Märchenstunde: Des Seefahrers Kinder I

„Deswegen darfst du nie der Stimme des Meeres folgen!“, warnte sein Vater und schlug gegen ihren illustrierten Stammbaum.

Liber betrachtete die kunstvollen Porträts darauf. Ganz oben befand sich ein vergilbter König, gefolgt von seinen sieben Söhnen und seiner einzigen Tochter. Nur war letztere kaum noch zu erkennen. Über die Jahre hatte man ihr Bildnis so sehr verflucht und beworfen, dass einzig ihre Umrisse zu erkennen waren.

Anders verhielt es sich mit Libers direkten Vorfahren. Seinem Vater. Dessen Mutter. Libers Tanten und Onkeln, Brüdern und Schwestern.

Sein Urgroßvater war Giove gewesen. Der Königssohn, der die Schiffsfahrt und die Meereskunde beherrschte. Er war das einzige Königskind gewesen, das den Ozean gefahrlos überqueren konnte. Alle anderen hatten bei ihren Überfahrten mit Angriffen der Meernixen zu rechnen. Und genau das, hatte ihm und seiner Tochter das Überleben gesichert.

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Märchenstunde: Miras zweites Leben II

Mira erwachte zu einem leisen Knacken. Müde rieb sie sich die Augen und starrte auf die Eier neben ihr. Es waren zwölf Stück. Alle mit kleinen braunen und schwarzen Flecken überhäuft. Alle so groß wie ihr Kopf und-

Dazwischen lagen riesige schwarze Federn.

Auf einen Schlag war sie wach und schaute sich nach dem großen Vogel um. Dieser hatte sie mit so einem komischen Flausch zugedeckt. Er war weich. Und warm. Deswegen hatte sie sich so geborgen gefühlt.

Geborgener als je zuvor.

„Wieder von Sinnen?“, fragte das große Wesen, das neben dem Nest auf dem Vorsprung kauerte.

Zögerlich nickte Mira. Sie versuchte, sich aus der Wärme zu befreien. Sie hatte nichts in diesem Nest zu suchen. Sie war kein Vögelchen …

Sie war nur ein verstoßener Mensch.

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Märchenstunde: Die drei Wünsche

Es war einmal ein Mann, der täglich über einen Bergkamm kletterte, um seine Waren in die Stadt zu befördern. Dafür musste er immer wieder dieselben Strapazen erleiden. Immerzu quälte er sich den mühsamen Weg hinauf. Und immerzu stieg er ihn auf der anderen Seite wieder herab. Das war die Aufgabe, die er von seinem Vater übernommen hatte – genauso wie dieser zuvor von seinem. Nur war er des Weges müde geworden. Schon lange konnte er die Wanderschaft nicht mehr frohen Herzens genießen und wünschte sich sehnlichst seinen Ruhestand herbei.

Nur besaß er weder Frau noch Kind.

So kam es, dass er sein Händlerlächeln überall aufsetzte. Wie sonst hätte er seine Waren verkaufen oder sich gar über den beschwerlichen Weg kämpfen sollen? Er wurde ja nicht jünger!

Viel eher wurde er so alt, dass er es eines Tages nicht mehr rechtzeitig ins Tal schaffte. Zum ersten Mal musste er in der Einsamkeit des Gebirges übernachten.

Da erklang eine schiefe Stimme.

„Ist dir das Klettern nicht überdrüssig geworden?“

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