Scute tastete das ausgetrocknete Flussbett mit einem langen Stock ab. Er musste seinen ganzen Weg über hineinstochern. Nur um herauszufinden, wo die Erde noch matschig war. Wo sich die Schlammpfützen versteckten. Und wo er seine Füße sicher absetzen konnte. Erst als er auf der anderen Seite des Flusses ankam, konnte er damit aufhören.
Nachdenklich schaute er zurück. In zwei Tagen würde hier wieder der reißende Fluss hindurch peitschen. Davor musste er das Heilmittel für seine Großmutter finden. Das hatte die Wahrsagerin prophezeit.
TJ zog den Mantel enger um sich. Es war eigentlich nicht so kalt, dass er ihn bräuchte. Nicht zum Aufwärmen. Doch konnte er sich nur mit diesem ungesehen durch Kumohoshi schleichen. Denn der eingewebte Bannkreis gab ihm das Erscheinungsbild eines älteren Mannes. Das ersparte ihm die neugierigen Blicke, die er die letzten zwei Tagen bereits ertragen musste. Das ersparte ihm die Wachen, die ihm sonst seither folgten. Und es ersparte ihm die Fragen der anderen Hushen:
Wie war der Otou-san gestorben? Hatte sein Onkel schon entschieden, ob er die nächsten Jahre das Amt übernehmen würde? Die Rolle selbst durfte der Mann nur ausfüllen, wenn TJ sie verschmähte. Wenn TJ ein einfacheres Leben oder den Tod vorzog. Wäre das sein Plan? Wie würde er sich in die Machtverschiebungen eingliedern? Es wären immerhin viele hochrangige Hushen an einem Tag verstorben.
TJ wusste es nicht. Zu viel war geschehen. Er wusste noch, wie er sich von seinem Vater und besten Freund vor dem Angriff verabschiedet hatte. Wie sein Vater meinte, dass das Rechte nicht immer das Richtige war. Die beiden waren in den Stützpunkt eingedrungen, während TJ selbst die Umgebung mit überwachen sollte. So hatte er auch diese verwirrte Macian gefunden …
Zum Frühstück gibt es Brötchen. Mittags etwas Warmes. Um vier Kaffee und Kuchen. Abends etwas Kaltes.
Das war schon immer so!
Gearbeitet wird behände. Von Montag bis Freitag. Bloß nicht am Wochenende. Bloß nicht am Feiertag.
Das war schon immer so!
Den Vater lobt man auf jedem Schritt. Die Mutter bekommt dafür den Tritt. Die Großeltern machen alles gut. Die Kids sind die unwissende Brut.
Das war schon immer so!
Kinder dürfen keine Entscheidungen fällen. Jugendlichen wird jede Wahl abgesprochen. Erwachsene würden alles richtig erhellen. Die senilen Alten sind eh zerbrochen.
Das war schon immer so!
Jedes Muster gehört aufgebrochen. Jedes Vorurteil fortgeworfen. Nichts davon ist versprochen. Ein jedes wurde falsch entworfen.
Können wir es anders machen?
Manches mag uns klein erscheinen. Als unwichtig mag man es beschreiben. Dabei lässt jeder Stereotyp Personen leiden. Niemand ist hierbei zu beneiden.
Können wir es anders machen?
Warum sollte Kaffee nicht um drei gehen? Warum sollte die Arbeit samstags stehen? Warum sollten wir Eltern getrennt betrachten? Warum sollten wir des Kindes Worte missachten?
Können wir es anders machen?
Nicht jeder Apfel ist rund und rollt. Nicht jeder Dank ist auch erfolgt. Nicht jedes Lächeln ist gewollt. Nicht jedes Wort ist Gold …
„Er wirkt total ausgewechselt“, flüsterte Shiloh ihr zu, sobald sie allein waren.
Liane schaute dennoch zur Küche herüber. Dorthin, wo ihr Vater verschwunden war. Um etwas Obst aufzuschneiden, ehe er losmüsse. Nur um sicher zu gehen.
„Das geht nun schon zwei Wochen so“, erklärte sie ihrer Freundin, während sie sich hinter einem Schulbuch versteckte, „Seit dem Sturm.“
„Du meinst, seit du bei Oli warst? Oder seit der Sache mit Betty?“, erkundigte sich ihre Freundin wieder.
Ich umkreiste Timmy und diese Madam besorgt. Es beunruhigte mich, wie gelassen Janes Enkel bei der Flucht blieb. Auch die unschlüssigen Blicke des Mädchens waren alles andere als hilfreich. Ob sie Angst vor Timmy hatte? Immerhin konnte sie mich ja nicht sehen. Sie wusste nicht, wie ich Ausschau hielt, Timmy die Positionen der anderen Leute zuflüsterte und so seine Schritte lenkte.
„Stopp“, warnte ich, während ich um die nächste Ecke sah, „Die Alte ist nebenan. Einen Moment.“
Damit glitt ich zu ihr herüber und konzentrierte mich auf den mickrigen Docht in ihrer Lampe. Ich musste mich nur kurz konzentrieren. Mich an meine Wut erinnern – und schon loderte die Flamme daran grell auf.
Schreiend ließ die Frau das Licht fallen und eilte in Richtung Küche. Sie schimpfte von Hexerei. Vom Teufel.