
Einen ganzen Tag irrte Scute durch den Dschungel, ohne wirklich voran zu kommen. Den Worten der Wahrsagerin folgend hatte er sich auf alles konzentriert, was ihm nicht als groß erschien. Doch war das wenig erfolgversprechend. Es gab viel zu viele Blumen und Insekten, die das Heilmittel für seine Großmutter in sich tragen konnten! Wie konnte die Wahrsagerin also sicher sein, dass er es finden könnte?
Nachdenklich hangelte er sich einen anderen Baum entlang. Es war die sicherste Art der Fortbewegung. Zwar schmerzten ihm die Arme davon, aber das hieß nur, dass sie noch nicht Futter für eines der Tiere geworden waren. Auch hatte er es nicht gewagt, nachts die Augen zu schließen, weswegen die Müdigkeit ihn sachte umwob.
Bald würden Scutes Kräfte versagen …
Würde er seine Großmutter hängen lassen?
„Es tut mir leid“, hauchte er in die schwüle Mittagsluft.
Als hätte sein Körper die Worte als eine Erlaubnis zum Aufgeben verstanden, rutschte er ab und knallte mit dem Bauch gegen einen tieferhängenden Ast. Ein Knurren grüßte ihn. Das Knurren einer schwarzen Raubkatze. Sie stand vor ihm. Die Zähne gefletscht. Den Oberkörper geduckt. Zum Sprung bereit-
Benommen fragte Scute sich, ob das sein Ende war.
Gerade als sie sich auf ihn stürzte, schoss etwas Langes aus dem Baum. Eine riesige braune Schlange wickelte sich um die Raubkatze. Beide wanden sich umeinander. Fauchend. Zischend.
Scute schluckte. Er sammelte sich. Tastete seinen Bauch ab. Drückte sich nach oben, um seine Fluchtmöglichkeiten abzuwägen und-
„Das würde ich an deiner Stelle nicht machen“, vernahm er eine sanfte Stimme.
Erschrocken schaute er sich um. Er erblickte jedoch niemanden. Da war kein Mensch. Und ein Tier sah er auch nicht. Aber er hatte jemanden gehört! Oder war er schon so müde, dass er es sich nur einbildete?
Vorsichtig setzte er sich auf, als die Stimme erneut erklang.
„Meinst du, sie kämpfen noch gegeneinander, wenn ihre Trophäe fort ist? Gedulde dich noch.“
Scute schüttelte den Kopf: „Wo bist du? Nein. Wer bist du?“
Lachen erschallte und plötzlich baumelte etwas weißes vor seinem Kopf. Es war eine dürre Schlange. Sie war so weiß, wie das Flusswasser, wenn es das Sonnenlicht reflektierte. Doch war sie auch so unscheinbar, dass er sie im Vorbeilaufen nur für einen Spinnenfaden gehalten hätte …
„Ich bin der, der ich bin“, erwiderte die Schlange und Scute brauchte drei Anläufe, um ihre schwarzen Augen auszumachen.
Sie waren so groß wie Sandkörner!
„Du-“, er atmete tief durch, „Du kannst reden?“
„Nur mit jenen, die von Magie berührt wurden“, sie nickte sachte, „Du besitzt zwar keine. Aber du warst von ihr umhüllt. Ist deine Mutter aus einem Zirkel?“
„Meine-“, Scute schüttelte den Kopf.
Nein. Seine Mutter … Sie war tot, oder? Hatte seine Großmutter das nicht gesagt? Deswegen hatte die alte Frau sich ja um ihn gekümmert!
„Ich habe keine Mutter“, korrigierte er die kleine Schlange.
„Ach, was! Jeder hat eine Mutter. Ruhe, ihr zwei!“
Ihre letzten Worte richtete die weiße Schlange an die Kämpfenden und abrupt hielten diese inne. Sie neigten die Köpfe in ihre Richtung. Zischten. Knurrten. Verstummten jedoch, als sie erneut das Wort erhob.
„Er gehört mir.“
Damit wandten sich die riesigen Geschöpfe ab.
„Du … Sie hören auf dich.“
„Natürlich“, die weiße Schlange klang fast beleidigt, „Ich bin immerhin ich.“
„Ja, aber …“, Scute verstand nicht, wie dieses winzige Tier so erhaben sein konnte. Doch verfügte es über genügend Verstand, um mit ihm zu sprechen.
