B: Ehrliche Worte

Liane brauchte zwei Anläufe, ehe sie klingeln konnte. Es fühlte sich zu falsch an. Als würde sie ihren Vater verraten! Noch konnte sie umdrehen und zurück nach Hause eilen. Er würde später sicherlich schimpfen. Aber er würde es verstehen. Sie könnten sich aussprechen. Wenn er wieder da war. Wenn es sich beruhigt hatte?

Inmitten ihrer Überlegungen fiel ihr auf, dass sie genau das doch tat! Sie ging zu Oliver, damit er sich beruhigen konnte und sie sich anschließend entspannter unterhalten würden. Ob nun für ein paar Stunden oder eine ganze Nacht sollte eigentlich irrelevant sein. Sie war ja kein kleines Kind mehr!

Erst als Liane zu dieser Erkenntnis kam, verflogen ihre Sorgen. Kurz darauf öffnete Olivers Mutter die Tür. Sie lächelte herzlich. Herzlich aber angespannt.

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B: Das Gewissen ansprechen

Chem Wak schimpfte fast eine halbe Stunde ins Telefon. Er hatte angerufen, nachdem sie im Büro angekommen waren. Nachdem ihm unterwegs schon die Vision heimgesucht hatte. Er hatte gespürt, wie sie sich aufgebaut – wie sie gewachsen und seine letzte beiseite gedrängelt hatte. Ihm war beinahe schwindelig geworden, so sehr verschoben die fernen Erlebnisse die Welt um ihn herum.

Das Haus der Rivers war leer gewesen. Lilith fort. Ihre Entschuldigung von einem Vater weg. Flyer waren durch die Straßen geflogen. Darauf die Gesichter der beiden. Nach mehreren Tagen hatte man herausgefunden, dass der Helikoptervater eine Campingausrüstung beim Verlassen der Stadt gekauft hatte. Dass er seine Tochter bei sich gehabt hatte.

Kurz darauf setzten massive Regenschauer ein. Erdrutschwarnungen folgten. Tote wurden unter den Steinlawinen geborgen. Tote, die den Vermissten ähnelten.

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B: Zerrende Angst

„Du bist ja so spät dran“, brummte ihr Vater viel zu leise.

Liane hielt kurz inne, um aufzusehen. Erst dann schlüpfte sie aus ihrem zweiten Schuh und stellte das Paar neben die Treppe. Sie mochte es nicht, wenn er so ungeduldig klang. Es verunsicherte sie. Zumal sie ihre verwundete Hand in der Hosentasche verbergen musste!

„Wir waren noch bei Oli … War ein langer Tag“, murmelte sie, „Viel passiert.“

Sie wollte nicht Bettys dummen Streich ansprechen. Nicht Tinas Verhalten. Nicht das Geschrei von Bettys Vater. Nicht die Sorgen ihrer Freunde … Aber würde ihr Vater das zulassen? Er stand viel zu ungehalten im Flur. Als hätte er seit Stunden auf ihre Ankunft gewartet!

„Dann hättest du mir ruhig mal schreiben können, was los war“, erklärte er, „Weißt du eigentlich, wie viele Sorgen ich mir mache, wenn du nicht da bist, wenn ich nach Hause komme?! Du weißt doch, dass du dich nicht rumtreiben sollst!“

Liane stockte. Ihr schlechtes Gewissen meldete sich. Ja. Bestimmt war das Warten eine reine Tortur für ihren Vater gewesen … Sie hätte-

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B: Suche: Bezugsperson. Biete: Familie?

Chem Wak wartete, bis Mr. Brume ihn mehrere Straßen weiter gefahren hatte, ehe er das Wort an ihn richtete. Er gab sich dabei desinteressiert. Abwesend. Vollkommen auf die Papiere in seinen Händen fokussiert.

Dennoch hing er seinem Fahrer an den Lippen.

„Irgendetwas Neues?“

Stille legte sich über das Fahrzeug. Draußen raste ein Taxi an vorbei. Dann lenkte sein Chauffeur den Wagen in eine Seitenstraße und parkte. Sie hatten noch genügend Zeit, ehe der nächste Termin anstand.  

„Sie sah kleiner aus“, murmelte Mr. Brume, „Erschöpft. Als hätte sie mit sich zu kämpfen … Ich glaube-“, er schluckte, „Mr. Belial, Ihre Schwester braucht mehr Unterstützung. Das Mädchen ist mit den Nerven am Ende. Ich weiß nicht, was in der Schule vorgefallen ist, aber es ist offensichtlich, dass es ihr zu viel wird. Dass ihr alles zu viel wird. Sie ist ein Teenager. Mit einem überfürsorglichen Vater, den Ihr durch die vielen Extraaufgaben auslaugt. Sie hat keine gesunde Bezugsperson, also, ich meine kein richtiges Elternteil oder … Sie …“

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B: Die Freundschaft und das Bauchgefühl

Das Tuscheln ihrer Mitschüler verfolgte Liane den ganzen Tag über. Selbst als sie bereits auf dem Heimweg waren, hörte sie ihren oder Bettys Namen noch aus den Gesprächen am Schultor heraus.

„Das die auch keine Ruhe geben“, schimpfte Shiloh vor sich hin.

Liane nickte nur. Sie wollte nichts sagen. An ihrer alten Schule waren die Gerüchte stets gegen sie gekippt. Man hatte über sie gelästert. Sie ausgegrenzt. Sie-

„Hey. Das wird schon, ja?“, Oliver drückte ihre Hand.

Für einen Augenblick fühlte sie sich besser und sie erwiderte die Geste.

Dann kehrte der Missmut zurück.

Wie viel waren ihre Freundschaften schon wert? Bestimmt waren Shiloh und Oliver innerlich schon ganz genervt von ihr. Was, wenn sie ihren Freunden zu sehr zur Last fiele? Wenn sie ihnen irgendwann egal wäre? Bestimmt wollten sie auch mal eine Pause von ihr!

Sie wollte gerade sagen, dass sie auch allein nach Hause gehen könnte, als Shiloh abrupt stehen blieb.

„Vielleicht solltest du lieber noch nicht heim. Ich meine, wir wissen beide wie dein Vater drauf war, als du nur etwas durch den Wind warst. Wenn der Helikopter dich so sieht, rattern die Rotorblätter gleich die ganze Stadt nieder“, ihre Freundin schnitt eine Grimasse.

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