Märchenstunde: Der Fluch eines Namens III

Obwohl Pans Schlaf traumlos verlaufen sollte, so suchte ihn dennoch eine Erinnerung heim. Eine, in der er ein totes Mädchen vor sich sah. Bacchus presste es an seine Brust. Er weinte um sie. Schüttelte ihren Körper. Rief immer wieder ihren Namen.

Selene.

Das war doch auch der Name des Mondes, oder? Pan hörte sich selbst spielen. Das Lied der Trauer. Ja. Das war ihm als erstes für Bacchus eingefallen. Er hatte damals nicht auf ihren Namen geachtet. Viel zu groß war sein Mitleid gewesen.

Er musterte das Bild aus seiner Erinnerung genauer. Waren ihre Augen so weiß und klar wie der Mond gewesen? Wie aus der Legende des Himmels? In der die Sonne sehen konnte, der Mond sich jedoch ihr Licht borgen musste, um zu leben? Weswegen der Mond erst im Tod die Augen öffnete?

„Bist du der Geist, der mich heimsucht?“, fragte er still.

Es würde Sinn ergeben. Immerhin hatte er von den widerlichen Menschen erfahren, dass diese Selene blind gewesen wäre. Dass sie stets einer Toten geglichen hätte. Genau, wie ihr Name es vermuten ließ …

„Wenn du mich nicht so lange betört hättest, wären wir früher hier gewesen. Wir hätten sie retten können. Wir-“

Ehe Pan reagieren konnte, schwang ihm die Sense entgegen. Sie zerschlug die Erinnerung. Sie schenkte Pan jene Stille, jene Ruhe, die er sich seit Tagen wünschte. Und dennoch konnte er seine Gedanken nicht stoppen.

Bacchus … Der Name erinnerte ihn an ein altes Flüstern. Immerhin trugen alle Namen eine Bedeutung. Daheim im Wald hatten sie das Schicksal eines jeden Wesens bestimmt. Namen bestimmten Freuden und Leid. Schmerz und Heilung. Leben und Tod …

Deswegen hatte er sich ja auch Pan genannt. Weil er eins mit der Musik werden wollte. Weil sie ihm ins Blut ging. Seitdem er stehen konnte, fiel es ihm leichter zu hüpfen statt zu gehen.

Doch die Menschen benannten sich nicht selbst, oder? Wenn sie ihre Namen erhielten … wurde ihr Name ihnen dann aufgezwungen? Wurde ihnen ein Schicksal übergestülpt?

Oder konnten sie irgendwie erkennen, welcher Name am ehesten auf ihre Kinder passte? Ganz gleich, ob er Blindheit oder Wahnsinn forderte?

Wahnsinn …

Als Pan wieder erwachte, fühlte er sich zum ersten Mal seit Tagen entspannt. Er streckte sich genüsslich. Überprüfte seine Flöte. Trat dann ans Fenster, um nach den schuftenden Bauern zu sehen.

Und nach Bacchus …

Der Name stand für eine reiche Ernte. Dennoch war er im Wald in Verruf geraten. Weil alle Wesen mit diesem Namen dank des Tods dem Wahnsinn verfielen. Sie verloren stets jene Vertraute, die ihnen am meisten bedeuteten. Nur um dann die Schuld bei allen anderen zu suchen und diese dann in den Tod zu schicken …

Wie in jenem Moment, als Bacchus mit der Sense ausgeholt hatte.

„Ich hätte Selene nie heilen können. Sie war dazu verdammt worden, zu sterben. Sie war dazu verdammt gewesen, deine Welt zu sein. Und somit bist du verdammt, alles um dich herum zu vernichten …“, Pan beobachtete den Jungen.

Irgendwie schmerzte ihn das Wissen. Warum? Weil er den Jungen in ihrer ersten Nacht gemocht hatte? Oder weil der Junge ihm geholfen hatte, wieder klar zu denken? Oder lag es an etwas anderem … An …

Mit zusammengekniffenen Brauen schaute sich Pan in der kleinen Stube um. Er schnaubte. Eigentlich hielt er nichts von Geistern und so. Aber wenn Selene wirklich noch hier war und wenn sie es war, die ihn folterte …

„Ich schlage dir einen Handel vor“, erklärte er dem leeren Raum, „Ich sorge dafür, dass Bacchus nicht dem Fluch seines Namens verfällt. Ich halte ihn davon ab, jemanden zu töten. Stattdessen bringe ich ihm noch ein paar Lieder auf meiner Flöte bei. Solange, bis er die Sense von sich aus niederlegt. Dafür lässt du mich jedoch auch in Ruhe!“

Pan erwartete keine Antwort. Er riet ja eh nur, was Selene wollte. Wenn sie es denn war. Und wenn ihr der Junge gar etwas bedeutete. Vielleicht lag er auch gänzlich daneben. Dann würde er sein Wort nicht halten müssen und musste einen anderen Exorzismus versuchen. Vielleicht-

Schlagartig umwob ihn die Dunkelheit. Mittlerweile klang der Atem neben seinem Ohr vertraut. Genauso wie die Stimme, die sich das erste Mal wohlgesonnen an ihn wandte.

„Kümmere dich ja gut um ihn, sonst kümmere ich mich gut um dich, ja?“

Dann war das Licht zurück.

Pan stolperte rückwärts. Ihm war, als wäre er aus der Finsternis hinausgesprungen. Dennoch klammerte er sich an ihrer Akzeptanz fest.

Nur so würde er endlich wieder schlafen können. Und vielleicht … vielleicht wäre er eines Tages nicht mehr der einzige Pan, der von den Menschen als singendes und tanzendes Ungeheuer beschimpft wurde!

Hinterlasse einen Kommentar

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..