Vielleicht konnte es helfen?
Es war immerhin so klein …
Hatte die Wahrsagerin von der weißen Schlange gesprochen?
„Vielleicht kannst du mir helfen. Ich suche ein Heilmittel. Für meine Großmutter. Ich soll es finden, ehe der Fluss wieder Wasser führt. Ansonsten stirbt sie. Das hat mir die Wahrsagerin prophezeit und-“
„Natürlich stirbt sie. Jeder muss mal sterben. Die Wahrsagerin hat dir nur das Offensichtliche gesagt“, unterbrach die Schlange lachend.
„Ja, aber-“
„Nichts, aber. Sie wird eines Tages sterben. Du wirst eines Tages sterben. Wie auch nicht? Würdet ihr ewig leben, würden eure Körper euch dafür hassen. Ihr könnt nicht eure Häute wechseln. Ihr könnt nicht die Ewigkeit in euch einschließen“, die Schlange tanzte einen verworrenen Tanz, wobei sie ihren eigenen Schwanz zu beißen schien.
„Ich muss doch irgendetwas tun können. Ich muss ihr helfen können und-“
„Ja. Du kannst sie gehen lassen.“
Scute starrte das Tier verwirrt an. Das konnte nicht ihr Ernst sein! Nach all den Reptilien, nach der Raubkatze und dieser riesigen Schlange, die ihn mit einem Bissen hätte verschlingen können – da sollte er sich einfach mit dem Tod seiner Großmutter abfinden? Mehr hatte dieses Vieh ihm nicht vorzuschlagen?!
„Nein! Ich muss ihr helfen! Sie hat so viel für mich getan. Wie sollte ich ihr da kein Heilmittel beschaffen können?! Sie ist-“
„Holst du das Heilmittel für sie oder für dich?“
Verwirrt starrte er in die schwarzen Augen. In diese glänzenden Punkte …
„Für sie natürlich“, behauptete Scute, obwohl sich Unruhe in seine Glieder schlich.
„Ah, also hat sie dich darum gebeten?“
„Nicht direkt, sie …“, er schluckte die Wahrheit herunter.
Die Wahrheit, dass seine Großmutter ihn angefleht hatte, nicht zu gehen. Dass er sein Leben nicht für sie aufs Spiel setzen solle. Dass er leben solle …
„Ah, dann hat sie es dir befohlen?“
„Nein. Sie würde nie-“
„Ich bin verwirrt. Wie kannst du es für sie tun, wenn es nicht ihr Wunsch ist?“
„Damit sie nicht stirbt! Damit sie-“
„Damit sie bei dir bleibt? Nicht damit du bei ihr bleibst? Nein. Dann wärst du ja jetzt bei ihr, oder?“
Die Schuldgefühle überkamen Scute so heftig, dass er zurücktaumelte. Er wusste nicht mehr, was richtig war. Stimmte es? Wollte er seine Großmutter nur ihm zuliebe retten? Sie hatte ihn ja wirklich nicht darum gebeten.
Sie hatte ihn stattdessen angefleht, im Dorf zu bleiben.
In Sicherheit …
Doch als die Wahrsagerin ihm von dem Heilmittel erzählt hatte, hatte er nicht mehr bleiben können. Nicht, solange es eine Hoffnung war. Immerhin hatte die Wahrsagerin ihm offenbart, dass er es schaffen könne. Dass er dafür hierhin müsse. Dass er …
Die Wahrsagerin war magisch. Sie kam aus einem Zirkel. Genauso, wie die weiße Schlange es von Scutes Mutter vermutet hatte …
Ob das ein Zufall war?
„Ich bin hier, weil ich ihr helfen wollte. Dabei … Großmutter wollte nicht, dass ich den Fluss überquere. Sie hielt es für zu gefährlich und …“
„Ah, dann kannst du also deine eigenen Fehler erkennen, hm?“, die Schlange schmiegte sich um sein Handgelenk.
Ihre Schuppen waren kühl in der schwülen Hitze. Kühl und sanft. Es überraschte Scute, wie sanftmütig dieses Wesen war.
„Ich … Was würdest du an meiner Stelle tun?“
„Wenn du es wissen möchtest, musst du den Preis dafür bezahlen. Willst du das wirklich?“
