B: Zerrende Angst

„Du bist ja so spät dran“, brummte ihr Vater viel zu leise.

Liane hielt kurz inne, um aufzusehen. Erst dann schlüpfte sie aus ihrem zweiten Schuh und stellte das Paar neben die Treppe. Sie mochte es nicht, wenn er so ungeduldig klang. Es verunsicherte sie. Zumal sie ihre verwundete Hand in der Hosentasche verbergen musste!

„Wir waren noch bei Oli … War ein langer Tag“, murmelte sie, „Viel passiert.“

Sie wollte nicht Bettys dummen Streich ansprechen. Nicht Tinas Verhalten. Nicht das Geschrei von Bettys Vater. Nicht die Sorgen ihrer Freunde … Aber würde ihr Vater das zulassen? Er stand viel zu ungehalten im Flur. Als hätte er seit Stunden auf ihre Ankunft gewartet!

„Dann hättest du mir ruhig mal schreiben können, was los war“, erklärte er, „Weißt du eigentlich, wie viele Sorgen ich mir mache, wenn du nicht da bist, wenn ich nach Hause komme?! Du weißt doch, dass du dich nicht rumtreiben sollst!“

Liane stockte. Ihr schlechtes Gewissen meldete sich. Ja. Bestimmt war das Warten eine reine Tortur für ihren Vater gewesen … Sie hätte-

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Märchenstunde: Die Nachfolgesuche I

Domini war einer von insgesamt vierundzwanzig Geschwistern, die sein Vater mit neun verschiedenen Frauen gezeugt hatte. Das war in ihrer Familie so üblich. Ihre Mütter hatten es stets beteuert. Nur so wären genug Kandidaten vorhanden, um den besten Erben für den Berg zu finden. Es durfte immerhin kein Kranker an die Macht kommen. Kein Dummer. Kein Unfähiger.

Am Ende durfte nur einer von ihnen überleben.

Aus diesem Grund pflegten Domini und seine Geschwister keinen Kontakt miteinander. Von den meisten kannte er nicht einmal die Namen. Nur die Gesichter. Man sah sich tagtäglich: Beim Reden mit dem Berg, im Unterricht, während der Mahlzeiten … Ihr Vater selbst hielt sich eher bedeckt. Der fette Mann hatte nur Augen für die Schatzkammer und seine Begierden. Meist fand man ihn bei einer seiner Frauen oder inmitten seines Reichtums. Es war ein einziges Wunder, dass Domini nicht noch mehr Geschwister hatte – so oft, wie sich der arrogante Kerl seinen Gelüsten hingab …

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Der Ringelingering

Der Ringelingering
Ist ein runder Ring,
Ein gar verrücktes Ding!

Er saß einst auf einem Gipfel,
Auf des Berges Zipfel, 
Was für ein Gewitzel!

Denn das fand er öde,
Das fand er trist,
Da es immer dasselbe ist.

Also dachte sich der Ringelingering,
Dieser viel zu runde Ring:
„Ich mach‘ nun ein verrücktes Ding!“

So rollte er hinab.
Hinab, hinab!
Im satten Trab!

Er rollte hinab ins Tal,
Das sah gut aus – allemal! 
Das war eine gar lustige Wahl.

Denn er sauste so schnell,
Er sauste so viel!
Was für ein himmlisches Spiel!

Er rollte hinab.
Hinab, hinab!
Im satten Trab!

Bis er stoppte im Tal.

Denn im Tal verendete
Das steile Gelände.
Das Tal war eben.
Ohne rollendes Streben.

Missmutig blickte der Ringelingering,
Dieses traurige Ding, 
Zurück.
Ach, wie vermisste er dieses Glück!
Dieses berauschende Rennen …
Er wollte sich nicht vom Spaß trennen!

Also kletterte der Ringelingeling,
Dieses mutige, kleine Ding,
Wieder hinauf.

Hinauf, Hinauf zum Gipfel.
Zu diesem hohen Zipfel.
Zu seinem einstigen Gewitzel!

Um erneut hinab zu rollen
Und ewig umher zu tollen!

Das heutige Gedicht ist eigentlich eine spontane Gute-Nacht-Geschichte für meine Kinder gewesen. Jedoch wollte ich Euch die Albernheit nicht vorenthalten C;

Medra

B: Traumplagen II

Die gesichtslosen Leute umkreisten Liane tuschelnd. Es war ein leises Tuscheln. Vereinzelt konnte sie ein paar Silben ausmachen, aber die meisten dröhnten sich gegenseitig aus. Jemand schnaubte abfällig. Dann war da wieder der eine Satz, der sich stets am Rauschen vorbeischob. Der eine Satz mit dem alles anfing. Der eine Satz, der ihre Alpträume bestimmte:

„Der Teufel hat sie geschickt – soll sie doch zu ihm zurückkehren!“

Erschrocken drehte Liane sich um. Doch die grauen Gestalten blickten nur unbeteiligt durch den Nebel zurück. Keine von ihnen schien gar Notiz von dem Mädchen mit den zwei Flechtzöpfen zu nehmen.

Sie kam sich so klein und unbedeutend vor …

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