B: Verschwommen klare Sicht

Liliths Bauch fühlte sich wie ein Bleikessel an. Ihre Finger wie die Werkzeuge eines anderen. Sie hatte sich auf einen Test des Glaubens eingelassen. Es war der einzige Weg gewesen, um Zeit zu schinden. Um dafür zu sorgen, dass Oliver Tina wegbringen konnte. Dennoch war er kurz darauf wieder in der Menge erschienen. Er beobachtete, wie sie und Tinas Vater sich abwechselnd Gewichte um die Beine banden. Wie sie dies direkt am Steg taten …

Es war ein altes Ritual. Eines, mit dem der alte Prediger sonst abtrat und der neue seinen Platz einnahm. Denn sobald sie beide ihre acht Gewichte trugen, mussten sie zeigen, dass diese wirklich fest an ihren Beinen verschnürt waren. Sie mussten in den See springen. Der Herausfordernde, in diesem Fall also sie, zuerst. Sie müsste darauf vertrauen, dass Tinas Vater ihr folgte. Dabei mussten sie ein kleines Tuch festhalten. Früher waren es Stofftaschentücher gewesen. Mit eingestickten Namen. Nun lagen nur kleine Baumwollfetzen am Rand des Steges. Denn erst wenn einer von ihnen seines losließ und es an die Wasseroberfläche trieb, durften die Zuschauenden den anderen retten.

Weiterlesen

B: Die stillen Worte I

Als die letzte Schulstunde endlich endete, hätte Lilith am liebsten aufgeseufzt. Zügig packte sie ihre Sachen ein und blickte in derselben Bewegung erneut zu Tina.

Das andere Mädchen schaute nur schwerfällig auf. Sie wirkte blass. Und angespannt. Als hätte die Glocke eher Pein als Erlösung gebracht.

„Ach ja. Wollte ich dir schon gestern sagen: Ich muss gleich noch meiner Mom mit ihrem Hochzeittaggeschenk helfen. Sie hat das Datum schon wieder verpeilt und muss alles bis heute Abend fertig haben, wenn Dad heimkommt“, bemerkte Shiloh, „Kommst du klar?“

Weiterlesen

B: Liane und Lilith

Gedankenverloren beobachtete sie ihren Lehrer. Es ging um Mathematik. Funktionen und Schnittpunkte. Themen, die nur bedingt ihre Aufmerksamkeit halten konnten. Dennoch schrieb sie artig das Tafelbild ab und tat so, als würde sie sich auf ihre Aufgaben konzentrieren.

„-ne? Liane?“

„Ja?“, sie unterdrückte den Drang ihn zu korrigieren und sich Lilith zu nennen.

„Kannst du deine Lösung für 3b mit uns teilen?“, fragte der Lehrer genervt.

Weiterlesen

Märchenstunde: Das Erbe des Berges II

Zum ersten Mal blieb Domini als Nachfolgekind in einem Dorf. Er gab seinen Status vor den wenigen Leuten des Dorfes bekannt und forderte die beste Unterkunft. Nur so konnte er sicherstellen, dass sich Deitas Vater benahm und dass alle die Launen des Berges ihm zuschoben.

Nicht Nova.

„Wie lange gedenkt Ihr noch zu bleiben?“, fragte Deitas Mutter am nächsten Morgen höflich.

Im Dorf sprach sie höflicher mit ihm, als draußen in den Wäldern oder an den Klippen. Wahrscheinlich versuchte sie, einen gesunden Abstand zu wahren. Und ihre Abmachung zu verbergen, wegen derer sie einst Nova aufnahm.

Weiterlesen