Einen ganzen Tag irrte Scute durch den Dschungel, ohne wirklich voran zu kommen. Den Worten der Wahrsagerin folgend hatte er sich auf alles konzentriert, was ihm nicht als groß erschien. Doch war das wenig erfolgversprechend. Es gab viel zu viele Blumen und Insekten, die das Heilmittel für seine Großmutter in sich tragen konnten! Wie konnte die Wahrsagerin also sicher sein, dass er es finden könnte?
Nachdenklich hangelte er sich einen anderen Baum entlang. Es war die sicherste Art der Fortbewegung. Zwar schmerzten ihm die Arme davon, aber das hieß nur, dass sie noch nicht Futter für eines der Tiere geworden waren. Auch hatte er es nicht gewagt, nachts die Augen zu schließen, weswegen die Müdigkeit ihn sachte umwob.
Scute tastete das ausgetrocknete Flussbett mit einem langen Stock ab. Er musste seinen ganzen Weg über hineinstochern. Nur um herauszufinden, wo die Erde noch matschig war. Wo sich die Schlammpfützen versteckten. Und wo er seine Füße sicher absetzen konnte. Erst als er auf der anderen Seite des Flusses ankam, konnte er damit aufhören.
Nachdenklich schaute er zurück. In zwei Tagen würde hier wieder der reißende Fluss hindurch peitschen. Davor musste er das Heilmittel für seine Großmutter finden. Das hatte die Wahrsagerin prophezeit.
Es war das erste Mal, dass Maggie sie so plötzlich überwältigte. Und wahrscheinlich würde es auch das letzte Mal sein.
Valerie konnte kaum mit ansehen, wie sich ihr Körper verkrampfte. Das Wasser zog sie nach unten. Die Strömung schob sie in die Finsternis. Der Shanai, dieser Heilwasserfluss – er zerrte sie in den Abgrund!
Panisch schlug ihr anderes Ich um sich. Sie war außer sich. Erschrocken. Ängstlich. Zu keinem klaren Gedanken fähig. Am liebsten wollte Valerie die Seele in den Arm nehmen, ihr gut zureden. Doch wurde sie immer müder. Die Winde fehlten ihr. Die Luft-
HI- HILFE!, war das einzig Vernünftige, das Maggie durch ihre Gedanken schreien konnte.
Valerie Maggie lief ruhig und bedacht durch die dunklen Flure zu ihrer Spielgefährtin. Nichts anderes würde man von ihr erwarten. Das hatte ihre Lehrerin oft genug betont. Sie müsse sich stets ehrenhaft präsentieren. Auch wenn sie keine Lust darauf hätte.
Wenigstens diesmal blieb ihr jedoch der Druck dabei erspart. Da sie noch im Kindesalter war, besaß sie keine eigenen Auxilius, die auf sie aufpassten. Und von den beiden Leibwächtern ihrer Mutter war einer unterwegs. Der andere musste bei ihren Eltern bleiben, während sich diese stritten. Und ihr Bruder? Der saß gerade in seinem eigenen Unterricht und könnte sie nicht verpetzen!
Es war ihre erste Chance seitdem sie hier wohnten!
Vielleicht sollten wir es dennoch sein lassen? Mama sah so unglücklich aus, bemerkte Maggie zögerlich.
Das kann nicht dein Ernst sein! Du wolltest dir doch den Fluss ansehen! Wir sind vor Monaten hergezogen und durften nicht ein einziges Mal hoch. Das ist viel zu bescheuert!
Julian Nicolas reiste nur tagsüber. Er musste sich nach der Sonne richten. Andernfalls könnte seine Begleitung ungewollte Aufmerksamkeit erregen. Denn jede Regenwolke barg die Gefahr, dass man den brennenden Vogel am Himmel entdeckte.
Und das, durfte er nie riskieren.
„Ich lasse Sie an der nächsten Tanke raus, eh?“, unterbrach der Lasterfahrer seine Gedanken.
Julian nickte.
Trotz seines Ranges unter den Macian, zog er die unkonventionellen Transportmittel der Nichtmagischen vor. Per Anhalter oder mit einem Zug durchs Land zu fahren, mochte von seinen Mitstreitenden als ekelhaft oder gar beleidigend aufgefasst werden. Doch er genoss jeden Augenblick. Es erinnerte Julian an seine zweite Familie.
An ihr bedingungsloses Lächeln.
„Hinter dem nächsten Schlagloch wäre perfekt“, entgegnete er und legte ein paar Scheine auf das Armaturenbrett, „Für Ihre Umstände.“
Misstrauisch nickte der Mann, allerdings widersprach er nicht. Er war nicht sonderlich gesprächig. Die Verabschiedung bestand aus einem kurzen Handwedeln. Dann fuhr der LKW weiter die Landstraße runter.
Noch zwei Autos hinter uns. Dann ist die Luft rein, murmelte Nicolas sogleich.
Gelassen warf Julian seinen Seemannssack über die Schulter. Es war ein abgenutztes Ding aus dritter oder vierter Hand. Er hatte es sich mal besorgt, um unter den nichtmagischen Leuten weniger aufzufallen. Damals. Als er an der Küste stationiert war.
Nur war er hier meilenweit von der nächsten Küste entfernt.
Nachdenklich wanderte er die Straße entlang. Er wartete, bis die Fahrzeuge verschwunden waren. Erst dann bog er auf den Acker ein. Er kannte jeden Winkel des Feldes. Es hatte seiner verstorbenen Mutter gehört. Hier war sie groß geworden. Hierher war sie mit ihm gereist, wenn sein Vater die Kontrolle verlor und alles um sich herum zu Kleinholz verarbeitete. Hier war er auf die Welt gekommen. Hier hatte er sich versteckt, als sie gestorben war.