleines Kind waren.

Ein Kind, das sich allein in diesem Haus glaubte.

Sobald Julie offenbart hatte, dass sie mich nicht mehr sehen konnte, hatte Timmy behauptet, dass ich fort wäre. Das wäre besser, hatte er im Nachhinein zu mir gemeint. Dann würde sie nicht denken, mit ihr wäre etwas falsch. Lieber mit dem Geist, der eh nicht mehr in diese Welt gehöre.

Mit mir.

Weiterlesen

M: Die Kluft der Chengs

Kim wartete, bis der Arzt ihr das Okay gab. Es war der übliche Humbug. Erst wenn sie sich angemeldet und Niklas ihren Besuch bestätigt hatte, ließen die Leute sie auch durch.

„Sie haben maximal zwei Stunden“, erklärte der Arzt nach seinem kurzen Telefonat, „Und bitte beschädigen Sie nicht wieder das Mobiliar.“

Stumm wandte sich die rothaarige Asiatin ab. Die meisten anderen durften nicht so mit ihr sprechen. Aber die meisten anderen kümmerten sich auch nicht um ihre verstümmelte Mutter.

Zielsicher lief sie die Krankenhausgänge entlang. Sie musste ans andere Ende des Gebäudes. Dort waren die stationären Fälle. Jene, die Niklas nicht gehen lassen würde. Nicht, solange er Kim oder ihren Bruder noch brauchen würde.

Es war ein besseres Gefängnis.

Weiterlesen

Märchenstunde: Das Spiel der Flöte II

Bacchus lauschte die ganze Nacht lang der Musik. Sie befreite ihn von seinen Sorgen. Er ließ sich von ihr wiegen und umweben und als die Sonne aufging, lächelte er das ungewöhnliche Wesen dankbar an.

Es war haarig. Seine Beine ähnelten denen eines Lastentiers und die abgerundeten Hörner auf seinem Kopf hatten etwas Bedrohliches. Es trug keine Kleidung – die brauchte es auch bei dem ganzen Pelz nicht. Jedoch hingen zwei lose Gürtel über seiner Brust gekreuzt, an denen kleine Beutel und Flaschen baumelten.

„Fürchtest du dich nicht?“, unterbrach das Geschöpf sein Lied, als es den Blick bemerkte.

Obwohl Bacchus sich unwohl fühlte, schüttelte er den Kopf. Eigentlich war ihm alles Fremde verboten worden. Den ländlichen Bauern gefielen neue Ideen nicht. Deswegen hielten sie sich von den Wäldern fern. Es gab immer nur dieselben Flüsse, von denen man Wasser holte. Es gab immer nur dieselben Felder, die bearbeitet wurden. Und es gab immer nur dieselben Routen, denen die umherwandernden Bauern folgten.

Sich zu weit von der Gruppe zu entfernen, den Wald zu betreten oder gar mit einem fremden Wesen zu sprechen … Wie viele Regeln er in der letzten Nacht wohl gebrochen hatte?

„Wenn ich mich fürchte, dann nicht vor dir“, antwortete er geschmeidig.

Weiterlesen