Verzwickte Sprache

Die Welt mag fürs Kind
Ungewöhnlich sein.
Die Welt mag fürs Kind
Verdreht erschein‘n.

So soll es sich über Bienenstiche freuen?
Auf keinen Fall darüber heulen?
Warum muss das Geld zur Bank gehen?
Will man es im Park nie wiedersehen?
Und warum will man Fliegen am Kragen?
Sollte man über das Insekt nicht klagen?
Was soll das Eselsohr im Buch?
Ist ein Laster doch kein Fluch?

Sprache ist ein verzwicktes Spiel.
Sie führt nicht immer zum selben Ziel.

Fragen über Fragen.
Keiner kann es recht sagen.
Es ist zum Verzagen,
Zum Angsteinjagen –
Ist es der Knoten im Magen?

Die Krone gehört doch auf den Kopf!
Der Kamm fährt durch den Zopf.
Der Hering kommt nicht in den Boden!
Den Strauß sollte man doch loben?

Sprache ist ein verzwicktes Spiel.
Sie führt nicht immer zum selben Ziel.

Egal, wovon die Rede ist,
Ob von Kiefer, Tau oder Mist.
Ob nun umfahren heißt: Drum herum?
Oder hindurch mit Gebrumm?
Ob mit Komma oder ohne,
Interessiert Kinder nur die Bohne!

Für sie muss es einzig Sinn ergeben.
Für sie ist es ein Bestreben.
Ein wahres Beleben!

Denn Kinder stellen die Fragen,
Die wir längst vergessen haben,
Während wir das Alte pflegen,
Es stur zusammenkleben.

Dabei ist Sprache ein so schön verzwicktes Spiel
Und glänzt mit mehr als nur einem Ziel.

Aus aktuellem Anlass, da wir bereits vieles davon in der Sprachentwicklung unserer Zwillinge (3) beobachten konnten. Ihre Herangehensweise ist ein wahrer Genuss! Cx

Die Risse im Leuchtturm

Vor Jahren habe ich mich hier versteckt.
Ich habe durch ihn die Welt entdeckt.
Ich war so nicht verreckt …

Damals war es mir hier sicher erschienen.
Der Turm hat mich vom Sturm geschieden.
Er lehrte mir, wieder zu lieben …

Meine Finger gleiten über das Mauerwerk.
Steine mit endlosen Rissen – wohlgemerkt.
Alles steht kurz vor dem Verfall.
Nein.
Alles ist bereits am Zerfall!

Draußen toben die Wellen.
Sie peitschen gegen den Turm.
Sie knallen wie die Schellen.
Sie tanzen im Sturm.

Der Leuchtturm stöhnt.

Mein Arm fällt schlapp herab.
Ich fühle mich so platt.
Ich möchte das Mauerwerk retten!
Ich möchte die Risse glätten!
Ich möchte ihn ewig hier stehen sehen!
Er solle niemals vergehen!

Dabei weiß ich, dass nichts mehr zu machen ist …

Vergebliche Liebesmüh,
Vergeblicher Kummer,
Vergebliche Hoffnung
Macht nur alles schlimmer.

Und draußen toben die Wellen.
Sie peitschen gegen den Turm.
Sie knallen wie die Schellen.
Sie tanzen im Sturm.

Der Kahn ruft.

Mein Magen verkrampft sich.
Ich schüttle mich.
Die Tränen müssen weg.
Sie dienen keinem Zweck.
Sie würden nur Sorgen bereiten
Und mein falsches Lächeln vereiteln.

Mit zügigen Schritten geht es raus.
Alles gut, wir müssen fahren, sofort hinaus.
Etwas anderes darf ich nicht sagen.
Etwas anderes kann ich nicht wagen.

Nicht während mein Leuchtturm zerbricht.
Nicht während verschluckt wird, unser Licht.

Der Ringelingering

Der Ringelingering
Ist ein runder Ring,
Ein gar verrücktes Ding!

Er saß einst auf einem Gipfel,
Auf des Berges Zipfel, 
Was für ein Gewitzel!

Denn das fand er öde,
Das fand er trist,
Da es immer dasselbe ist.

Also dachte sich der Ringelingering,
Dieser viel zu runde Ring:
„Ich mach‘ nun ein verrücktes Ding!“

So rollte er hinab.
Hinab, hinab!
Im satten Trab!

