Radius schluckte ihren Frust herunter, als sie sich der Halle näherte. In einer fließenden Bewegung schlüpfte sie aus den Ärmeln ihrer Jacke und band sie sich um die Hüfte. Gleich würde ihr schon warm werden. Und sie hatte keine Lust, dass der Stoff wieder an ihrer Haut klebte …
Mit festen Schlägen klopfte sie gegen die Tür. Sie wartete, bis Schritte auf der anderen Seite ertönten. Bis diese stoppten. Bis Schlüssel ratterten.
Die zweite Miracula erschien binnen einer Stunde. Sie trat auf die Lichtung. Erkundigte sich nach der anderen Miracula. Ein junges Mädchen, das immer noch schlief. Das sich jedoch durch ihre Anwesenheit langsam regte.
„Sol. Was ist los?“, fragte die ältere Miracula fordernd.
So fordernd, wie der versteckte Scute es niemals wagen würde, mit der weißen Schlange zu sprechen. Perplex betrachtete er das Schauspiel aus dem Schatten. Der Rabe, der nur gutmütig lachte. Diese ältere Frau, die ihre Hände in die Hüften stemmte. Die auf den Raben herabblickte.
Alles verdreht. Alles verschoben. Das zweite Kind fühlt sich verloren. Der Rhythmus ihr Leben verbaut. Der Rhythmus ihre Kindheit raubt.
Sei froh, du bist gesund! Rufen Ärzte ihr zu. Nun halt deinen Mund! Ertönt es immerzu.
Ruck. Leben. Ruck. Leben. Ein stetiges Beben.
Sie zieht sich Stück für Stück zurück. Weint tief in ihr Kissen gedrückt. Zugleich kämpft der erste ums Leben, Lernt neu, mit diesem Ruck zu gehen.
Ruck. Leben. Ruck. Leben. Ein stetiges Beben.
Ich zerreiße mich vor beiden. Verstecke meine Leiden. Wir erbauen Burgen und Träume, Erschaffen fantasievolle Räume, Lassen die Einhörner drin tanzen Und Piraten ziehen Bilanzen.
Ruck. Leben. Ruck. Leben. Ein stetiges Beben.
Der Ruck bestimmt nicht ihre Tage. Sein Echo nicht die Kindheitsfrage. Ärzte, Medizin und Zahlen Werden im Spiel zermahlen.
Ruck. Leben. Ruck. Leben. Ein stetiges Beben.
Der erste kann nun wieder leben. Man muss ihn kaum noch pflegen, So kann er auch alleine gehen!
Die zweite traut sich zu lächeln. Sie weiß, sie darf auch mal schwächeln. Sie muss nicht immer g‘rade stehen …
Ruck. Leben. Ruck. Leben. Ein stetiges Beben.
Stark müssen sie nicht sein. Sie sind ja uns‘re Kinderlein. Sie muss sich nicht kümmern. Er wird nicht verkümmern.
Ruck. Leben. Ruck. Leben. Ein stetiges Beben.
Denn wir sind für beide da. Wir schützen sie mit Ruck. Wir schützen sie ohne Ruck. Wir schützen vor dem Druck. Wir schrecken nie zurück!
Ruck. Leben. Ruck. Leben. Ein stetiges Beben.
Und beide Kinder werden gesehen. Die Ärzte müssen’s nicht verstehen.
Ruck. Leben. Ruck. Leben. Ein stetiges Beben.
Denn mit der Empathie in ihrem Herzen, Erfüllt sein Ruck auch sie mit Schmerzen.
Mortes harrte fast drei Stunden in der Dunkelheit aus, ehe die ersten Geräusche erklangen. Ein Schaben. Ein Kratzen. Dann stille Schritte.
Angespannt wartete er, bis er die andere nur noch wenige Meter von sich entfernt glaubte. Erst dann knipste er sein Feuerzeug an und präsentierte dabei seine – bis auf die mickrige Lichtquelle – leeren Hände.
Scute verließ das Dorf inmitten der Dunkelheit. So gefiel es ihm am besten. So musste er die wenigsten Fragen beantworten und musste sich fast nie mit den Einheimischen streiten, um einen ruhigen Schlafplatz zu ergattern. Auch die Dunkelheit machte ihn kaum zu schaffen. Die weiße Schlange lenkte eh seine Schritte, wenn sie von ihrem Ziel überzeugt war.
Und das derzeitige Ziel war ihr wichtiger als alles andere.