Die Stille

Urlaub. Frei. Ach, wie schön!
Daran könnt‘ ich mich gewöhn!
Ich strecke alle Glieder aus.
Denn heute geht es nicht hinaus.
Faul sein, wird heut‘ verlangt.
Faul sein, klingt sehr charmant!

Morgens wird entspannt gemacht,
Mittags über Haushalt gelacht,
Abends wurde Essen gebracht,
Gelesen wird die ganze Nacht!

Ach, wie wunderbar!
Ach, wie sonderbar.
Ach, wie … still ich doch bin.

Kein Wort fällt in diesen vier Wänden.
Die Gespräche mussten alle enden.
Die Gespräche werden doch vermisst.
Die Gespräche waren einst ein Bliss.

Auf Arbeit waren sie mir stets zu viel.
Zu viel Gemecker, zu viel, zu viel!
Stets gab es Streit, stets gab es Wut,
So verglühte mein wackliger Mut.

Mein Mut etwas zu tun,
Mein Mut zu reden,
Mein Mut zu singen,
Mein Mut zu leben!

Meine Stimme versagte
Und die Stille obsiegte.

Meine Stimme versagte
Und die Einsamkeit wiegte.

Meine Stimme versagte
Und mein Herz ward verschlossen.

Meine Stimme versagte
Und mein Ich ward gebrochen.

In aller Heimlichkeit roll‘ ich mich zusammen.
Ich taste mich an mich selbst heran.
Ich teste einen Laut, dann ein Wort.
Höre einen schiefen Akkord.

Meine Stimme ward von Außen verstummt.
Meine Stimme, einst so kunterbunt,
Wurde sie zerrissen –
Aus Hass? Aus Neid?
Wurde sie zerrissen –
Und ich bekam das Leid.

Apokalypse

In erdrückender Kälte
Sehe ich dich.

Im zerrenden Wind
Höre ich dich.

Einsam sitzt du dort, allein, nur du!
Bibbernd trägst du keinen einzigen Schuh.
Tränenstraßen kleben auf deiner Wange.
Tränenstraßen, wegen derer ich um dich bange.
Die Kleidung schief und viel zu groß,
Dennoch zogst du das bessere Los?

Das Los zu leben.
Das Los zu trauern.
Das Los zu pflegen,
Was noch nicht tat versauern.

Du wartest auf den Bus,
Ob er für dich hält?

Du wartest auf den Bus,
Ob er kommt, wie bestellt?

Du wartest auf den Bus,
Hast aber kein Geld …

Alles Geld ist vergessen.
Es dreht sich nur noch ums Essen.
Es dreht sich nur noch ums Überleben.
Es dreht sich alles ums falsche Geben.

Wer auf Versprechen zählt ist verloren.
Diese Menschen sind bald erfroren.
Sie werden vom Winter gefordert,
Werden zu den Toten beordert …

Angespannt schüttle ich mich,
Dorthin sollst du nicht!
Ich will deine Fähre zahlen.
Ich will dir nehmen die Qualen!

Der Bus hält und ich steige ein.
Ich schaue zurück, sehe dich allein.
Winke dich zu mir, rufe dich!
Nur erwiderst du es nicht …

Denn ich sehe, wie du dich nicht regst.
Ich sehe, wie du dich nicht bewegst.
Sehe, deinen glasigen Blick.
Weiß, für dich gibt es keinen Weg zurück …

Ich zahle meine Fähre:
Mit drei Äpfeln auf die Leere.
Einer landet prompt beim Fahrer im Mund.
Er nickt, fährt fort über wankenden Grund.
Er schaut nicht zu dir, scheint dich nicht zu seh’n,
Während ich dir flüster‘: „Auf Wiederseh’n“.

Alte Fotos

Alte Fotos sind schon sonderbar:
Vergilbt, zerkratzt – alles andere als klar.

Die Gesichter darauf wirken starr:
Eingefallen, blass – beinahe bizarr.

Nur die Augen blicken klar.
Nur diese Augen … tja …

Ob sie ihre Tode erahnten?
Ob sie Schicksalsschläge erwarteten?
Ob sie Hoffnungen hegten?
Ob sie diese wieder verlegten?

Auf diesen Bildern sieht man es nicht.
Die Toten lächeln zu schlicht.
Sie sind noch jung und klein,
Stehen vor der Hecke so fein.

Heute sind sie alle tot.
Das Mädchen da vorn? Tot.
Die Frau daneben? Tot.
Der Knabe am Rande? Tot.
Die drei dahinter? Tot. Tot. Tot!

Mit jedem Grab starb ein Zusammenhalt.
Mit jedem Marmor gewann ein Vorbehalt.

Entfremdung und Verleugnung,
Einsamkeit und Enteignung.
Als die Familie zerbrach …

Die Augen auf den Fotos wirken so traurig.
Die Augen auf den Fotos gucken so schaurig.

Beinahe … als wären sie wach?

Ach! Wem mache ich etwas vor?
Dass ich mich hier drin verlor …
Was für ein dummer Humor!

Ich gehe zu hart ins Gericht,
Gebe diesen Fotos zu viel Gewicht,
Ja, ich bin gar viel zu erpicht!

Meine Fotos kennen meine Zukunft ja auch nicht!
Oder …
Irre ich?

Am Abgrund

Ernste Themen sollten nie totgeschwiegen werden.
Deswegen schreibe ich in meine Gedichte ja seit jeher in einem eher düsteren Unterton. Diesmal fühle ich mich jedoch verpflichtet, hierbei eine Triggerwarnung zum Thema Suizid rauszugeben.

Bitte seid gewarnt und geht verantwortungsbewusst mit dem Inhalt/Weiterleiten um.

Beste Grüße
Medra

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