
Die erste Hälfte der Strecke erwies sich als so ereignislos, dass Liber sich vollkommen entspannte. Er blickte kaum noch zur Insel herüber, um nach den Boten seines Vaters Ausschau zu halten – Helmträger, die Fackeln entzündeten, sobald sie seine Segel ausmachten.
Sie würden Alarm schlagen, wenn er kenterte.
Mit frischem Mut gewappnet bedachte er das Gewässer vor sich. Er näherte sich dem Riff. Hier musste er eine Entscheidung fällen: Sollte er geradeaus weiter und das Risiko eingehen, sein Boot zu beschädigen? Oder sollte er lieber hinaus aufs Meer fahren und den längeren, aber sicheren Weg in Kauf nehmen? Eigentlich hatte er sich daheim für letzteren entschieden. Aber da alles so gut lief und sein Boot eh keinen großen Tiefgang hatte … Gewiss könnte er sich die Umfahrung sparen, oder?
Nachdenklich blieb Liber auf dem Kurs. Er beobachtete die Wellen einen Moment argwöhnisch. Dann schweiften seine Augen zur Insel zurück.
Zu den Klippen.
Hier, so behaupteten die Geschichten, wäre ihre Hauptinsel vom Schloss abgesplittert. Der Weg dorthin hätte einst zum König geführt. Zu seinem Palast, das in der Tiefe des Meeres versank. Ha! Wie albern es doch klang. Hier war ein Riff. Wie sollte an eben jener Stelle ein riesiges Bauwerk verschwinden?!
Lachend schüttelte er den Kopf und legte sich im Schatten des Segels nieder. Der Tag war herrlich. Warm. Ruhig. Warum hatte er sich nur so gesorgt? Der Ozean war der friedlichste Ort auf Erden!
„Was ist so lustig?“
Erschrocken hielt Liber inne. Hatte er sich das nur eingebildet? Ja. Er musste. Er war allein auf seinem Segelboot. Niemand war ihm gefolgt!
Und dennoch …
Langsam setzte er sich auf. Sein Blick glitt über das Holz, über die Seile, über das Leinen …
… zum Wasser.
Holzbalken trieben hier herum. Holzbalken und Bretter. Und auf einem davon lehnte ein Mädchen. Sie hatte langes, dunkles Haar, das sich wie ein Algenteppich ausbreitete. Ihre Finger klammerten sich an dem schwimmenden Material fest, als würde sie ohne dessen Hilfe ertrinken. Doch ihre Augen …
Noch nie zuvor war Liber einer solchen Stärke begegnet.
„Ehm … Geht es Ihnen gut?“, fragte er vorsichtig, während er darüber grübelte, wie sie ihm zuvor entgangen war.
Das Mädchen hob eine Augenbraue: „Nun, ginge es Euch gut, wenn Euer Boot kentert und sie einen ganzen Tag umhertrieben, nur um dann von einem unverblümten Lachen geweckt zu werden?“
Liber blickte beschämt zur Insel zurück: „Verzeiht. Ich wusste nicht- Ich meine- Ich habe nicht damit gerechnet, dass- Die Häfen sind auf der anderen Seite der- Ich meine- Also, die Klippen-“
„Erspart mir Eure Entschuldigungen und helft mir an Bord. Ich möchte endlich wieder trocken werden“, forderte das Mädchen.
Hastig nickte Liber.
Dann stockte er.
„Sie … Woher kommen Sie?“
„Vom Festland. Woher auch sonst? Dass man hier jedoch so unhöflich ist, war mir leider nicht bekannt“, schimpfte das Mädchen ungehalten.
Liber nickte.
Dennoch bot er ihr noch keine Hilfe an. Dies war seine Reise zum Mannesalter. Er sollte sich beweisen. Er sollte zeigen, dass er das Meer verstand, dass er die Inseln auch allein befahren konnte!
Und obwohl er von den Geschichten der Meernixen nichts hielt, so sprangen sie ihm nun alle wieder ins Gedächtnis. Die Erzählungen über singende Stimmen, die einen aufs Riff lockten. Über Schätze, die jedes Schiff sinken ließen. Über klagende Schiffsbrüchige, die einzig den Tod an Bord brachten. Diese Menschen würden nämlich nur auf eine helfende Hand warten, um jeden Narren mit sich in die Tiefe zu zerren …
Doch sollte Liber wirklich aufgrund dieser albernen Erzählungen ein Mädchen in Not ihrem Schicksal überlassen? Wenngleich die Berittenen seines Vaters eh auf ihn Acht gaben? Es konnte doch nichts geschehen-
Oder?
