Märchenstunde: Die Nachfolgesuche I

Domini war einer von insgesamt vierundzwanzig Geschwistern, die sein Vater mit neun verschiedenen Frauen gezeugt hatte. Das war in ihrer Familie so üblich. Ihre Mütter hatten es stets beteuert. Nur so wären genug Kandidaten vorhanden, um den besten Erben für den Berg zu finden. Es durfte immerhin kein Kranker an die Macht kommen. Kein Dummer. Kein Unfähiger.

Am Ende durfte nur einer von ihnen überleben.

Aus diesem Grund pflegten Domini und seine Geschwister keinen Kontakt miteinander. Von den meisten kannte er nicht einmal die Namen. Nur die Gesichter. Man sah sich tagtäglich: Beim Reden mit dem Berg, im Unterricht, während der Mahlzeiten … Ihr Vater selbst hielt sich eher bedeckt. Der fette Mann hatte nur Augen für die Schatzkammer und seine Begierden. Meist fand man ihn bei einer seiner Frauen oder inmitten seines Reichtums. Es war ein einziges Wunder, dass Domini nicht noch mehr Geschwister hatte – so oft, wie sich der arrogante Kerl seinen Gelüsten hingab …

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Märchenstunde: Des Seefahrers Kinder II

Die erste Hälfte der Strecke erwies sich als so ereignislos, dass Liber sich vollkommen entspannte. Er blickte kaum noch zur Insel herüber, um nach den Boten seines Vaters Ausschau zu halten – Helmträger, die Fackeln entzündeten, sobald sie seine Segel ausmachten.

Sie würden Alarm schlagen, wenn er kenterte.

Mit frischem Mut gewappnet bedachte er das Gewässer vor sich. Er näherte sich dem Riff. Hier musste er eine Entscheidung fällen: Sollte er geradeaus weiter und das Risiko eingehen, sein Boot zu beschädigen? Oder sollte er lieber hinaus aufs Meer fahren und den längeren, aber sicheren Weg in Kauf nehmen? Eigentlich hatte er sich daheim für letzteren entschieden. Aber da alles so gut lief und sein Boot eh keinen großen Tiefgang hatte … Gewiss könnte er sich die Umfahrung sparen, oder?

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Märchenstunde: Des Seefahrers Kinder I

„Deswegen darfst du nie der Stimme des Meeres folgen!“, warnte sein Vater und schlug gegen ihren illustrierten Stammbaum.

Liber betrachtete die kunstvollen Porträts darauf. Ganz oben befand sich ein vergilbter König, gefolgt von seinen sieben Söhnen und seiner einzigen Tochter. Nur war letztere kaum noch zu erkennen. Über die Jahre hatte man ihr Bildnis so sehr verflucht und beworfen, dass einzig ihre Umrisse zu erkennen waren.

Anders verhielt es sich mit Libers direkten Vorfahren. Seinem Vater. Dessen Mutter. Libers Tanten und Onkeln, Brüdern und Schwestern.

Sein Urgroßvater war Giove gewesen. Der Königssohn, der die Schiffsfahrt und die Meereskunde beherrschte. Er war das einzige Königskind gewesen, das den Ozean gefahrlos überqueren konnte. Alle anderen hatten bei ihren Überfahrten mit Angriffen der Meernixen zu rechnen. Und genau das, hatte ihm und seiner Tochter das Überleben gesichert.

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Märchenstunde: Das Spiel der Flöte II

Bacchus lauschte die ganze Nacht lang der Musik. Sie befreite ihn von seinen Sorgen. Er ließ sich von ihr wiegen und umweben und als die Sonne aufging, lächelte er das ungewöhnliche Wesen dankbar an.

Es war haarig. Seine Beine ähnelten denen eines Lastentiers und die abgerundeten Hörner auf seinem Kopf hatten etwas Bedrohliches. Es trug keine Kleidung – die brauchte es auch bei dem ganzen Pelz nicht. Jedoch hingen zwei lose Gürtel über seiner Brust gekreuzt, an denen kleine Beutel und Flaschen baumelten.

„Fürchtest du dich nicht?“, unterbrach das Geschöpf sein Lied, als es den Blick bemerkte.

Obwohl Bacchus sich unwohl fühlte, schüttelte er den Kopf. Eigentlich war ihm alles Fremde verboten worden. Den ländlichen Bauern gefielen neue Ideen nicht. Deswegen hielten sie sich von den Wäldern fern. Es gab immer nur dieselben Flüsse, von denen man Wasser holte. Es gab immer nur dieselben Felder, die bearbeitet wurden. Und es gab immer nur dieselben Routen, denen die umherwandernden Bauern folgten.

Sich zu weit von der Gruppe zu entfernen, den Wald zu betreten oder gar mit einem fremden Wesen zu sprechen … Wie viele Regeln er in der letzten Nacht wohl gebrochen hatte?

„Wenn ich mich fürchte, dann nicht vor dir“, antwortete er geschmeidig.

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Märchenstunde: Das Spiel der Flöte I

Bacchus holte erneut mit seiner Sense aus. Pausenlos hieb er damit auf die Ähren ein. Es war die ermüdende Schufterei, mit der er sich das tägliche Brot sicherte. Immerhin war er einer der unzähligen umherreisenden Bauern. Gemeinsam zogen sie von Feld zu Feld, um ihr Dasein zu fristen. Keiner von ihnen besaß eine sorgenfreie Zukunft, ein eigenes Haus oder gar ein paar Schuhe.

Ihre Zukunft gehörte den ländlichen Bauern.

Hinter ihm sackte eine Frau zusammen. Niemand ging zu ihr. Niemand unterbrach sein Handwerk, um gar nach ihr zu sehen. Sie hantierten lieber weiter. Selbst er.

Wer nicht arbeitete, würde keinen Lohn bekommen.

Erst als die Sonne unterging und Bacchus sein Brot erhalten hatte, schaute er nach der Zusammengebrochenen. Sie hatte sich an den Rand des Feldes gekämpft. Zitternd saß sie dort – die geschlossenen Augen dem Himmel zugewandt.

Das tat Selene immer, wenn es ihr nicht gut ging.

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