Märchenstunde: Die Eier der weißen Schlange I

Es war früher Nachmittag, als Scute die Dorfgrenze überschritt. Dabei hielt er sein Haupt erhoben. Die Kapuze ruhte gut sichtbar auf seinem Rücken. Seine Schritte richtete er entschlossen vorwärts. Entschlossen, obwohl er eigentlich gar nicht wusste, warum er sich für den Auftrag der weißen Schlange unter die Menschen mischen sollte.

Er befolgte lediglich ihre Anweisungen.

„Halt! Wer gehet da?!“, hielt ihn eine Wache grimmig auf.

„Ein Waise, von fernher“, log Scute so sanft, dass der mächtige Mann verdutzt zurücktrat, „Ich bin auf der Reise zum Königreich des Meeres und möchte in diesem Dorf nur kurz rasten, wenn Ihr es denn gestatten könnt.“

„Du willst zu den Toten?“

„Ich will zu jenen, die den Tod überlebten“, entgegnete er lächelnd.

Ohne abzuwarten, schob er sich an der Wache vorbei. Er wusste, dass der Mann noch mit sich hadern würde. Sollte er seinen Posten verlassen, um einen bloßen Waisen abzuhalten, sich zum Tode zu verdammen? Doch was kümmerte Scutes Schicksal ihn überhaupt? Scute war in diesem Dorf ja nur ein Fremder …

Du musst essen. Gib ihnen dafür drei Beeren als Bezahlung. Aber nicht mehr!

Die Worte der weißen Schlage echoten in seinen Ohren nach. Manchmal war sich der Junge unsicher, ob er sie nur in seinem Kopf hörte, so überwältigend klangen sie durch sein Innerstes.

Und so befolgte er ihre Anweisungen stets bis ins kleinste Detail:

Erst suchte er nach dem schönsten Haus. Er klopfte dort. Fragte nach einem Handel. Eine Mahlzeit für ein Getränk der Zunge. Ein Handel, dem die Bewohnerin zögerlich zustimmte.

Und so brühte Scute ihr den Beerentee seiner Heimat. Nun. Den seiner halben Heimat. Denn die kleinen violetten Beeren fand man nur in seiner zweiten Heimat. Im Dschungel.

Neben dem Nest der weißen Schlange.

Wir werden morgen durch den Wald der Wunder schreiten müssen, mischte sich diese wieder ein, als Scute sich über sein Mahl beugte, Du musst dort vorsichtig sein. Wenn die falsche Miracula dich trifft und in dich hineintastet, kann sie erahnen, dass du anders bist. Und die Miraculas dürfen mich nicht finden!

Scute stimmte ihr tonlos zu. Er wusste nicht, wovor sich die weiße Schlange fürchtete. Nur, dass ihre Sorgen berechtigt waren.

Das waren sie immer.

Noch während er vom kahlen Brot abbiss und seine Wirtin den Geschmack des Tees besang, erklang ein Raunen von draußen. Tuscheln. Rufen. Rufe wie-

„Sie ist spät dran“, seufzte seine Gastgeberin, „Einen Moment bitte.“

Ehe er sich versah, schob sie einen Vorhang weiter hinten im Haus beiseite und rief nach einem Zaire.

Ein Krächzen antwortete ihr.

„Die Heilerin ist da. Na los. Du willst deine kaputten Beine doch auch mal wieder benutzen können, oder?“, grob zog sie den Mann an seinem Leinenhemd zur Tür, „Und ja! Du musst auch wieder auf dem Feld mitarbeiten! Nun komm schon, Zaire …“

„Aber, wir können doch nicht den Besuch-“

„Der kommt auch zwei Minuten ohne uns zurecht!“, damit verschwanden sie aus dem Haus.

Scute biss gelassen von seinem Brot ab.

Er hatte über die Jahre erkannt, dass er sich seine Ängste nicht anmerken lassen durfte. Es war stets am sichersten, sich unberührt zu geben. So blendete er am besten in den Menschenmengen unter. So erkannte ihn niemand.

Und so bemerkte keiner, dass er sich seit Jahrzehnten nicht verändert hatte …

Die Heilerin ist gewiss auch eine Miracula. Halte dich von ihr fern und werde unsichtbar!, befahl die weiße Schlange angespannt.

Und so kam Scute ihren Worten nach. Er aß die letzten Bissen seines Brotes. Schob den Vorhang beiseite. Musterte den harten Boden und das einsame Fell daneben. Legte dann eine einzelne Beere vor den Vorhang und rollte sich dort zusammen.

Gewiss würde die Wirtin ihm nach dem Aufstehen eine weitere Beeren abverlangen. Doch wäre diese eh erst seine dritte. Und wenn er sich so etwas Ruhe erkaufen könnte und den Augen der Miracula entging …

Erst als die Stimmen vor dem Haus weiterzogen, atmete Scute durch. Er lauschte in sein Inneres. Hörte nichts. Spürte nichts. Da war nur … Stille.

Er hörte sich ja nicht einmal atmen!

In drei Stunden brechen wir auf. Ruhe dich noch aus. Du brauchst deine Kräfte, um meine Kinder zu retten.

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