
Ich blieb bei Julie, bis sie zum Frühstück gehen musste. Solange wachte ich erst über ihren Schlaf, dann über ihre traurige Gestalt, die sich gegen das Fenster lehnte. Sie hatte fast nicht geschlafen. War kurz nach Sonnenaufgang einfach stumm aufgestanden. Und ihre Augen …
Sie sahen so melancholisch aus, dass es schmerzte.
Erst als Julie sich flüsternd verabschiedet hatte, besann ich mich wieder auf den Plan. Ich glitt durch das Anwesen, bis ich bei Maria ankam. Maria, die angekleidet auf ihrem Bett saß und Sir Stark eine Stunde später zurief, sich nicht so gut zu fühlen. Er solle runtergehen. Zum Frühstück. Dort könne er Alexander bitte verkünden, dass sie sich erstmal noch ausruhe und ihren Verlobten zum Mittag sehen würde. Er solle doch gerne mit seinem Bruder einen Spaziergang genießen.
Ich schüttelte mich genervt. Einen Spaziergang? Was wollte sie als nächstes vorschlagen? Er könne die Küche besuchen? Oder wollte sie ihn indirekt kränken? Dann könnte es lustig werden!
Amüsiert verfolgte ich sie, als Maria sich durch den Dienstbotengang schob. Dabei bewegte sie sich mit ihrem bauschigen Rock so ungeschickt, dass es beinahe wehtat. Warum begleitete ich dieses Trampeltier nochmal? Ach ja! Damit sie nur das fand, was sie finden sollte!
Mürrisch tanzte ich um sie herum und betrachtete ihren Blick. Sie wirkte so … ernst? Wütend? Verletzt? Nein. Das war etwas anderes. Betrogen?
Vor Alexanders Tür stoppte Maria. Sie legte einen Finger auf die Klinke. Riss ihn weg. Atmete durch. Legte ihn wieder rauf-
Ehe sie ihn diesmal wegziehen konnte, stieß ich einen Windstoß aus, der die Tür aufspringen ließ. Damit Maria keinen Rückzug machte. Damit sie mit Julie ihre eigenen Bedingungen erschuf. Damit sie sich ihr eigenes Grab endlich schaufelte …
Viel zu langsam trat sie ein. Sie schaute sich um. Vorsichtig. Fast so als erwartete sie, dass Alexander aus dem Nebenraum auf sie zuspringen würde. Erst dann schlug sie abrupt die Tür zu und atmete durch.
„Niemand darf wissen, dass ich hier war. Niemand“, flüsterte sie aus.
Ich schmunzelte in mich hinein. Es wäre ein Skandal, wenn jemand sie hier erwischen würde. Deswegen hatte Maria ja Julie letzte Nacht auch gebeten, Alexander und Bernhard zum Frühstück ausgiebig zu beschäftigen. Deswegen hatte Julie immerhin auch gewusst, dass Maria den Köder geschluckt hatte.
Den Köder, der sie nun zu Alexanders Schreibtisch und zu seiner Brieftruhe führte, die in der obersten Schublade ruhte.
Sachte zog Maria das Holz hervor. Sie stellte die Truhe auf den Tisch. Atmete durch. Nahm sich dann einige Briefe von ganz hinten. Jene, die Julie ihr auch beschrieben hatte. Erst las sie einen von Alexanders Vater. Dann den zweiten. Dann einen von dessen Bruder …
Schluchzend steckte sie den vierten weg. Ihre Augen waren so nass, dass ich mich wunderte, wie sie überhaupt Worte auf dem Papier ausmachen konnte. Dennoch spürte ich kein Mitleid in mir aufblühen. Ich-
Als ihre Hand nach den vorderen Briefen griff, ließ ich den Wind eilig wieder aufleben. Ich pustete alle Briefe aus der Schachtel. Es musste schnell gehen. Damit Maria nicht Julies Lüge offenbaren konnte. Damit sie immer noch glaubte, dass Bernhards Liebe echt wäre.
Nur Alexanders nicht.
Erschrocken sprang sie zurück. Sie wedelte mit den Händen. Rief panisch „Nein, nein, nein!“. Hielt sich dann den Mund zu. Stürmte hinaus!
Gelassen schwebte ich zum Fenster und ließ den Wind von draußen so lange aufpeitschen, bis es aufflog. Ich schob die Schublade mit einem Windstoß zu. Pustete auch den Rest vom Tisch-
Das würde reichen. Der Tisch stand nah genug am Fenster, damit man das Chaos von einem unglücklichen Windstoß erklären konnte. Und wenn nicht: Im Herbst verirrten sich immer wieder Tauben durch offene Fenster.
Von der Idee gefesselt schwebte ich hinaus und suchte ein verlassenes Vogelnest. Aus diesem fegte ich die vergessenen Federn mit einem Windstoß in Alexanders Räume. Federn, die nun den Schreibtisch schmückten.
Das musste reichen. Ich wollte zu Julie zurück.
Zu Julie, die immer noch am Frühstückstisch saß und sich freundlich gegenüber Bernhard gab. Die diesem sogar anbot, das Loch in seinem Hemd zu flicken.
Als dieser rot anlief, huschte ich kurz durch sie hindurch, um mich zurückzumelden. Ich lauschte seinen Worten nur halbherzig. Worte, die für mich eher zornig als dankend klangen. Worte, die Julie so freudig kommentierte, als wäre er die Sonne ihres Lebens.
