„Du bist ja so spät dran“, brummte ihr Vater viel zu leise.
Liane hielt kurz inne, um aufzusehen. Erst dann schlüpfte sie aus ihrem zweiten Schuh und stellte das Paar neben die Treppe. Sie mochte es nicht, wenn er so ungeduldig klang. Es verunsicherte sie. Zumal sie ihre verwundete Hand in der Hosentasche verbergen musste!
„Wir waren noch bei Oli … War ein langer Tag“, murmelte sie, „Viel passiert.“
Sie wollte nicht Bettys dummen Streich ansprechen. Nicht Tinas Verhalten. Nicht das Geschrei von Bettys Vater. Nicht die Sorgen ihrer Freunde … Aber würde ihr Vater das zulassen? Er stand viel zu ungehalten im Flur. Als hätte er seit Stunden auf ihre Ankunft gewartet!
„Dann hättest du mir ruhig mal schreiben können, was los war“, erklärte er, „Weißt du eigentlich, wie viele Sorgen ich mir mache, wenn du nicht da bist, wenn ich nach Hause komme?! Du weißt doch, dass du dich nicht rumtreiben sollst!“
Liane stockte. Ihr schlechtes Gewissen meldete sich. Ja. Bestimmt war das Warten eine reine Tortur für ihren Vater gewesen … Sie hätte-
Der Wind zupft an meinem Haar Und erinnert mich ans vergangene Jahr. An alles, was ich wollt‘ vergessen. An alles, was mich wollt‘ stressen.
Der Wind will, dass ich mich umdreh‘. Der Wind will, dass ich ihn versteh‘. Der Wind will, dass ich zurückgeh‘.
Der Wind weht in die falsche Richtung.
Müde starre ich zum Horizont. Ob die Sonne nun bald kommt? Ob sie diesmal heller strahlt? Ob sie mit mehr Farbe malt?
Und wieder zerrt der Wind an mir …
Nein! Ich darf mich nicht beugen! Ich darf die Zukunft nicht verleugnen! Ich muss nach vorn seh’n. Ich muss weitergeh’n!
Dennoch schauen meine Augen zurück. Kurz nur. Für einen winzigen Augenblick. Sie sehen ein Lächeln, sie sehen Tränen. Sie erkennen all diese Schemen.
Nostalgie schleicht sich stumm in mein Herz. Sie zieht mich seitwärts, vorwärts, rückwärts. Orientierungslos wanke ich hier. Dennoch ist nun Wärme in mir.
Der Wind hat sich gelegt.
Gutes wie Schlechtes. Schlechtes wie Gutes.
Jeder befindet sich irgendwo dazwischen.
Lachend begrüße ich die neue Sonne. Diese zärtliche Wonne. Dieses neue Jahr.
Tun sie’s nicht immer noch? Sie lieben ihr Kinde doch! Sie würden ihm nix rauben! Und dennoch …
Dennoch sitzet es zerbrochen dort Und egal, wie tief man bohrt, Gibt es keine Antwort.
Der Schatten der Vergangenheit Hat genug vom Leid. Er kann nicht länger mitanschauen, Wie das Kind im Inner‘n schreit.
Einst wurde es geschlagen. Einst wurde es getreten. Einst … Einst. Einst?
Einst hält doch bis heute an! Deswegen lässt es kein Glück heran! Es glaubt, es würde zu nix taugen. Deswegen ist es dran …
Dran zu schrei’n, Dran zu wein’n Ganz geheim Ganz allein In seiner Pein Daheim …
Der Schatten der Vergangenheit Verscheucht die Besonnenheit Mit verächtlichem Schnauben.
Es ist an der Zeit.
Es ist an der Zeit, zu graben. Es ist an der Zeit, etwas zu sagen. Es ist an der Zeit, Hilfe einzuklagen!
Sanft besäuselt er das Kind, Damit er es für sich gewinnt. Er gibt ihm Wind, Damit es beginnt
Zu sprechen.
Es soll sich rächen!
Das Kind beugt sich weg. Es erkennt keinen Zweck. Es hat kein Vertrauen. Es sieht sich als Dreck.
Es ist an der Zeit, umzulenken. Es ist an der Zeit, umzudenken. Es ist an der Zeit, Bedenken
Zu ertränken!
Das Kind beginnt zu verstehen. So kann es keine Zukunft sehen. Mit Bedauern Will es einige Schritte gehen.
Doch halten Wurzeln es fest! Es darf nicht aufstehen vom Nest! Dieses Nest, das es nicht ziehen lässt!
Mutter hält inne. Vater erhebt die Stimme:
„Es darf nicht stehen. Es darf nicht flehen. Es darf niemals gehen. Wie kommt es auf diese dummen Ideen?!
Das Kind hat fügig zu bleiben! Es hat zu verweilen! Wo soll es sich schon rumtreiben? Warum will es heilen?
Heilen! Ha! Wovon? Dass es sich mal wieder besonn!
Hier ist wie einst: Alles gut. Alles leicht. Alles frei.“
Der Schatten der Vergangenheit Macht sich wütend bereit. Er kann seinen Ohren nicht trauen. Frei nennt sich dieses Kleid?!
Das ist ihm zu dreist! Er knurrt und er reißt! Denn er verheißt:
Den Abschied.
Das Kind senkt die Lider. Es zittern die Glieder. Es sieht nicht auf-
„LAUF!“,
Schreit Der Schatten der Vergangenheit.
Erschrocken hebt es den Blick. Noch hält es ihn für einen Trick. Es muss doch auf-
„LAUF!“,
Erneut schreit Der Schatten der Vergangenheit.
Das Kind erblickt sein eigenes Gesicht. Ein Schatten im Licht. Nein. Sein Schatten im Licht. Die Tränen sieht es nicht-
Nicht mehr.
„Hier ist’s nicht fair. Hier fällt’s uns schwer. Ich wünsche mir so sehr Einen Abschied her.
Für dich. Für mich. Bitte sprich!“
Der Schatten der Vergangenheit Erinnert an das einstige Leid.
Einst … Einst. Einst?
Die Wurzeln hängen schlapp, Sie lassen endlich ab, Sie fallen herab.
Einst war gestern. Einst ist heute.
Vater und Mutter sprechen, Sie wollen ihre Zechen, Sie wollen das Kinde brechen …
Aber diese Leute, Nein, diese Meute, Bekommt keine Beute!
Mit der Erkenntnis sprießen Flügel empor. Mit der Erkenntnis, die ihm fehlte zuvor. Mit der Erkenntnis trat das Kind hervor. Nein. Kein Kinde mehr. Denn es setzte sich zur Wehr.