Gedankenverloren beobachtete sie ihren Lehrer. Es ging um Mathematik. Funktionen und Schnittpunkte. Themen, die nur bedingt ihre Aufmerksamkeit halten konnten. Dennoch schrieb sie artig das Tafelbild ab und tat so, als würde sie sich auf ihre Aufgaben konzentrieren.
„-ne? Liane?“
„Ja?“, sie unterdrückte den Drang ihn zu korrigieren und sich Lilith zu nennen.
„Kannst du deine Lösung für 3b mit uns teilen?“, fragte der Lehrer genervt.
In der Hafenstadt lebten die Menschen nur für sich selbst.
Erleichtert und ängstlich zugleich beobachtete ich, wie sich niemand nach Timmy oder Julie umsah. So konnten die beiden ihre erste Nacht ungehindert auf offener Straße verbringen. Bis zur zweiten hatte Timmy bereits eine Mulde weiter Stadtauswärts ausgemacht, in der er ihren neuen Unterschlupf bauen wollte. Nur vorübergehend, behauptete er vor Julie. Damit sie erstmal vor Wind und Wetter geschützt wären.
Seine Schwester hätte an dem Tag allem lächelnd zugestimmt.
Das Mädchen war vom Meer wie verzaubert. Sie wollte diesen Ort nie wieder verlassen! Überglücklich fragte sie Timmy, wann wohl Mutter und Gretle kämen. Sie wolle diese Aussicht, dieses Paradies mit allen teilen!
Kurz nach Sieben. Ich wollt‘ hierher fliegen. Wollt‘ es nicht verschieben. Wollt‘ Dich nicht verlieren.
Bin ich zu spät?
Ich lehne mich an die Säule, Lausche dem tosenden Geheule. Der Wind lässt mich erzittern, Wie bei tosenden Gewittern!
Ich bin zu spät …
Meine Uhr zeigt acht nach. Das ich nicht lach‘! Acht Minuten nach … Obwohl ich versprach,
Mich nicht zu verspäten.
Erschöpft knie ich nieder. Mir zittern die Glieder, Wie beim Fieber, Denn mal wieder,
Bin ich zu spät.
Zwanzig Minuten harre ich aus. Ich will keinen Strauß, Will keinen Applaus, Will nur nach Haus‘.
Ich war zu spät.
Heute hätten wir entschieden, Ob wir uns wirklich noch lieben. Ob wir zueinander halten. Ob wir uns nicht spalten.
Und ich war schon wieder zu spät.
Dabei war das doch Deine Kritik. Deswegen hinkte unsere Physik. Du läufst wie eine automatische Fabrik Und ich bin das Dynamit,
Das zu spät zischt …
Der Morgen bricht an. Schatten schlängeln sich heran. Ich starre in den Sonnenaufgang – viel zu stramm, viel zu lang –
Und stehe verspätet auf.
Trauer übernimmt mein Gesicht. Doch lange währt sie nicht. Denn ungläubig bemerke ich Dich.
Verspätet.
Auf der anderen Seite der Säule warst Du. Auf der anderen Seite der Säule wartetest Du. Auf der anderen Seite der Säule hab‘ ich nicht nachgesehen. Auf der anderen Seite der Säule ähnelt Dein Lächeln einem Flehen,
Das ich verspätet sah.
So wird mir Deine Liebe gewahr. So wird mir unsere Zukunft gewahr. So wirst Du mir gewahr.