
„Weiter geradeaus“, lotste Shiloh Mr. Brume durch die Straßen, „Erst hinter der Litfaßsäule links abbiegen.“
„Ich glaube, du bist eine der wenigen, die weiß, wie das Ding heißt“, gab der Mann zurück.
„Bin halt ein Zeitungskind“, erwiderte sie.
„Also, wohin geht’s?“, hauchte Oliver derweilen Lilith auf dem Rücksitz zu, während Shiloh mit seinem Vater sprach.
Lilith sah unschlüssig nach vorn. Dann zückte sie ihr Handy und antwortete ihm per Nachricht, dass sie zur Kirche der alten Schule mussten.
Warum?, schrieb er zurück.
Tina. Du musst mit ihr reden. Sie da raus holen. Sie ist da nicht sicher.
Als er sie nur mit einem Blick voller Unverständnis betrachtete, wandte sie sich lieber an Shiloh. Ihre Erklärungen waren verständlicher als Liliths Bauchgefühl.
„Hast du die Papiere dabei? Die du mir ausleihen wolltest?“, fragte sie und hoffte inständig, dass Mr. Brume ihr Vorhaben nicht erahnen würde.
„Oh, ja. Moment!“, Shiloh wühlte durch ihren Rucksack und zog mehrere zusammengeheftete Zeitungsartikel hervor, „Ohne Bilder. Sonst wären die Ausdrucke dicker gewesen.“
Dankend reichte Lilith sie an Oliver weiter.
„Was ist das?“
Mr. Brumes Frage bereitete ihr Unbehagen, dennoch lächelte Lilith und wank eilig ab: „Shilohs Eltern arbeiten bei einer Zeitung. Ich hatte mich nach ein paar Artikeln bei ihr erkundigt. Nur etwas Recherche. Sie war so lieb und hat sich darum gekümmert.“
„Aha … Du weißt, dass dein Vater auch sehr oft für unseren Boss recherchieren muss?“, fragte er langsam.
„Kann sein?“, entgegnete sie verwirrt.
Er musterte sie im Rückspiegel, bis Shilohs ihn mit neuen Fahranweisungen ablenkte und so konnte Lilith ihrem Freund jene Passagen zeigen, die am wichtigsten waren: Die über Tinas Vater und ihre verschwundene Mutter. Die über seine Einstellungen gegenüber Homosexuellen. Die über die verschollenen Gläubigen der Kirche …
Zuletzt hauchte sie ihm die Worte „Philips Gerücht“ entgegen.
Endlich nickte er.
„Ab hier laufen wir. Besten Dank, Mr. Brume“, verkündete Shiloh.
„Mir wäre es lieber, wenn ich euch an einem Sonntagmorgen nicht an einem verlassenen Park aussetzen müsste“, der Mann betrachtete ihre Umgebung argwöhnisch, „Hinter den Bäumen könnte sich alles Mögliche rumtreiben.“
„Ach, i wo! Die Verbrechensrate ist hier offiziell genauso hoch wie an unserer Schule. Entweder warten sie ein paar Stunden im Auto oder wir fahren eben mit dem Bus drei Straßen weiter gegen Mittag heim. Was Ihnen lieber ist“, Shiloh zuckte mit den Schultern.
„Wir kommen schon klar, Dad“, mischte sich mit Oliver ein.
„Vielen Dank, wir schaffen das schon“, bestätigte auch Lilith – sie legte all ihren Glauben in die Worte, all ihr Selbstvertrauen. Und irgendwie … nahm er es an.
Eilig stiegen sie aus und ließen sich von Shiloh durch kleinen Wald am Parkeingang führen, um aus Mr. Brumes Sicht zu verschwinden.
„Wir müssen um den See herum. Dahinter ist die Kirche der alten Schule. Früher hatte es auch mal dahinten einen Eingang gegeben, aber der wurde abgesperrt, als die Sache mit dem großen Feuer war“, erklärte sie mürrisch.
„Dann können wir uns wenigstens mal absprechen“, entgegnete Oliver nur, „Habt ihr einen Plan?“
„Außer irgendwie klappt das schon?“, erkundigte sich Shiloh.
„Nur eine grobe Vorstellung“, schlichtete Lilith eilig, „Wir müssen Tina da rausholen, ehe ihr Vater sie als Dankesgut versenkt. Aber weder ich noch Shiloh können sie ansprechen. Also werden wir für eine Ablenkung sorgen.“
„Was habt ihr euch vorgestellt?“, fragte er mit erhobener Braue.
„Wir können neu beitreten wollen und fragen, was wir beachten müssen? Oder wir können uns nach ihren Kriterien erkundigen, nach denen man sein Leben umstrukturieren soll? Oder-“, ihre Freundin zählte noch weitere Ideen auf, die Lilith kopfschüttelnd ablehnte.
