
Domini benötigte zwei Tage, ehe er vor seinen Vater treten konnte. Zwei Tage, in denen er um Deitas Mutter trauerte. In denen er Deita und Nova versprach, dass sie in Sicherheit wären. In denen er sich belehrte, sein Herz zu verschließen und die Wahrheit zu verbiegen. Er musste seine eigenen Lügen glauben. Er musste vorbereitet sein. Wenn er seinem Vater gegenüberstand, durfte dieser nicht einmal erahnen, dass Nova noch lebte!
Dass er sie nie töten könnte …
Als er endlich wieder in den Berg zurückkehrte, verkrampfte sich alles in ihm. Er verschloss sein Herz. Verdrängte seine Kindheitserinnerungen. Das Lächeln seiner Mutter, das ihn so oft in diesen düsteren Hallen gerettet hatte.
Das er direkt zu Beginn der Nachfolgesuche verloren hatte.
„Ah, Domini. Komm rein!“, befahl sein Vater, sobald er vor den Thronsaal trat.
Domini atmete sachte ein. Er musste sich als erhabener zeigen. Und das könnte er nicht, wenn er seine Füße benutzte. Also ließ er sich vom Berg tragen. Er ließ sich vom Boden schieben. Achtete darauf, gelassen zu bleiben.
Er durfte vor dem Thron seines Vaters nicht schwanken.
Lachend begrüßte dieser ihn: „Du hast mich überrascht: Von all meinen Kindern hätte ich nie mit dir gerechnet!“
„Ich auch nicht“, gab Domini zu, „Das Glück scheint mir hold zu sein.“
„Aha“, der König schüttelte den Kopf, „Bescheiden, wie ich sehe. So wirst du als Fußabtreter enden. Ich glaube, ich werde dich noch in viel mehr als nur den täglichen Geschäften unterweisen müssen!“
Domini hatte damit gerechnet. Er wusste, dass sein Vater an seiner Macht festhalten würde. Die Nachfolgesuche hatte Domini zwar als alleinigen Erben bestimmt, doch das machte ihn noch nicht zum Herrscher.
Noch immer war er seinem Vater unterstellt.
Und noch immer war dieser eine Gefahr für Nova und Deita …
„Nun ich bin dein Erbe und nicht dein König. Es wäre unangemessen vor dir zu prahlen“, behauptete Domini flüssig und neigte das Haupt.
Er hatte abgewogen, ob er seinen Vater töten sollte. Ob er sich dieses elenden Königs entledigen sollte. Doch würde dieser zu sehr mit einem Verrat rechnen. Und wenn es zum Kampf käme, würde der Berg am ehesten auf seinen Vater hören. Domini wäre ein Toter, wenn er die Hand gegen den Mann erhob.
Ein böswilliges Lächeln schlich sich auf die Züge seines Vaters: „Dann willst du wohl deine Feinde am liebsten in Sicherheit wiegen, ehe du zustichst. Hast du so auch deine Geschwister erledigt?“
Obwohl die verdeckte Botschaft sich wohl eher auf den König selbst beziehen sollte, verkrampfte sich etwas in Domini. Dennoch stimmte er zu. Er hielt sich bedeckt, während er mit seinem Vater sprach. Während er einwilligte, wieder in den Berg zu ziehen und sich von dem Mann unterrichten zu lassen.
Immerhin müsse er lernen, wie er die Dorfleute um ihre Steuern erleichterte, ohne sich aus dem Berg zu entfernen. Sie sollten ihn für allmächtig halten. Und das ginge am besten, wenn er ein Phantom bliebe. Wenn sie ihn nie selbst zu Gesicht bekämen.
Nun, wenn Domini von dem Antlitz seines fetten Vaters ausging, so musste er definitiv zustimmen …
Erst als Domini sich am Abend zur Ruhe legte, erlaubte er es sich, wieder durchzuatmen. Von nun an hieß es, abwarten. Er durfte Deita und Nova nicht besuchen, so lange sein Vater noch lebte. Er musste einen gesunden Abstand wahren. Er musste –
Verwirrt setzte er sich auf. Seine Hand legte sich auf das steinerne Bett. Er hatte etwas gespürt. Etwas Tapsendes? Ja. Fast. Es hatte ihn an Nova erinnert. Damals. Als sie durch die Hallen geeilt war und seine Mutter sie immerzu darum ersucht hatte, leiser zu sein. Stiller zu laufen. Zu schleichen.
Er schüttelte sich.
Dass ihn die Erinnerungen nun so heftig heimsuchten, war eine Tortur! Er wollte sich nicht an früher erinnern. Nicht an den Todestag seiner Mutter. Nicht an seine zittrige Schwester, die viel zu früh mit einem Namen gesegnet worden war! Die doch einfach nur leben wollte …
Das erneute Tapsen unterbrach seine Gedanken. Es kam aus dem Berg. Er spürte es! Aber das konnte nicht sein, oder? Immerhin …
Immerhin durften sich nur noch sein Vater und er im Berg aufhalten. Wenn Nova hier wäre, würde man ihren Tod verlangen. Bis Domini der offizielle König war, durfte niemand herkommen. So verlangten es die Gesetze der Nachfolge! Es sei denn …
Stumm befahl er den Berg, ihn zu dem anderen Wesen zu bringen. Zu dem Kind, das durch den Berg rannte. Hinter dem eine freudig lächelnde Frau mit dickem Bauch stand. Er konnte sie durch die Erde spüren!
Genauso wie seinen Vater, der die Frau in seine Arme schloss.
Domini ließ sich vorsichtig durch die Erde schieben. Er musste die Luft anhalten, um sich nicht zu verraten. Um nicht in ihren Hohlraum zu treten. Stattdessen befahl er einen dünnen Riss bis zum nächsten verborgenen Raum. Dann spitzte er die Ohren.
„-ich dir. Maestro wird der nächste König“, sprach sein Vater gerade.
„Wie lange wird es dauern, bis du Domini loswerden kannst?“, fragte die Frau, „Ich bin mir sicher, dass ich bald entbinden werde. Und es wäre unpassend, wenn er mich zuvor finden würde, oder?“
„Mach dir keine Sorgen, mein Fels“, lachte der König auf, „Eine Woche, dann kann ich ihn als Lügner bezeichnen, weil er nicht der letzte Erbe ist. Dann kann ich seinen Tod fordern und Maestro wird seinen Platz einnehmen!“
„In Ordnung. Und dafür wirst du ein königliches Mahl erhalten.“
Domini wurde übel, als er spürte, wie die Frau sich umwandte. Sie hatte dem König seine Hand auf ihren Bauch gelegt. Und so, wie sie es beschrieben hatte …
Es hatte vor einigen Monaten einmal Gerüchte gegeben, dass seine Familie magisch wäre. Dass man unsterblich werden könne, wenn man eine Magiequelle aß. Dass bereits ein Junge dies getan hätte. Weiter östlich. Im Land der Hexen.
Ehe er sich verraten könnte, zog sich Domini vorsichtig zurück. Er unterdrückte ein Schaudern. Dachte an diesen Maestro.
Dann an Nova.
Eigentlich brauchte der König seinen späten Sohn nicht, um Domini als Lügner zu bezeichnen. Er müsste nur Nova finden. Daher …
Domini musste wohl ein letztes Mal sein Herz verschließen.