Entschlossen schüttete er die Horrorvisionen ab und warf dem Mädchen ein Seil zu: „Komm zu mir. Ich habe eine Decke und etwas Brot und Wasser. Das wird dir gut tun!“
Das ließ sie sich nicht zweimal sagen. Geschwind zog sich das Mädchen heran und kletterte ins Boot. Liber betrachtete dabei erleichtert ihre Beine, die zuvor vom Wasser verborgen gewesen waren.
Diese albernen Ammenmärchen!
„Also sind Eure Manieren doch vorhanden?“, fragte das Mädchen, als sie die Verpflegung entgegennahm.
„Ich habe nie das Gegenteil behauptet“, antwortete er und überprüfte nochmal ihren Kurs, „Wart Ihr allein unterwegs?“
„Ich bin die einzige, die sich über Wasser halten konnte“, entgegnete das Mädchen schulterzuckend, „Was ist mit Euch? Wieso allein des Weges?“
„Ich bin dabei, ein Mann zu werden“, erklärte Liber stolz und reichte ihr die Decke, „Das ist meine erste alleinige Segelfahrt. Wenn ich sie bestehe, werde ich von allen anerkannt werden.“
„Also seid Ihr Gioves Nachfahre?“, fragte sie weiter.
Diesmal stockte Liber. Es klang, als wüsste sie, von wem sie sprach. Wieso? War sein Großvater auf dem Festland so bekannt? Ob man ihn dort für den König der Inseln hielt? Oder waren nur seine Seefahrtkünste berüchtigt?
Aber wieso hatte sie die Verbindung zu ihm gezogen?
„Mein Name ist Liber. Ihr Name ist mir, glaube ich, entfallen?“
„Entfallen? Ich hatte mich doch gar nicht vorgestellt“, sie lächelte und erst nun wurde ihm bewusst, dass sie noch nichts zu sich genommen hatte – kein Wasser, kein Brot. Dabei müsste sie doch vollkommen ausgelaugt sein! Auch erschien sie ihm zu kräftig. Wie war sie nur so behände an Bord gekommen?
Unwohl wollte Liber nach den Helmträgern der Insel Ausschau halten, nur fürchtete er sich, die Augen von dem Mädchen zu nehmen. Er fürchtete sich, nach dem Riff zu sehen. Er fürchtete sich, den Blicken der Toten zu begegnen!
„Nun. Vielleicht möchten Sie mich erheitern?“, fragte er schwach.
Stattdessen lehnte sie sich grinsend vor. Sie stützte den Kopf in den Händen ab, die Ellenbogen auf die Knie.
„Du. Weißt. Wer. Ich. Bin.“
Jedes ihrer Worte klang wie ein Meeresrauschen. Wie ein Gesang. Die Wellen krachten gegen das Boot. Möwen krächzten. Und dennoch konnte Liber den Blick nicht abwenden.
Stumm nickte er.
„Ihr habt mir geholfen. Hattet Ihr keine Angst?“, erkundigte sie sich.
„Mehr Angst hätte ich gehabt, wenn ich Euren Tod verantwortet hätte“, flüsterte er ehrlich, „Ihr … Jeder verdient es, zu leben.
Jeder.“
Sie hielt inne. Etwas in ihrem Blick hatte sich verändert. Sie lächelte nicht mehr. Stattdessen schlich sich ein nachdenklicher Blick in ihre Augen. Als würde sie etwas erkennen, das jedem sonst verborgen blieb.
„Ihr seid wahrlich edel“, verkündete sie und lehnte sich wieder zurück, „Edel oder ein Lügner. Wenn Ihr nun ein armes Mädchen gerettet hättet, hättet Ihr es wirklich sicher zur Insel gesegelt? Oder hättet Ihr einen Preis für diesen Altruismus gefordert? Vielleicht die Unschuld des Armen Dinges, um den Weg zum Mann zu vollenden? Um vollständig-“
„WAS?! NEIN!“, Liber verkrampfte sich vor Ekel, „Wie könnt Ihr so etwas behaupten! Dies ist-“
„Nun. Damit seid Ihr zumindest nicht wie Euer Vater, oder?“
Sie stand auf und der junge Seefahrer konnte sie nur verdattert anstarren.
„Ich werde ihn für seine Vergehen beim nächsten Mal richten. Du kannst Salacia ausrichten, dass ich nur ihretwegen Rücksicht genommen habe. Aber damit wird nun Schluss sein.
Auch Ihr Ende naht.“
Damit sprang Bellona in den Ozean und verwandelte sich in die Prinzessin des Untergangs zurück. In die Königin der Ungeheuer.
In eine Meernixe.
