
Nia Birch beobachtete den verschlungenen Pfad am Waldrunter unter ihr. Er war ausgetreten. Beengend für die Nacktaffen des nächsten Dorfes. Zu breit für die Miracula, wie sie eine war. Und er befand sich fast fünf Körperlängen unter ihr. Hier hielt sie Wache. Sie hielt Ausschau nach den Biestern der Nacktaffen. Nach diesen Soldaten, die der König in die Wälder schickte. Diese Rüstungsträger, die Nia und ihre Familie stets ins Verderben stoßen wollten. Die immer nur kamen, um ihrer eins auszulöschen. Die immerzu ihren Tod wollten …
Und die immerzu dem Tod vorgestellt wurden.
Sobald die Sonne sich über den Horizont gekämpft hatte und sachte durch die Blätter in Richtung Waldboden schien, bemerkte Nia eine Veränderung in der Luft. Eine Verzerrung, die sie einatmete. Erst danach hörte sie die vertrauten Schritte. Sie klimperten. Wegen der Kettenhemden, die die Nacktaffen trugen. Es war ein Abschiedsklimpern. Eines, das von der Sturheit der Nacktaffen sang.
„Dass ihr auch nie aufgebt“, schimpfte sie ungehört und beobachtete die beiden Männer, die unter ihr den Wald betraten.
Sie waren groß. Mit glänzender Rüstung. Doch diesmal folgte ihnen jemand. Es war eine alte Frau. Eine, die die Büsche am Wegesrand musterte.
„Hier ist es zu ausgetreten“, murmelte die Alte.
„Wir können den Pfad nicht verlassen. Sonst fallen die Hexen über uns her“, behauptete der erste Soldat.
„Wir müssen! Wir brauchen die Medizin!“, widersprach der andere jedoch so harsch, dass Nia aufhorchte.
„Es ist zu gefährlich! Vor allem für Euch. Wir-“
„Er ist mein Vater! Ich muss ihn retten!“
Der erste Soldat seufzte. Dennoch rührte er sich nicht vom Fleck. Nia beobachtete, wie er sich umsah. Wie die alte Frau unschlüssig ihre Arme rieb. Wie der andere Mann sich hastig umsah.
Dann waren sie diesmal nicht gekommen, um Nias Familie anzugreifen? Aber sie waren doch bewaffnet! Sie …
Sie waren die Nacktaffen!
Entschlossen bildete sie einen Kreis mit ihren Händen und zielte auf die Eindringlinge. Sie holte tief Luft. Sobald sie diese ausstieß, würde sie die drei damit aus dem Wald schleudern oder gar töten können. Das war ihre Magie. Sie konnte den Wind lenken. Sie konnte ihn anhalten. Sie konnte ihn wie eine Kanonenkugel aus ihrem Mund schleudern. Sie konnte ihn aber auch aufbauschen, um in die Lüfte gehoben oder davon aufgefangen zu werden.
Diesmal wollte Nia die Nacktaffen jedoch in ihre Gräber pressen.
„Und wenn wir ihn sterben lassen? Ihm zuliebe? Du wärst eh ein viel besserer König!“, verkündete der Soldat plötzlich.
Angespannt hielt Nia ihren Atem zurück. Sie musste die Worte erst verarbeiten. Sie musste erst abwägen. Das hatte ihre Mutter sie immerhin gelehrt. Selbst ihre ältere Schwester Mira war stets bemüht, zuerst alle Seiten anzuhören, ehe sie eine Entscheidung traf. Die zwei hatten Nia immer gewarnt, nicht zu vorschnell zu handeln. Nicht wie Cula …
Denn Nia war nicht allein. Sie war ein Teil der Birchs. Und als Teil dieser hatten ihre Taten Auswirkungen auf ihre restliche Familie.
„Ich- Ich will nicht. Ich-“
„Die, die nicht wollen, sind am besten für ihre Aufgaben geschaffen“, mischte sich die Alte lächelnd ein, „Werter Herr, vielleicht solltet Ihr Euer Schicksal ebenso annehmen wie Euer Vater das seinige?“
„Schweig still, wenn du keine Ahnung hast!“, herrschte der Soldat sie an.
Nia beobachtete, wie die Frau sich entschuldigte. Wie der Soldat sie dennoch weiter belehrte. Wie der andere, dieser Prinz, nichts sagte. Wie er die Worte einfach hinnahm. Wie er sich auch so krank wie jene Nacktaffen verhielt, die einst Nia verstoßen hatten. Wie jene die einst ihre Schwestern in die Wälder gejagt hatten. Die keine Barmherzigkeit kannten …
Sanft ließ Nia ihren Atem entweichen. Dann sog sie weniger Luft ein. Zielte auf den Soldaten. Blies abrupt aus.
Jedoch nicht so schnell, dass der Mann sterben würde. Er sollte nur umfallen. Sie nicht weiter nerven. Weder sie noch diesen Prinzen, mit dem sie sich unterhalten wollte.
„Was- Otto! Ot-“
„Er wird wieder“, behauptete sie, als sie neben dem anderen landete.
Während die Alte den Kopf in Nias Richtung riss und still vor sich hin stotterte, so griff der andere Kerl direkt nach seinem Schwert. Es war ein schönes Schwert. Mit grünen Edelsteinen besetzt. Und mit endlos vielen Verzierungen auf der Scheide.
Darunter auch eine kleine Krone.
„Was wollt Ihr, Hexe?“, forderte der junge Mann zu wissen.
„Ich weiß nicht, ob du mich so nennen solltest, wenn du kamst, weil du etwas aus unserem Wald willst“, behauptete Nia und wies auf die alte Frau, „Oder welches Kraut sucht der junge Herr?“
Statt zu antworteten schüttelte diese jedoch den Kopf. Wahrscheinlich war sie zu erschrocken. Nun denn. Das kam bekanntlich mit dem Alter. Dann müsste Nia es wohl ruhiger angehen. Der alten Frau zuliebe.
„Der Wald gehört zum Königreich meines Vaters! Ich-“
„Der Wald soll einem Nacktaffen gehören?“, unterbrach Nia und lachte, „Ich bitte dich! Als ob der Wald auf so schändliche Kreaturen hören würde!“
„Hört er denn auf dich, Zizi?“, kämpfte die Frau hervor.
Nia stockte. Sie musterte das alte Gesicht. Die Züge, die eine Erinnerung wachrüttelten. Ein Lächeln, das sich einst um sie gekümmert hatten. Das dann erkrankt war. Das nicht da war, als man sie gebrandmarkt und vertrieben hatte … Dabei hatte Nia sich nach dieser alten Frau benannt. Sie hatte ihren Namen angenommen. Nia!
Zizi war der Sklavenname ihrer Kindheit.
„Ich kenne keine Zizi“, murmelte sie, „Aber ich kann nachfragen, ob meine Geschwister mit dem Namen etwas anfangen können. Solltet Ihr bei meiner Rückkehr noch hier sein, so wird der Wegezoll verlangt werden.“
Nia ballte ihre Hände zusammen. Wandte sich ab. Schritt eilig den Pfad entlang. Weg. Tiefer in ihren Wald. Nach Hause. Zu ihrer Familie!
„Zizi!“, rief ihr die Alte hinterher.
Doch konnte sich Nia nicht umdrehen. Sonst hätte man ihre Tränen gesehen …
