Einen Tag nach Marias und Elisabeths Auseinandersetzung, stand die ältere Schwester vor Julias Tür. Sie war in den Morgenstunden gekommen. In tiefster Dunkelheit und noch ehe das Haus erwachte. Nur sie und eine kleine Kerze, mit der sie ihren Weg beleuchtete.
Also durfte ich nicht die Beherrschung verlieren. Ich musste mein Gemüt zurückhalten. Keinen Zorn zulassen. Damit die Flamme ruhig blieb.
Das Mädchen blinzelte Michael an. Sie schien sich selbst unschlüssig zu sein. Beinahe, als hätte sie ihn ganz vergessen. Als wäre ihr gar nicht klar gewesen, dass er ja hier war. Dass sie ja ihm geholfen hatte!
„Warum nicht? Soll ich dich etwa verbluten lassen?«, erkundigte sie sich und sammelte den Müll auf.
„Das hätten zumindest andere gemacht, lil‘ angel“, entglitt ihm lachend.
Die Worte klangen so melodisch in Libers Ohren wider, dass er die Sprecherin sofort erkannte. Stumm setzte er sich auf und erwartete dabei fast, sie im Wasser neben seinem Boot vorfinden zu müssen.
Stattdessen lehnte sie bereits halb darin.
Sie trug ihre menschliche Gestalt. Jene mit den zwei Beinen, den langen dunklen Haaren und ihren normalen Zähnen. Auch konnte er weder Schuppen noch Schwimmhäute entdecken. Genau, wie bei ihrer ersten Begegnung. Und ganz anders, als sein Vater sie ihm zuletzt beschrieben hatte.
Dieser hatte sie meist mit einem blutrünstigen Ungeheuer verglichen.
„Mom, wirklich?“, grüßte ihr Junge sie, als er aus der Schule trat.
„Es ist dein allerletzter Tag“, entgegnete Jackie, „Und ich hatte dir zur Einschulung gesagt: Ich komme nur am ersten und letzten Tag her.“
Lachend schüttelte er den blonden Kopf. Die Haarfarbe hatte er von ihr und seinem Vater gleichermaßen. Genauso wie seine Größe. Seit zwei Jahren waren sie nahezu gleich groß. Ganz anders als damals, als sie ihn zum ersten Mal hierher gebracht hatte. Damals. Als der Rucksack fast genauso schwer wie ihr Junge gewesen war … Aber das war nun auch schon über zehn Jahre her.
„Pa kommt direkt nach Hause?“, flüsterte ihr viel zu großer Junge.