Gedankenverloren beobachtete sie ihren Lehrer. Es ging um Mathematik. Funktionen und Schnittpunkte. Themen, die nur bedingt ihre Aufmerksamkeit halten konnten. Dennoch schrieb sie artig das Tafelbild ab und tat so, als würde sie sich auf ihre Aufgaben konzentrieren.
„-ne? Liane?“
„Ja?“, sie unterdrückte den Drang ihn zu korrigieren und sich Lilith zu nennen.
„Kannst du deine Lösung für 3b mit uns teilen?“, fragte der Lehrer genervt.
„Er wirkt total ausgewechselt“, flüsterte Shiloh ihr zu, sobald sie allein waren.
Liane schaute dennoch zur Küche herüber. Dorthin, wo ihr Vater verschwunden war. Um etwas Obst aufzuschneiden, ehe er losmüsse. Nur um sicher zu gehen.
„Das geht nun schon zwei Wochen so“, erklärte sie ihrer Freundin, während sie sich hinter einem Schulbuch versteckte, „Seit dem Sturm.“
„Du meinst, seit du bei Oli warst? Oder seit der Sache mit Betty?“, erkundigte sich ihre Freundin wieder.
Es dauerte knapp zwei Stunden, bis die ganze Schule über Betty informiert war. Zuvor hatte es nur ein paar Gerüchte gegeben. Kurze Geschichten, die auf den Fluren die Runde machten und mit jeder Wiederholung etwas aufgeplustert wurden. Aber als Bettys Vater sie aus dem Sekretariat abholte, konnte sich niemand mehr zu den Unwissenden zählen.
„DAS SIND REINE UNTERSTELLUNGEN!“, schrie dieser aus.
Unruhig schaute Liane zur Tür. Ihr jetziger Unterrichtsraum lag zwei Etagen und eine Flurlänge vom Sekretariat entfernt und dennoch konnte sie den Mann schon seit einer Viertelstunde glasklar hören.
„Wie konntest du diese Sauerei nicht mitbekommen?“, schimpfte Shiloh, während sie Lianes Hand begutachtete.
Die erste Stunde war nur schleppend vorbeigezogen. Immer wieder war Getuschel ausgebrochen. Niemand konnte sich auf Mr. Michels konzentrieren. Ab und zu hatte man ihren Namen geflüstert. Dann Bettys.
Es war so albern.
Erschrocken zuckte Liane zusammen, als Shiloh ein paar Papierhandtücher auf ihre Wunde drückte: „Hörst du mir überhaupt zu?“
„Ja“, so halb, „Aber es sieht schlimmer aus, als es ist“, beharrte sie.
Murrend schüttelte ihre Freundin den Kopf.
Sie hatte die Wunde erst zum Klingelzeichen bemerkt. Eigentlich hatte sie Liane ins Sekretariat bringen wollen. Aber dann hätten sie auch Betty getroffen … Also war es aufs Mädchenklo gegangen.
„Woran hast du dich überhaupt so doll geschnitten? Hast du irgendwo ein Taschenmesser versteckt?“, schimpfte Shiloh.
Still schaute Liane auf den Boden. Ihre Freundin wusste von den Bildern. Von ihren seltsamen Gedanken. Aber der Talisman? Dieser greifbare Brief, der keine Einbildung, keine Erinnerung war? Konnte sie diesen mit ihr teilen?