Das ist so langweilig, murrte Steffen, als sie von ihrem Vater, dem Lyx, zu den Familienstammbäumen anderer Macian belehrt wurden, Ich mag das nicht. Zu viele Leute, die alle irgendwie irgendwas untereinander am Laufen hatten …
Nun, es ist gänzlich egal, ob wir es mögen. Wir brauchen es. Für Vali, entgegnete Tristen.
Damit gab sich seine andere Seele mürrisch den Erklärungen ihres Vaters hin. Sie sollten sich alles merken. Dabei interessierte es ihren Vater nicht, ob TriSte die Leute bereits kannte oder die Lektionen schon bei seiner Mutter hatte.
Denn was die Floris ihm beigebracht hatte, war dem Lyx stets ein Dorn im Auge.
Tristen Steffen gab sich zwar aufmerksam und interessiert – dennoch nervten ihn die Erklärungen seiner Lehrerin. Klar. Er wusste, dass er alles über die Generäle wissen musste. Es war seine Pflicht. Wie sonst sollte er sie hinterfragen können, wenn seine Mutter oder Schwester verhindert waren?
Aber genau das war der Punkt: Wenn die weiblichen Floras verhindert waren. Die Generäle würden ihn ignorieren können, sobald auch nur seine Schwester zugegen war. Ihr Wort war wichtiger als das seinige. Sie war diejenige, der er den Rücken freihalten musste. Er würde neben ihr stets verblassen.
Wieso sollte er also jedes Detail der Generäle im Schlaf aufzählen können?
Wenigstens scheint Vali mit dem Unterricht für heute durch zu sein, murmelte Steffen gähnend.
Schleichst du dich schon wieder in ihre Gedanken? Das mag sie doch nicht!, belehrte er seine andere Seele.
Julian Nicolas reiste nur tagsüber. Er musste sich nach der Sonne richten. Andernfalls könnte seine Begleitung ungewollte Aufmerksamkeit erregen. Denn jede Regenwolke barg die Gefahr, dass man den brennenden Vogel am Himmel entdeckte.
Und das, durfte er nie riskieren.
„Ich lasse Sie an der nächsten Tanke raus, eh?“, unterbrach der Lasterfahrer seine Gedanken.
Julian nickte.
Trotz seines Ranges unter den Macian, zog er die unkonventionellen Transportmittel der Nichtmagischen vor. Per Anhalter oder mit einem Zug durchs Land zu fahren, mochte von seinen Mitstreitenden als ekelhaft oder gar beleidigend aufgefasst werden. Doch er genoss jeden Augenblick. Es erinnerte Julian an seine zweite Familie.
An ihr bedingungsloses Lächeln.
„Hinter dem nächsten Schlagloch wäre perfekt“, entgegnete er und legte ein paar Scheine auf das Armaturenbrett, „Für Ihre Umstände.“
Misstrauisch nickte der Mann, allerdings widersprach er nicht. Er war nicht sonderlich gesprächig. Die Verabschiedung bestand aus einem kurzen Handwedeln. Dann fuhr der LKW weiter die Landstraße runter.
Noch zwei Autos hinter uns. Dann ist die Luft rein, murmelte Nicolas sogleich.
Gelassen warf Julian seinen Seemannssack über die Schulter. Es war ein abgenutztes Ding aus dritter oder vierter Hand. Er hatte es sich mal besorgt, um unter den nichtmagischen Leuten weniger aufzufallen. Damals. Als er an der Küste stationiert war.
Nur war er hier meilenweit von der nächsten Küste entfernt.
Nachdenklich wanderte er die Straße entlang. Er wartete, bis die Fahrzeuge verschwunden waren. Erst dann bog er auf den Acker ein. Er kannte jeden Winkel des Feldes. Es hatte seiner verstorbenen Mutter gehört. Hier war sie groß geworden. Hierher war sie mit ihm gereist, wenn sein Vater die Kontrolle verlor und alles um sich herum zu Kleinholz verarbeitete. Hier war er auf die Welt gekommen. Hier hatte er sich versteckt, als sie gestorben war.