„Nein. Wir …“, ihr Blick blieb auf dem See kleben und sie erinnerte sich daran, dass er früher mal anders ausgesehen hatte – mit einer Statur und einem Podest in der Mitte, „Ich glaube, ich habe einen Plan. Shiloh? Du musst nur Oli den Rücken freihalten und Oli holt Tina raus.“
„Wer auch immer Tinas Vater und wen-noch-alles ablenkt, wird das größte Risiko tragen, oder?“, hinterfragte Oliver zögerlich.
„Keine Sorge. Ich gehe keine unnötigen Risiken ein. Betty hat Tina ausgenutzt, weil sie sauer auf mich war. Also bin ich für ihre jetzige Situation mit verantwortlich. Ich muss das tun, Oli. Versteh mich bitte.“
Er nickte langsam. Genauso wie Shiloh. Also wandte Lilith sich wieder dem See zu. Sie konnte noch andere Menschen in der Ferne ausmachen. Es waren gut sechzig Leute, die in gräulichen Farben gekleidet waren. Die sich still neben einem alten Haus versammelt hatten. Einem Gebäude, das in Liliths Erinnerung noch bunte Fenstergläser hatte. Das nun allerdings genauso grau und kaputt erschien, wie die Personen. Personen, die vor einem Mann standen. Einem Mann mit strengem Blick und Armen, die er hinter seinem Rücken verschränkte.
Er bereitete Lilith Unbehagen.
Gemeinsam schlichen sie sich näher. Lilith hörte, wie er von dem verfluchten neumodischen Gedankengut sprach. Und wie es sie alle vergiftete. Er sprach laut. Fordernd. Peitschend!
Angespannt atmete sie durch, ehe sie ihren Freunden zunickte und langsam in die Menschenmasse glitt. Sie hielt dabei den Blick gesenkt. Die Schultern locker. Schlich geradezu zwischen den Leuten hindurch. Nicht, weil sie leise sein wollte. Sondern, weil es sich natürlich anfühlte. Als sollte sie bloß nicht zu viel Aufmerksamkeit auf sich lenken. Weil sie ja nur ein Mädchen war. Weil sie nicht existieren sollte. Lilith Bach war zwar die erste Tochter ihrer Eltern gewesen. Aber gewünscht hatten sie sich einen Jungen. Deswegen hatte sie ja auch verschwinden wollen. Deswegen-
Als ihre Augen auf Tina fielen, riss sie der Anblick zurück in die Gegenwart. Das Mädchen stand schräg hinter ihrem Vater. Im Schatten der kaputten Tür. Ihr linkes Auge war geschwollen. Es war bereits dunkelgrün. Als hätte er sie am Freitag direkt nach der Schule geschlagen und als hätte es bislang nicht besser verheilen können. Sie sah gebrochen aus. Kaputt. Zitternd, obwohl sie von Kopf bis Fuß in so ein altes Laken gehüllt war.
Oliver würde nicht bis zu ihr gelangen. Nicht so.
Lilith spürte, wie sich ihr Innerstes verkrampfte, als der Mann erneut die Stimme hob. Tinas Vater wusste, wie er damit arbeiten musste. Und da all seine Zuhörenden brav die Köpfe gesenkt ließen, um seiner Predigt zu lauschen, war er es gewiss nicht gewohnt, dass jemand das Wort erhob.
Das musste sie ausnutzen.
„Verzeiht die Unterbrechung“, verkündete sie mit festerer Stimme, als sie von sich selbst erwartet hätte, „Ich frage mich nur, wo die Statue von Damus dem Gerechten ist.“
Obwohl die Leute um sie herum nicht aufblickten, so fühlte sich Lilith doch beobachtet. Sie wusste nicht, ob der Name stimmte. Sie hatte nur auf die Gedanken vertraut, die ihr im Stillen gekommen waren.
Die ihr noch immer kamen.
Tinas Vater warf ihr ein Blick voller Verachtung zu: „Was will eine Unbefugte hier? Wer hat dich hergebracht?“
„Unbefugt? Sprecht ihr von Euch?“, schoss sie zurück, „Und wer soll mich herbringen, wenn meine Füße den Weg doch kennen? Damus der Gerechte sollte zu jedem Dankfest das Vertrauen seiner Gläubigen erhalten. Wie kann es also sein, dass sein Angesicht nicht mehr über den See der Tränen wacht?“
Geflüster. Es startete leise. Ungläubig. Die Leute um sie herum schauten langsam auf. Sie rümpften die Nase, während sie Lilith musterten. Meist, als sie ihre Hose sahen.
Stimmt. Früher hatte sie immer in einem grauen Kleid hierher gemusst. Damals hatte ihre Mutter sie hergebracht. Ihre Mutter hatte an Damus den Gerechten und seine Lehren geglaubt. Sie hatte Lilith seine Worte eingebläut. Damus‘ Schriften waren das einzige gewesen, was die Frau sie je gelehrt hatte!
Und an diese musste sie sich nun erinnern.
