
Scute kehrte noch am selben Tag ins Dorf zurück. Diesmal brauchte er sich keine Sorgen um die Raubtiere des Dschungels zu machen. Alle machten ihm auf dem Rückweg Platz. Alle zeigten ihm Respekt.
Dank des Mals der weißen Schlange, das diese an seinem Handgelenk hinterlassen hatte.
Noch immer echoten ihre letzten Worte durch seinen Kopf. Mit diesem Biss gehörte er ihr. Er hatte ihr zu gehorchen. Er hatte all jene mit demselben Zeichen zu respektieren. Und er hatte sein Haupt vor ihnen zu beugen. Aber dafür stand er auch unter ihrem Schutz. Sie schenkte ihm ihr Wissen. Sie schenkte ihm ihre Gaben. Ihre Umsicht. Ihre Gedanken.
Es war ein kleiner Preis, wenn er bedachte, dass er nicht jederzeit problemlos den Fluss überqueren konnte. Nicht, wenn er wieder Wasser führte.
Daheim angekommen, wurde er freudig empfangen. Ein jeder fragte ihn nach dem Heilmittel. Sie hofften auf ein Wunder. Für seine Großmutter ebenso, wie für sich selbst. Doch schwieg Scute.
Zuerst musste er zu der alten Frau.
„Du bist zurück“, sprang ihm die Wahrsagerin in den Weg, „Ein Glück! Ich habe mir schon Sorgen gemacht, als die Wolken-“
Ihre restlichen Worte verloren sich in einem Rauschen. Die Stimme der weißen Schlange kroch durch seine Gedanken. Sie zischte ungehört auf.
Oh, ja. Sie ist es. Sie trägt jene Magie, die dich als Baby umgeben hatte.
Das sollte seine Mutter sein? Sie lebte? Nicht nur, war sie eine angesehene Wahrsagerin – sie hatte ihn einfach sich selbst überlassen! Hatte sie ihn so sehr gehasst? Oder warum hatte seine Großmutter ihn einst am Brunnen gefunden?!
„Darf ich?“, unterbrach er die unsinnigen Worte, als er sich an ihr vorbeischob.
Das war ganz schön harsch.
Scute ignorierte die weiße Schlange.
Hätte er etwas gesagt, hätte er sich im Tonfall vergriffen. Das durfte er nicht!
Als er bei seiner Großmutter ankam, saß sie auf ihrem Bett. Wenn man diese kaputte Bambusmatte denn als solche bezeichnen konnte. Sie strahlte übers ganze Gesicht, als sie ihn erkannte. Versuchte, aufzustehen. Zu ihm zu gelangen!
Eilig stürzte Scute ihr entgegen und fing sie auf.
„Großmutter. Überanstrenge dich bitte nicht“, belehrte er sie.
„Wie könnte ich nicht. Ich habe mir solche Sorgen um dich gemacht. Solche-“, sie zuckte zusammen.
Scute strich über ihren Rücken und bugsierte sie auf ihr Bett zurück.
„Entschuldige, dass ich nicht da war. Ich … Ich musste ein Mittel suchen, um dich-“
„Für mich?!“, sie lachte traurig auf, „Was ist mit dir? Meinst du, ich wäre glücklich, wenn du stirbst, nur weil du mein Leiden auf Erden verlängern möchtest? Ich habe mein Leben gelebt, Scute. Du hast deines noch vor dir. Deines, das so wundervoll werden kann. Wenn du es nur zulässt …“
Sie hustete. Blut befleckte ihre Hand. Kleine Flecken, die sie sofort abwischte. Als wären sie nie da gewesen.
Doch den Augen der weißen Schlange wären sie nie entgangen.
Und so konnte auch Scute sie nicht ignorieren.
Er sah, was die Schlange gesehen hätte.
„Tut es sehr weh?“, fragte er vorsichtig.
„Ach, dieser Körper hat schon einiges mitgemacht. Es geht mit mir zu Ende.“
„Und … Willst du das?“, erkundigte Scute sich weiter.
