Märchenstunde: Des Seefahrers Kinder II

Die erste Hälfte der Strecke erwies sich als so ereignislos, dass Liber sich vollkommen entspannte. Er blickte kaum noch zur Insel herüber, um nach den Boten seines Vaters Ausschau zu halten – Helmträger, die Fackeln entzündeten, sobald sie seine Segel ausmachten.

Sie würden Alarm schlagen, wenn er kenterte.

Mit frischem Mut gewappnet bedachte er das Gewässer vor sich. Er näherte sich dem Riff. Hier musste er eine Entscheidung fällen: Sollte er geradeaus weiter und das Risiko eingehen, sein Boot zu beschädigen? Oder sollte er lieber hinaus aufs Meer fahren und den längeren, aber sicheren Weg in Kauf nehmen? Eigentlich hatte er sich daheim für letzteren entschieden. Aber da alles so gut lief und sein Boot eh keinen großen Tiefgang hatte … Gewiss könnte er sich die Umfahrung sparen, oder?

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Märchenstunde: Des Seefahrers Kinder I

„Deswegen darfst du nie der Stimme des Meeres folgen!“, warnte sein Vater und schlug gegen ihren illustrierten Stammbaum.

Liber betrachtete die kunstvollen Porträts darauf. Ganz oben befand sich ein vergilbter König, gefolgt von seinen sieben Söhnen und seiner einzigen Tochter. Nur war letztere kaum noch zu erkennen. Über die Jahre hatte man ihr Bildnis so sehr verflucht und beworfen, dass einzig ihre Umrisse zu erkennen waren.

Anders verhielt es sich mit Libers direkten Vorfahren. Seinem Vater. Dessen Mutter. Libers Tanten und Onkeln, Brüdern und Schwestern.

Sein Urgroßvater war Giove gewesen. Der Königssohn, der die Schiffsfahrt und die Meereskunde beherrschte. Er war das einzige Königskind gewesen, das den Ozean gefahrlos überqueren konnte. Alle anderen hatten bei ihren Überfahrten mit Angriffen der Meernixen zu rechnen. Und genau das, hatte ihm und seiner Tochter das Überleben gesichert.

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Märchenstunde: Die Geburt der Meernixen

Es war einmal vor langer, langer Zeit, da lebte ein König auf seiner Insel. Dieser König hatte sieben Söhne, aber nur eine Tochter, welche jede Krankheit magisch anzog. Stets wurde sie von Husten oder Fieber geplagt, sodass sich der König immerzu um sie sorgte. Und so kam es, dass er seine Söhne vernachlässigte, die sich bald darauf alle als alleinige Erben sahen.

Jeder wollte nach dem Tod ihres Vaters das Reich regieren. Denn jeder sah sich selbst als perfekten Nachfolger an. So war der erste sehr geschickt in der Buchführung, der zweite hatte die Kunst der Diplomatie mit dem Festland erlernt, der dritte war in der Schiffsfahrt und der Meereskunde bewandert, der vierte wusste jede Nahrung herzustellen oder gar anzubauen, der fünfte war ein Gelehrter des Tempels, der mit Auszeichnungen überhäuft wurde, der sechste wusste jedes Tier zu besänftigen und für seine Zwecke zu gewinnen, der siebte lenkte die Stimme des Volkes mit seinem Gesang.

Wie konnten die Gaben der anderen Brüder wichtiger als die eigene sein? Geschweige denn für eine kränkliche Schwester ignoriert werden?

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