Märchenstunde: Der neue Pakt II

„Was ist so lustig?“

Die Worte klangen so melodisch in Libers Ohren wider, dass er die Sprecherin sofort erkannte. Stumm setzte er sich auf und erwartete dabei fast, sie im Wasser neben seinem Boot vorfinden zu müssen. 

Stattdessen lehnte sie bereits halb darin. 

Sie trug ihre menschliche Gestalt. Jene mit den zwei Beinen, den langen dunklen Haaren und ihren normalen Zähnen. Auch konnte er weder Schuppen noch Schwimmhäute entdecken. Genau, wie bei ihrer ersten Begegnung. Und ganz anders, als sein Vater sie ihm zuletzt beschrieben hatte. 

Dieser hatte sie meist mit einem blutrünstigen Ungeheuer verglichen. 

„Sei gegrüßt, Bellona“, Liber neigte den Kopf in ihre Richtung und wies auf den Platz vor sich. 

„Habe Dank“, geschwind kletterte sie hinein und streckte sich, „Ich hatte so viel zu tun, ich bin es kaum noch gewohnt, einfach nur zu sitzen.“

„Weil Ihr unsere Familie auslöschen wolltet?“

„Weil ich die Familie der Verräter auslöschen musste“, lächelte sie, ehe sie sich Liber entgegenlehnte und ihr Blick animalische Züge annahm, „Dann ist Salacia endlich von euch gegangen? Ich habe ihren Körper noch nicht erhalten.“

„Er wird spätestens morgen den Wellen übergeben. Ich wollte nicht die Trauerzeit meiner Verlobten unterbrechen.“

„Deiner Cousine.“

Meiner Verlobten.“

Er korrigierte sie nachdrücklich. Er musste. Er musste ihr klarmachen, dass Helene seines wäre. Genau wie Cleon. Nur so würde sie die beiden am Leben lassen. 

„Wie du meinst, Kapitän“, Bellona lächelte, „Ich war überrascht, dass du dich nicht König nennen lassen willst.“

„Ich-“, er stockte. Das Thema war erst am Morgen aufgekommen. Nachdem Salacia gestorben war. Und danach war er direkt zum Hafen gelaufen. Es- Bellona sollte seine Entscheidung eigentlich nicht kennen können, oder?

„Ja?“, fragte sie lächelnd. 

Liber schloss die Augen. Er dachte an seine Großmutter. An Salacia. Und wie sie selbst auf dem Totenbett behauptet hatte, dass Bellona ein reines Herz hätte. Dass er mit ihr offen sprechen könne. Dass sie auf ihn eingehen würde. Er müsse aber beim Thema bleiben. Er dürfe sich nicht ablenken lassen. Das wäre sonst sein Untergang. 

„Ich bin gekommen, um einen erneuten Frieden zu verhandeln“, verkündete er. 

Bellona zog einen Schmollmund. Sie trommelte mit ihren Fingern über ihre Beine und langsam bildeten sich Schuppen auf ihrer nackten Haut. Schwimmhäute krochen zwischen ihren Fingern entlang. Ihr Kiefer schien sich etwas auszudehnen. 

Ob sie ihm nun ihre wahre Gestalt präsentieren würde? Oder veränderte sich ihr Äußeres unbedacht?

„Warum sollte ich darauf eingehen?“, fragte sie missmutig. 

„Weil du mich anerkannt hast“, erklärte er, „Ich will kein König sein – das wollte ich noch nie. Ich bin einzig ein Mann, der das Meer liebt. Der seine Verlobte nicht warten lassen will. Der einen Jungen aufnahm, als ihm das Ende drohte. Ich brauche Salacias Dienerschaft nicht. Ich brauche die Helmträger meines Vaters nicht. Lasst nur mein Schiff passieren und ich werde mein Glück auf ewig mit den Inseln und dir teilen, Bellona.“

„Mit den Inseln und mir? Nicht mit mir und den Inseln?“, fragte sie still.

„Es sind seit dem Ausbruch der Seuche vor vier Monden keine Schiffe mehr gefahren. Die Menschen brauchen ihre Waren, damit sie nicht verhungern oder durch Krankheit sterben. Ich muss sie leider über dich stellen. Schon allein dank ihrer schieren Anzahl“, erklärte er. 

„Nun, es klingt dennoch alles andere als herzlich, oder? Warum sollte ich mich mit Resten begnügen?“, sie pflückte einen Faden vom Segel und bedachte ihn nachdenklich.

„Aus demselben Grund, aus dem deine Krankheit die Dorfleute verschont hat.“

Sie lächelte. Doch wirkte es mit ihrem großen Unterkiefer schief. Die spitzen Zähne blitzten auf. Sie hatten etwas von einem Hai. Von diesen riesigen Fischen, die Liber nur zwei, drei Male gesehen hatte, ehe Bellonas Nixen sie verjagten. 

„Du willst nicht König genannt werden?“

„Dieser Titel hat unserer Familie nur Kummer bereitet.“

„Du weißt schon, dass du mehr König bist, als der Rest unserer Familie.“

„Das kann ich nicht-“

„Du ähnelst meinem Vater.“

Sein Mund fühlte sich taub an. Liber starrte sie verdattert an. Ihr Vater? Der alte König? Jener, der einzig seine Tochter geliebt haben sollte? Gingen deswegen ihre Schuppen wieder zurück? Ihre Schwimmhäute?

„Das kann ich nicht beurteilen. Ich kannte ihn nicht“, entgegnete er vorsichtig. 

Bellona nickte. Sie stand auf und strich ihre Haare zurück. Dabei blieb das Boot jedoch ruhig. Ganz so, als wäre Bellona eines mit dem Meer. Als wäre sie Teil der Wellen, die sanft gegen das Holz schlugen. Selbst als sie in das Wasser sprang, spritzte es nicht. 

Dieser Ort gehörte ihr. 

„Ich werde dich und deine Verlobte verschonen. Auch ihren Bruder, solange er unter deinem Namen lebt. Ich werde deine Schiffe passieren lassen. Ich werde sie und die Inseln wieder beschützen. Aber-“, sie blickte ihm fest in die Augen, „Dafür musst du der König der Inseln sein. Du musst deine Kinder auf dieselbe Prüfung aussenden, die du einst abgelegt hast. Jungen wie Mädchen. Keine Ausnahme. Selbst dein Schützling wird diese Reise auf sich nehmen müssen, da er sich als Erwachsener nicht mehr hinter dir verstecken kann. Haben wir einen neuen Pakt?“

„Ich-“, Liber wollte kein König sein. Sein Innerstes sträubte sich dagegen. Er wollte nur der See gehören. Kapitän … Ja. Das war er. Ein Kapitän. Kein Anführer. Kein König. Kein Monarch!

Aber ein Blick von Bellona offenbarte, dass sie über ihre Forderungen nicht diskutieren würde. 

„Wie du wünschst, Bellona.“

Nickend verschwand sie in ihrem Meereskönigreich, während er seines auf den Inseln annehmen musste. 

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