Er rollte hinab ins Tal,
Das sah gut aus – allemal! 
Das war eine gar lustige Wahl.

Denn er sauste so schnell,
Er sauste so viel!
Was für ein himmlisches Spiel!

Er rollte hinab.
Hinab, hinab!
Im satten Trab!

Bis er stoppte im Tal.

Denn im Tal verendete
Das steile Gelände.
Das Tal war eben.
Ohne rollendes Streben.

Missmutig blickte der Ringelingering,
Dieses traurige Ding, 
Zurück.
Ach, wie vermisste er dieses Glück!
Dieses berauschende Rennen …
Er wollte sich nicht vom Spaß trennen!

Also kletterte der Ringelingeling,
Dieses mutige, kleine Ding,
Wieder hinauf.

Hinauf, Hinauf zum Gipfel.
Zu diesem hohen Zipfel.
Zu seinem einstigen Gewitzel!

Um erneut hinab zu rollen
Und ewig umher zu tollen!

Das heutige Gedicht ist eigentlich eine spontane Gute-Nacht-Geschichte für meine Kinder gewesen. Jedoch wollte ich Euch die Albernheit nicht vorenthalten C;

Medra

Alte Fotos

Alte Fotos sind schon sonderbar:
Vergilbt, zerkratzt – alles andere als klar.

Die Gesichter darauf wirken starr:
Eingefallen, blass – beinahe bizarr.

Nur die Augen blicken klar.
Nur diese Augen … tja …

Ob sie ihre Tode erahnten?
Ob sie Schicksalsschläge erwarteten?
Ob sie Hoffnungen hegten?
Ob sie diese wieder verlegten?

Auf diesen Bildern sieht man es nicht.
Die Toten lächeln zu schlicht.
Sie sind noch jung und klein,
Stehen vor der Hecke so fein.

Heute sind sie alle tot.
Das Mädchen da vorn? Tot.
Die Frau daneben? Tot.
Der Knabe am Rande? Tot.
Die drei dahinter? Tot. Tot. Tot!

Mit jedem Grab starb ein Zusammenhalt.
Mit jedem Marmor gewann ein Vorbehalt.

Entfremdung und Verleugnung,
Einsamkeit und Enteignung.
Als die Familie zerbrach …

Die Augen auf den Fotos wirken so traurig.
Die Augen auf den Fotos gucken so schaurig.

Beinahe … als wären sie wach?

Ach! Wem mache ich etwas vor?
Dass ich mich hier drin verlor …
Was für ein dummer Humor!

Ich gehe zu hart ins Gericht,
Gebe diesen Fotos zu viel Gewicht,
Ja, ich bin gar viel zu erpicht!

Meine Fotos kennen meine Zukunft ja auch nicht!
Oder …
Irre ich?

Der Blick zurück

Der Wind zupft an meinem Haar
Und erinnert mich ans vergangene Jahr.
An alles, was ich wollt‘ vergessen.
An alles, was mich wollt‘ stressen.

Der Wind will, dass ich mich umdreh‘.
Der Wind will, dass ich ihn versteh‘.
Der Wind will, dass ich zurückgeh‘.

Der Wind weht in die falsche Richtung.

Müde starre ich zum Horizont.
Ob die Sonne nun bald kommt?
Ob sie diesmal heller strahlt?
Ob sie mit mehr Farbe malt?

Und wieder zerrt der Wind an mir …

Nein! Ich darf mich nicht beugen!
Ich darf die Zukunft nicht verleugnen!
Ich muss nach vorn seh’n.
Ich muss weitergeh’n!

Dennoch schauen meine Augen zurück.
Kurz nur. Für einen winzigen Augenblick.
Sie sehen ein Lächeln, sie sehen Tränen.
Sie erkennen all diese Schemen.

Nostalgie schleicht sich stumm in mein Herz.
Sie zieht mich seitwärts, vorwärts, rückwärts.
Orientierungslos wanke ich hier.
Dennoch ist nun Wärme in mir.

Der Wind hat sich gelegt.

Gutes wie Schlechtes.
Schlechtes wie Gutes.

Jeder befindet sich irgendwo dazwischen.

Lachend begrüße ich die neue Sonne.
Diese zärtliche Wonne.
Dieses neue Jahr.

Das Neue wird genauso sonderbar.