Scute verließ das Dorf inmitten der Dunkelheit. So gefiel es ihm am besten. So musste er die wenigsten Fragen beantworten und musste sich fast nie mit den Einheimischen streiten, um einen ruhigen Schlafplatz zu ergattern. Auch die Dunkelheit machte ihn kaum zu schaffen. Die weiße Schlange lenkte eh seine Schritte, wenn sie von ihrem Ziel überzeugt war.
Und das derzeitige Ziel war ihr wichtiger als alles andere.
Stets normales Leben. Tagein. Tagaus. Alltägliches Streben. Tagein. Tagaus.
Doch ist immer viel zu viel zu tun: Lernen, Arbeit und Konsum … Dann kommt der Ruck. Und alles wird schwarz.
Es begann sachte – mit weniger Gewicht. Es begann sachte – mit verschwommener Sicht. Der zehnte Becher wird nun geleert. Die Unruhe an der Seele zerrt.
Sie vergeht bestimmt schon bald, Hoffe ich, so zitternd kalt. Dann kommt der Ruck. Man fliegt aus den Charts.
Es geht nicht um mich selbst. Daher kann ich nur mutmaßen. Es geht nicht um mich selbst. Ich kann mein Kind nur bespaßen.
Es wird besser. Vielleicht habe ich mich geirrt? Es wird besser. Und der Ruck hatte sich verirrt?
Plötzlich wippt es auf und ab. Plötzlich wirkt es viel zu schlapp. Plötzlich glaubt es zu verdurst-
RUCK!
Blaues Licht. Sirenen. Wilde Stimmen. Sie reden. Worte. Viel zu viele! Fragen. So unendlich viele!
RUCk!
Blutwerte. Piepen. Wirre Zahlen. Ein Fiepen. Meine Stimme ist weggebrochen. Meine Stimme wird neu gegossen.
RUck!
Ich kann nicht mehr sitzen. Ich kann nicht mehr stehen. Kann kaum noch zuhören. Oder gar verstehen …
Liliths Bauch fühlte sich wie ein Bleikessel an. Ihre Finger wie die Werkzeuge eines anderen. Sie hatte sich auf einen Test des Glaubens eingelassen. Es war der einzige Weg gewesen, um Zeit zu schinden. Um dafür zu sorgen, dass Oliver Tina wegbringen konnte. Dennoch war er kurz darauf wieder in der Menge erschienen. Er beobachtete, wie sie und Tinas Vater sich abwechselnd Gewichte um die Beine banden. Wie sie dies direkt am Steg taten …
Es war ein altes Ritual. Eines, mit dem der alte Prediger sonst abtrat und der neue seinen Platz einnahm. Denn sobald sie beide ihre acht Gewichte trugen, mussten sie zeigen, dass diese wirklich fest an ihren Beinen verschnürt waren. Sie mussten in den See springen. Der Herausfordernde, in diesem Fall also sie, zuerst. Sie müsste darauf vertrauen, dass Tinas Vater ihr folgte. Dabei mussten sie ein kleines Tuch festhalten. Früher waren es Stofftaschentücher gewesen. Mit eingestickten Namen. Nun lagen nur kleine Baumwollfetzen am Rand des Steges. Denn erst wenn einer von ihnen seines losließ und es an die Wasseroberfläche trieb, durften die Zuschauenden den anderen retten.
Es war früher Nachmittag, als Scute die Dorfgrenze überschritt. Dabei hielt er sein Haupt erhoben. Die Kapuze ruhte gut sichtbar auf seinem Rücken. Seine Schritte richtete er entschlossen vorwärts. Entschlossen, obwohl er eigentlich gar nicht wusste, warum er sich für den Auftrag der weißen Schlange unter die Menschen mischen sollte.
Chem Wak wartete ungeduldig auf der Polizeistation. Er war allein gekommen. Ohne seinen Fahrer. Deswegen hatte er auch ein normales Taxi nutzen müssen. Eines, das gestunken hatte. Eines, das die ganze Fahrt über geklappert und gezischt hatte. Eines, in dem der Fahrer kein Wechselgeld gehabt haben wollte!
Er verabscheute es.
Aber noch mehr verabscheute er es, wenn er sich irrte. Seit Freitagabend hatte er nun schon diese schwankenden Visionen über die Zukunft. Er hatte geglaubt, dass sie erst zum nächsten Wochenende von Relevanz wären. Weil die Zeitung in seiner Vision vom darauffolgenden Sonntag war. Weil sie von einer ruhigen Gegend handelten. Weil es Lilith ja gut gehen sollte.