Nun fanden ihre Augen ihn. Ihre grünen, sanftmütigen Augen. Augen, zu denen er immer aufgesehen hatte. Die ihm Liebe und Wärme in den finstersten Zeiten geschenkt hatten.
Er würde sie nie vergessen.
Nickend bestätigte sie seine Vermutungen. Und damit auch den Vorwurf der weißen Schlange.
Seufzend drückte Scute sie an sich.
„Ich werde dich jeden Tag vermissen.“
„Ich weiß“, sie tätschelte seinen Rücken, „Aber ich weiß auch, dass du kein Kind mehr bist. Du wirst es schaffen. Du … Du bist auf der anderen Seite des Flusses erwachsener geworden, oder?“
„Vielleicht“, grinste Scute, „Aber vielleicht habe ich auch nur eine neue Freundschaft geschlossen.“
Seine Großmutter lachte. Danach sprachen sie noch leise weiter. Sie erinnerten sich. An früher. An alte Zeiten. An damals, als er von den Hühnern des Nachbarn gejagt worden war. Und als er auf dem Dach feststeckte, weil er das Stroh nicht richtig befestigt hatte.
Irgendwann sprach nur noch er.
Denn irgendwann, mitten in der Nacht, schloss seine Großmutter zum letzten Mal die Augen.
Seufzend machte Scute sich daran, ihre Beerdigung zu planen. Er sagte den Nachbarn Bescheid. Informierte den Dorfvorsteher. Die Wahrsagerin …
Sie leitete immerhin die Trauerfeiern.
„Es muss schwer sein, jemanden zu verlieren, der einem nahe steht“, murmelte sie, als er gerade gehen wollte.
„Das ist es“, erwiderte er, ohne ihr einen weiteren Blick zu schenken.
„Dabei hast du das Heilmittel gefunden. Warum hast du es für dich behalten? Warum nicht geteilt?“, erkundigte sie sich sachte.
Scute wusste, worauf sie anspielte. Er wusste es, seitdem die weiße Schlange ihn gebissen hatte. Seitdem sich sein Herz verkrampft hatte und er sich dennoch weiterbewegte.
Weiter, ohne dass sein Herz schlug.
Denn in ihm schlug nun das Herz der weißen Schlange.
„Sie hätte es nicht gewollt“, erwiderte er.
„Und was werden die anderen sagen, wenn du nicht mehr alterst?“, fragte die Wahrsagerin weiter.
„Ich würde lieber wissen wollen, was sie sagen, wenn sie vom Sohn der Wahrsagerin erfahren.“
Die Worte waren kein Vorwurf. Sie purzelten einfach aus ihm heraus. Sie waren ein Fakt, der sich in seinem Kopf eingenistet hatte. Der nun darin lebte.
Und den die Frau nicht abstritt.
„Sie werden es dank der Zirkelregeln verstehen.“
Stumm flüsterte ihm die weiße Schlange die Regeln zu, auf die sich die Wahrsagerin bezog. Worte, die er zuvor nicht gekannt hätte. Die nun in seinem Kopf steckten.
„Du meinst, die Regeln eines Zirkels, aus dem du ausgetreten bist, als du hierher gezogen bist?“, hinterfragte Scute mit erhobener Augenbraue.
„Nur so konnte ich in deiner Nähe bleiben“, offenbarte sie.
Scute wusste nicht, ob er ihr vertrauen konnte. Er hörte nur, wie die weiße Schlange die Worte bestätigte. Wie sie all ihre Worte bestätigte.
In ein paar Jahren würde er das Dorf verlassen müssen oder die Leute würden seine Unsterblichkeit erkennen.
„Wenn es an der Zeit ist, werde ich den Fluss überqueren und mich drüben unterordnen. Vielleicht kannst du dann ja mitkommen?“, schlug er seiner Mutter vor.
Sie lächelte: „Vielleicht.“
