„Er wirkt total ausgewechselt“, flüsterte Shiloh ihr zu, sobald sie allein waren.
Liane schaute dennoch zur Küche herüber. Dorthin, wo ihr Vater verschwunden war. Um etwas Obst aufzuschneiden, ehe er losmüsse. Nur um sicher zu gehen.
„Das geht nun schon zwei Wochen so“, erklärte sie ihrer Freundin, während sie sich hinter einem Schulbuch versteckte, „Seit dem Sturm.“
„Du meinst, seit du bei Oli warst? Oder seit der Sache mit Betty?“, erkundigte sich ihre Freundin wieder.
Liane brauchte zwei Anläufe, ehe sie klingeln konnte. Es fühlte sich zu falsch an. Als würde sie ihren Vater verraten! Noch konnte sie umdrehen und zurück nach Hause eilen. Er würde später sicherlich schimpfen. Aber er würde es verstehen. Sie könnten sich aussprechen. Wenn er wieder da war. Wenn es sich beruhigt hatte?
Inmitten ihrer Überlegungen fiel ihr auf, dass sie genau das doch tat! Sie ging zu Oliver, damit er sich beruhigen konnte und sie sich anschließend entspannter unterhalten würden. Ob nun für ein paar Stunden oder eine ganze Nacht sollte eigentlich irrelevant sein. Sie war ja kein kleines Kind mehr!
Erst als Liane zu dieser Erkenntnis kam, verflogen ihre Sorgen. Kurz darauf öffnete Olivers Mutter die Tür. Sie lächelte herzlich. Herzlich aber angespannt.
„Du bist ja so spät dran“, brummte ihr Vater viel zu leise.
Liane hielt kurz inne, um aufzusehen. Erst dann schlüpfte sie aus ihrem zweiten Schuh und stellte das Paar neben die Treppe. Sie mochte es nicht, wenn er so ungeduldig klang. Es verunsicherte sie. Zumal sie ihre verwundete Hand in der Hosentasche verbergen musste!
„Wir waren noch bei Oli … War ein langer Tag“, murmelte sie, „Viel passiert.“
Sie wollte nicht Bettys dummen Streich ansprechen. Nicht Tinas Verhalten. Nicht das Geschrei von Bettys Vater. Nicht die Sorgen ihrer Freunde … Aber würde ihr Vater das zulassen? Er stand viel zu ungehalten im Flur. Als hätte er seit Stunden auf ihre Ankunft gewartet!
„Dann hättest du mir ruhig mal schreiben können, was los war“, erklärte er, „Weißt du eigentlich, wie viele Sorgen ich mir mache, wenn du nicht da bist, wenn ich nach Hause komme?! Du weißt doch, dass du dich nicht rumtreiben sollst!“
Liane stockte. Ihr schlechtes Gewissen meldete sich. Ja. Bestimmt war das Warten eine reine Tortur für ihren Vater gewesen … Sie hätte-
Das Tuscheln ihrer Mitschüler verfolgte Liane den ganzen Tag über. Selbst als sie bereits auf dem Heimweg waren, hörte sie ihren oder Bettys Namen noch aus den Gesprächen am Schultor heraus.
„Das die auch keine Ruhe geben“, schimpfte Shiloh vor sich hin.
Liane nickte nur. Sie wollte nichts sagen. An ihrer alten Schule waren die Gerüchte stets gegen sie gekippt. Man hatte über sie gelästert. Sie ausgegrenzt. Sie-
„Hey. Das wird schon, ja?“, Oliver drückte ihre Hand.
Für einen Augenblick fühlte sie sich besser und sie erwiderte die Geste.
Dann kehrte der Missmut zurück.
Wie viel waren ihre Freundschaften schon wert? Bestimmt waren Shiloh und Oliver innerlich schon ganz genervt von ihr. Was, wenn sie ihren Freunden zu sehr zur Last fiele? Wenn sie ihnen irgendwann egal wäre? Bestimmt wollten sie auch mal eine Pause von ihr!
Sie wollte gerade sagen, dass sie auch allein nach Hause gehen könnte, als Shiloh abrupt stehen blieb.
„Vielleicht solltest du lieber noch nicht heim. Ich meine, wir wissen beide wie dein Vater drauf war, als du nur etwas durch den Wind warst. Wenn der Helikopter dich so sieht, rattern die Rotorblätter gleich die ganze Stadt nieder“, ihre Freundin schnitt eine Grimasse.
Es dauerte knapp zwei Stunden, bis die ganze Schule über Betty informiert war. Zuvor hatte es nur ein paar Gerüchte gegeben. Kurze Geschichten, die auf den Fluren die Runde machten und mit jeder Wiederholung etwas aufgeplustert wurden. Aber als Bettys Vater sie aus dem Sekretariat abholte, konnte sich niemand mehr zu den Unwissenden zählen.
„DAS SIND REINE UNTERSTELLUNGEN!“, schrie dieser aus.
Unruhig schaute Liane zur Tür. Ihr jetziger Unterrichtsraum lag zwei Etagen und eine Flurlänge vom Sekretariat entfernt und dennoch konnte sie den Mann schon seit einer Viertelstunde glasklar hören.