Märchenstunde: Die letzte herzlose Tat II

Domini musste sich drei Tage gedulden, ehe er die Chance ergreifen konnte. Drei Tage, in denen er sich seinem Vater unterordnete und vor diesem auf dem Boden kroch. Drei Tage, in denen er sich über die kranken Taktiken des Mannes belehren ließ, mit denen er die Dörfer erpresste. Mit denen er sich stets all jenes nahm, was ihm nicht zustand.

Nach der Lektion am dritten Tag gab Domini vor, Kopfschmerzen zu haben und sich zurückzuziehen. Er behauptete, dass der Berg ihm Alpträume bescherte, weil er sich stets an die Taten aus der Nachfolgesuche erinnern müsse. Und dass er wohl nun eine Pause bräuchte.

Bereitwillig erteilte ihm sein Vater eine. Er schien sogar begeistert davon zu sein. Wie auch nicht? Immer, wenn sie sich verabschiedeten, spürte Domini, wie der König seine Geliebte besuchte. Und da sie diesmal mehr Zeit hätten …

Nach einer halben Stunde konnte Domini bereits ertasten, wie die beiden es miteinander trieben. Es war zu erwarten gewesen. Diese Art von Beben kannte Domini aus seinen Kindertagen. Selten war auch nur eine Nacht vergangen, in der es ruhig geblieben war. Dass sein Vater sich die letzten drei Tage so stark zurückgehalten hatte, musste ein Rekord sein.

Ein Rekord, den dieser niemals wiederholen können sollte.

Domini griff nach dem Pinsel, der in seinem Zimmer lag. Damit hatte er erst am Vortag eine Karte vom Berg gezeichnet. Doch nun sollte das Instrument eine neue Zukunft malen.

Ohne den jetzigen König.

Damit ließ er sich von der Erde verschlucken. Eine bessere Waffe bekäme er nicht zu packen. Sobald sie als Metall oder Stein wäre, würde sein Vater sie spüren oder abwehren können. Etwas aus Holz jedoch …

Domini ließ sich direkt aus der Decke fallen. Er sah, wie sein Vater sich über seine schwangere Geliebte beugte. Wie er sie küsste. Wie diese jedoch die Augen aufriss, als sie Domini sah. Wie sie gegen seine Schulter schlug!

Doch der König steckte in seiner eigenen Welt.

Im nächsten Moment landete Domini auf seinem Vater und riss diesen an seinen schwindenden Haaren zerrend nach hinten. Er rammte den Pinsel in dessen Gesicht. Zielte auf ein Auge. Hörte ein schmatzendes Geräusch. Spürte, wie sich der Körper verkrampfte. Wie er nach hinten fiel – auf Domini!

Eilig ließ er von dem fetten Mann ab und rollte sich zur Seite, ehe dieser auf den Boden schlug. Die Frau schrie. Sie verfluchte ihn. Sie-

Geistesabwesend wank Domini mit der Hand und ließ sie bis zum Bauch vom Berg verschlucken.

„Klappe.“

Sie setzte eine verzerrte Miene auf. Eine, die von Schmerzen sprach. Eine, die Domini vermuten ließ, dass sich das Kind in ihr regte. Dass es raus wollte.

Dasselbe Kind, dass sie dem König als Mahlzeit versprochen hatte.

„Wie heißt du?“

„Maleva“, behauptete sie, „Und ich kann dir ebenso gut dienen, wie deinem Vater. Nebenan ist dein letztes Geschwisterchen. Töte ihn und werde der König unseres Berges.“

Domini erschauderte. Wie herzlos konnte diese Frau sein? Nicht nur hatte sie ihr Ungeborenes vor dem letzten König verdammt – nun wollte sie auch ihren ersten Sohn in den Tod schicken?

„Und was ist mit deinem anderen Sprößling?“, fragte Domini und deutete dabei mit nachdenklicher Miene auf ihren Bauch.

„Das hier?“, sie lächelte, „Ein weiteres Geschenk an deine Familie. Verspeise es und du wirst auf ewig über dieses Reich herrschen.“

„Verspeise es“, wiederholte Domini kopfschüttelnd, „Sind deine Kinder genauso herzlos wie du? Oder ist nur dein Herz erfroren?“

Als Antwort lachte sie auf. Sie schüttelte den Kopf. Wies zu dem toten König herüber: „Du weißt schon, dass er der herzloseste von uns allen war, oder? Wer sagt, dass es also nicht auch in deinem Blute steckt?“

Die Wahrheit konnte Domini nicht abstreiten. Also wandte er sich ab. Er blickte zu der Nische herüber, auf die die Frau gewiesen hatte. Hinter der er einen kleinen Körper spürte, der sich gegen die Tür lehnte. Der das Gespräch belauschte …

„Liebst du deine Kinder nicht?“, fragte Domini etwas lauter.

„Was ist schon Liebe?“, sie schüttelte sich, „In meinem Dorf litten wir jeden Tag Hunger. Meinen Körper an einen dreckigen König zu verkaufen und damit jeden Kummer zu vergessen, ist mehr wert, als ein paar Fleischbrocken aus meinem Leib zu quetschen. Kinder nennst du sie? Für mich sind sie nur laut und anstrengend! Wäre ich noch daheim, hätte ich Maestro direkt nach seiner Geburt in den Fluss geworfen!“

Domini spürte, wie der Junge zusammensackte. Also wandte er sich der Frau wieder vollends zu. Er ließ die Erde unter ihren Beinen etwas absenken und schuf so eine kleine Nische. Eine, in der ihr Kind auf die Welt kommen könnte. Eine, in der es vor seiner Mutter beschützt werden würde.

Dann zwang er die Erde um ihre Knöchel zusammen, damit sie aufkeuchte und sich am Boden abstützte. Nur einen Moment, damit er ihre Handgelenke fesseln konnte. Damit sie sich und dem ungeborenen Kind nicht schaden könnte.

„Du wartest hier“, befahl er, ehe er zu Maestro ging.

Der Junge war winzig. Und zittrig. Er suchte Abstand zu Domini. Schien bereits seinen Tod vor sich zu sehen. Schien zu wissen, dass eigentlich einer von ihnen sterben müsste.

Aber Domini konnte sich nicht dazu durchringen. Vor ihm stand kein wahrer Kandidat der Nachfolgesuche. Maestro war nur ein Kind. Ein Kind mit demselben Schicksal wie seine Nova.

Und dieses Kind sollte nicht leiden müssen.

„Maestro … Der Name klingt ziemlich großkotzig. Ab sofort bist du Pino. Und Pino ist meine rechte Hand. Kannst du das?“, verfügte er.

„Du … Papa ist-“

„Du hattest keinen Papa. Du hattest keine Mama. Maestro hatte beides. Und Maestro ist tot“, erklärte Domini erneut, „Oder ist mir ein Fehler unterlaufen? Lebt Maestro doch noch?“

Er wusste nicht, ob der Junge ihn vollends verstand, als dieser langsam nickte. Aber wenn Nova ihre Vergangenheit so schnell vergessen konnte, so sollte es auch mit diesem Jungen klappen, oder? Er hatte ihm immerhin schon das wichtigste Werkzeug dafür gegeben:

Einen neuen Namen.

Und sobald diese Maleva ihr zweites Kind gebar, würde er auch dieses für seine Zwecke umformen. Er würde sich von Deita helfen lassen, damit sie die beiden zum Anstand erzog. Er würde Nova nach Hause bringen.

 Denn er würde als König gerechter herrschen, als sein Vater je geträumt hatte.

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